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Abhängigkeit:Wer pausenlos am PC hockt, braucht Hilfe

Verloren in virtuellen Welten - Spielsucht ist ein Teufelskreis

Wo verläuft die Grenze zwischen gesundem und kranken Spiel? Noch sind viele Fragen offen.

(Foto: dpa-tmn)

Die WHO erwägt, die Diagnose Computer-Spielsucht einzuführen. Das ist wahrlich kein Grund, aufzuheulen und die Zwangsbehandlung aller Gamer zu fürchten.

Nein, das ist ein Irrtum: Psychiater ziehen nicht in weißen Kitteln auf der Straße herum, um mit Lassos möglichst viele Passanten einzufangen, ihnen eine Diagnose überzustülpen und sie dann mit Psychopharmaka vollzustopfen. Daran muss vielleicht erinnert werden, wenn jetzt wieder die Anhänger von Computerspielen aufheulen, weil die WHO laut einem vorläufigen Entwurf erwägt, Computer-Spielsucht in den demnächst erscheinenden Diagnosekatalog ICD-11 aufzunehmen - die Liste anerkannter Krankheiten, nach der auch in Deutschland die Ärzte abrechnen müssen.

Man kann die Störung nicht allein an der Zahl der Bildschirm-Stunden erkennen

Zugegeben, es gibt Argumente gegen die vorschnelle Aufnahme der Störung in den Katalog offizieller Krankheitsbilder. Obwohl kaum ein Experte mehr daran zweifelt, dass eine ganze Menge Menschen einen pathologischen Umgang mit Computern pflegt, sind einige Fragen offen, und die Studienlage könnte besser sein: Wo genau liegen die Ähnlichkeiten zur klassischen Drogen- oder Alkoholsucht? Ist die Computer-Spielsucht eine eigenständige Krankheit oder Folge anderer Störungen wie Angst, Depression oder Asperger? Wo verläuft die Grenze zwischen Leidenschaft und Sucht? Klar ist, dass man die Störung nicht an der reinen Zahl der Bildschirm-Stunden festmachen kann, sondern an ihren Auswirkungen auf das soziale und berufliche Leben.

Man kann dafür plädieren, die Internet-Spielsucht noch ein paar Jahre als Forschungsdiagnose zu führen. So haben es die Autoren des DSM-5 gemacht, des Diagnosekatalogs der amerikanischen Psychiater-Vereinigung APA. Andererseits wirken manche dieser Diskussionen arg akademisch, wenn man bedenkt, dass mancherorts bereits Spezialambulanzen für Internetabhängige betrieben werden. Offenbar gibt es Behandlungsbedarf.

Über all diese Fragen ließe sich vernünftig reden, wenn nicht jedes Mal Teile der Öffentlichkeit in Aufregung gerieten, sobald eine neue psychiatrische Diagnose im Raum steht. In Sachen Computer-Spielsucht droht derzeit die gleiche Debatte wie bei der Entscheidung der APA im Jahr 2014, wonach Ärzte bereits zwei Wochen nach einem Trauerfall eine Depression diagnostizieren dürfen; zuvor ging das erst nach zwei Monaten. Es ist nicht erkennbar, dass sich dadurch - wie von vielen prophezeit - die Trauerkultur geändert hätte.

Genauso wenig müssten die Gamer befürchten, dass sie psychiatrisch zwangsbehandelt werden, sollte die neue Diagnose offiziell anerkannt werden. Sie ist ein Angebot. Sie eröffnet Menschen, die Hilfe suchen - oder vielleicht auch von Angehörigen gedrängt werden -, die Möglichkeit, auf Kosten der Kassen eine Therapie zu machen.

© SZ vom 30.12.2017

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