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Debattenkultur:Dialog statt Sperrzonen

Protest gegen Demo von Abtreibungsgegnern

Teilnehmer vom sogenannten "Marsch für das Leben" fordern ein Ende von Abtreibungen.

(Foto: dpa)

In Hessen wurde diskutiert, Abtreibungsgegner mit einer Bannmeile von Praxen fernzuhalten. Die Idee ist naheliegend - aber falsch.

Wer inspirierende Ideen für den Umgang mit der demokratisch verankerten Meinungsfreiheit sucht, der durfte den Blick zuletzt nach Hessen wenden. Dort schwelt seit Monaten ein heftiger Streit um die Frage, ob man um Beratungsstellen und Praxen für Schwangerschaftsabbrüche eine Art Bannmeile für Abtreibungsgegner errichten sollte.

Es hatte Mahnwachen und Proteste gegeben, Frauen wurden vor den Einrichtungen angesprochen, Ärzte und Helfer fühlten sich diffamiert, man versteht sofort, dass das unangenehm für Schwangere und Personal gewesen sein muss. Einen Raum zu schaffen, der frei ist von der oft gewiss unerträglichen Konfrontation mit extremen Ansichten, ideologischem Denken, moralinsaurer Verachtung - das erscheint daher eigentlich als eine gute Lösung.

Es muss also darum gehen, miteinander zu diskutieren, anstatt jeder für sich

Andererseits könnte einem neben der offensichtlichen Meinungsfreiheit einfallen, erstens, dass Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland nach wie vor rechtswidrig sind und Ungeborene laut Gesetz vom Moment der Befruchtung an geschützt sind. So rückwärtsgewandt einem das vorkommen mag im 21. Jahrhundert, man kann den Demonstranten schlecht vorwerfen, dass sie auf geltendes Recht hinweisen. Zweitens aber, und das ist viel wichtiger, lässt sich diese entzückende Idee der Ausgrenzung nur allzu gut weiterdenken. Tierversuchsgegner? Raus aus der Sperrzone. Gentechnik-Kritiker? Bitte hinter der Linie bleiben. Windkraftanlagen-Verhinderer? Zurück ins Dorf.

Dabei sollte man inzwischen eigentlich so weit sein, dass man das Meidungsverhalten gegenüber radikal oder unvernünftig oder nur den eigenen Positionen widersprechenden Gruppen als kontraproduktiv erkennt. Je mehr Sperrzonen es gibt, desto gespaltener wird die Gesellschaft. Es muss also darum gehen, miteinander zu diskutieren, anstatt jeder für sich. Es geht um Dialog statt Abwehr. Das hat alles seine Beschränkungen, und es muss aufhören, wo Menschen angegriffen, wo verfassungswidrige Ansichten vertreten werden - wo es wirklich hässlich wird. Aber dass Forscher heute Tierschützern zuhören, oder Experten auf Veranstaltungen von Impfgegnern mitdiskutieren, ist der wichtige Versuch, eine Gesellschaft zusammenzuhalten.

Das ist nicht immer bequem und sehr oft ist es auch sinnlos. Man wird Abtreibungsgegner kaum davon überzeugen, dass der Schwangerschaftsabbruch für Frauen eine wichtige Option ist. Aber Sperrzonen machen es nur schlimmer - und führen zu dem, was man schon zu erkennen glaubt, nämlich zur Radikalisierung. Zum Glück ist das in Hessen jetzt nicht passiert, die Idee wurde verworfen. Aber wer weiß, wer sie als Nächstes wieder hervorkramt.

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