Absturz von Germanwings-Flug 4U9525:Die Krankheit hat viele Namen, auch des Kaschierens wegen

Dabei gibt es so viele Betroffene. Ohne Unterschied kann es jeden treffen. Junge und Alte, Religiöse und Atheisten, Intelligente und Dumme, Griechen und Deutsche. Keine Gesellschaftsschicht ist ausgenommen, kein Beruf davor bewahrt. Spitzenmanager leiden darunter, Journalistinnen, Sozialhilfeempfänger und vielleicht auch mancher Wiener Kaffeehaus-Pianist.

Berühmte Menschen wie Winston Churchill und Kirsten Dunst, Ludwig van Beethoven und Sebastian Deisler - niemand ist gefeit, jeder kann Depressionen bekommen. Allein in Deutschland leiden (vermutlich deutlich) mehr als vier Millionen Menschen unter dieser "Volkskrankheit".

Schwermut, Weltschmerz, Trübsinnigkeit: Die Wolke, die diesen Menschen die Heiterkeit verdunkelt, hat viele Namen, auch des Kaschierens wegen. Früher sprach man von der Melancholie, einem aus dem Griechischen entlehnten Wort, das inzwischen sich fast niedlich ausnimmt angesichts seiner Bedeutung: Schwarzgalligkeit.

Das aus der Zeit gefallene Wort beschreibt das Krankheitsbild einer Depression allerdings deutlich zutreffender als der Begriff "Melancholie", der heute fast schon positiv konnotiert ist. Denn die Betroffenen befinden sich in einem Zustand der Qual, den ein Außenstehender kaum nachvollziehen kann. Häufig geht eine Depression auch mit massiven körperlichen Symptomen einher, etwa Schmerzen in ganz unterschiedlichen Körperregionen.

Fast ausnahmslos war Melancholie bis in die Moderne hinein negativ konnotiert. In der Antike entstand der Begriff und genauso alt ist die Diskriminierung derjenigen, die unter Depressionen leiden. In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten etwa entstand die Mär vom "Mittagsdämonen", der "von allen Dämonen der drückendste" sei, wie der Mönch Euagrios im vierten Jahrhundert schreibt.

Meist mit der Krankheit allein

Martin Luther entwickelte den Gedanken weiter, obschon er selbst unter starken Stimmungschwankungen gelitten haben soll. Eine Versuchung des Teufels sei die Melancholie, wetterte der Reformator. Luther riet, Schwermut mit Musik - "Naturform des Evangeliums" - zu bekämpfen.

"Immer schlecht" sei die Melancholie, stellte der Philosoph Baruch de Spinoza fest. Doch wo war die Linderung der Depression, wo war die Hilfe in jenen Zeiten, Jahrhunderte vor der Entwicklung der modernen Medizin, Therapien und Psychopharmaka? Es gab keine und zusätzlich den Druck einer Gesellschaft, die den Betroffenen vorhielt: schlecht, diabolisch, pfui. Die Kunst nahm zwar die Melancholie als Motiv für Bilder auf, Meisterwerke entstanden von Albrecht Dürer bis Vincent van Gogh. An der Situation der Betroffenen änderte das allerdings wenig. Sie blieben meist allein mit ihrer Krankheit und schwiegen.

Fühlte sich Andreas Lubitz wegen seiner Depression diskriminiert? Eine Antwort darauf wird es wohl nie geben. Eines ist aber gewiss: Wenn der Umgang mit Depressionen und Betroffenen unverkrampfter wäre, wäre das nicht nur ein Segen für die Erkrankten.

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