Zusammengeklebter Schinken Wie die Fleischindustrie Verbraucher leimt

Resteverwertung in der Kühltheke: Die Lebensmittelindustrie hat Methoden entwickelt, um mit Hilfe von Enzymen aus Fleischfetzen ein neues Stück zusammenzusetzen: Klebefleisch. Schon der Name klingt unappetitlich, doch schützen kann sich der Verbraucher bislang kaum.

Von Nicolas Peerenboom und Dirk Zblewski

"Ich kaufe nur beim Metzger meines Vertrauens", sagte Fernsehkoch Alfred Biolek immer in seiner Sendung. Doch wie können Verbraucher darauf vertrauen, dass der Händler wirklich nur einwandfreie Ware anbietet und nicht minderwertiges Fleisch, das wieder neu aufbereitet wurde? Über ein besonders dreistes Beispiel von Verbrauchertäuschung - in Kooperation mit dem NDR.

Vorsicht vor Stückwerk beim Fleisch

Resteverwertung in der Kühltheke: Die Lebensmittelindustrie hat Methoden entwickelt, um mit Hilfe von Enzymklebern aus kleinen Fleischfetzen ein neues Stück Fleisch zusammenzusetzen: Klebefleisch. Schon der Name klingt unappetitlich, doch schützen kann sich der Verbraucher kaum. mehr ...

Das klingt nicht lecker: Rohe Fleischfetzen werden mit Enzymen zu einem größeren Stück zusammengeklebt und als gewachsener echter Rohschinken verkauft. Für den Verbraucher ist das nicht erkennbar, weil ein entsprechender Hinweis auf der Verpackung fehlt. Das war der Lebensmittelskandal des Jahres 2010.

Das NDR-Magazin "Markt" hatte damals über die Praktiken der Lebensmittelindustrie berichtet und eine öffentliche Debatte über Klebefleisch ausgelöst. Verbraucherschutz-Ministerin Ilse Aigner (CSU) reagierte und forderte, Klebefleisch müsse eindeutig als solches gekennzeichnet werden.

Jetzt haben die NDR-Reporter nachgehakt und überprüft, was sich seitdem verändert hat. Mit Testkäufen wollten sie feststellen, aus was der in Supermärkten angebotene Nussschinken wirklich besteht. Nussschinken heißt deshalb so, weil er aus einem knochenfreien und besonders zarten Teil der Keule geschnitten wird, der sogenannten Nuss. Die Verbraucher gehen in der Regel davon aus, dass das Fleisch natürlich gewachsen ist, also aus einem einzigen Stück geschnitten ist.

Doch im Labor zeigt sich: Zwei der stichprobenartig eingekauften Produkte sind eindeutig Klebefleisch. Bei ihnen wurden je mindestens drei Schweine verarbeitet, das beweisen DNA-Tests. Für den Verbraucher ist dies nicht erkennbar, da auf den gekauften Schinkenpackungen jeglicher Hinweis fehlt. Erst im Verlauf der Dreharbeiten ändert ein Hersteller die Kennzeichnung, ein Tochterunternehmen einer großen Supermarkt- und Discounter-Kette. Nun ist in kleiner Schrift auf der Rückseite "zerlegt, zusammengefügt" gedruckt. Der zweite Hersteller gibt zu, dass bei seinem Produkt "Nüsse von verschiedenen Schweinen in eine Form gepresst" werden. Die Verbraucher lässt er darüber jedoch im Unklaren - nach Meinung von Experten eine eindeutige Irreführung.

Hinweis: Die Sendung Die Tricks der Lebensmittelindustrie ist am Montag, dem 16. April, um 21 Uhr im NDR-Fernsehen zu sehen - direkt im Anschluss an das Verbrauchermagazin Markt.