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Wohnen in: Kapstadt:Himmel und Hölle

Kapstadt ist für die einen die schönste Stadt der Welt, für die anderen ein Albtraum - je nachdem, auf welcher Seite man wohnt. Die südafrikanische Metropole ist in den vergangenen Jahren zu einem beliebten Investmentziel der Immobilienbranche geworden - das treibt die Preise.

Der neue Vorort hat noch keinen Namen und wird wohl auch immer namenlos bleiben, was für Bongani an diesem Nachmittag aber das geringste Problem ist. Mit einem halben Dutzend anderer Frauen steht sie auf einer Ebene vor den Toren Kapstadts, ein paar kleine Feuer brennen das Gestrüpp nieder. Männer schütten Sand aus der Ladefläche eines kleinen Transporters, den sie festklopfen und glatt streichen. Es ist das Fundament für Bonganis neues Leben - das dem alten gleicht.

"Ich habe vor 21 Jahren den ersten Antrag auf eine Sozialwohnung gestellt", sagt die 52-Jährige. Der Antrag ging wie viele Hunderttausend Anträge irgendwo in den Ämtern der Sozialbehörde verloren, weshalb Bongani nun etwa 600 Euro dafür ausgegeben hat, dass die Männer vor ihr das Gras niederbrennen, ein Fundament aus Sand aufschütten und darauf eine kleine Blechhütte stellen, Bonganis neues Haus. Mit ihrem richtigen Namen will sie lieber nicht zitiert werden, weil das, was sie und Dutzende andere Frauen und Männer hier tun, nicht legal ist, das Land nicht ihnen gehört und nicht zur Bebauung freigegeben ist.

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Blick auf Kapstadt. Die Weltbank hat Südafrika vor Kurzem als ungleichstes Land der Welt bezeichnet. Die extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich sind auch in der Hafenstadt an der Südwestküste zu sehen.

(Foto: Cape Town Tourism / dpa)

"Wo sollen wir denn sonst hin", fragt Bongani. Ihre ganzen Ersparnisse hat sie in die Blechhütte gesteckt. Die womöglich nicht lange stehen wird. In regelmäßigen Abständen geht die Polizei gegen sogenannte "Land invasions" vor, kommt mit Hunden und schwerem Gerät und reißt die namenlosen Siedlungen nieder.

Kapstadt kann Hölle sein, aber auch Himmel. Eine Stadt von unfassbarer Schönheit, in der man morgens aufwacht und aufs Meer schaut, in der man hinter dem Haus den Tafelberg hinaufsteigen kann und beim Hinunterlaufen noch schnell in einem Weingut vorbeischaut. Eine Stadt, in der man vor dem Gang ins Büro surfen gehen kann oder am Strand joggen. Es gibt eine kleine Bucht mit Pinguinen, und eine größere zum Kitesurfen. In kleinen Fischerdörfchen warten niedliche Cafés, auf Märkten gibt es Bio-Fleisch und seltene Tomatensorten. Es ist für viele eine der schönsten und lebenswertesten Städte, ein wahr gewordener Traum. Oder eben Albtraum, wenn man auf der falschen Seite lebt.

Ein halbes Dutzend Mal habe sie schon neu angefangen, sagt Bongani. So wie viele Tausend andere auch, die jedes Jahr nach Kapstadt strömen, auf der Suche nach Arbeit. Sie kommen wie Bongani aus der ärmlichen Region Ostkap, sie kommen aus dem Kongo, aus Somalia oder Simbabwe und stranden in den Ausläufern der riesigen Stadt, bauen sich kleine Blechhütten, in die sie eine Matratze legen und einen kleinen Öl-Ofen stellen. Strom gibt es nicht und kein fließend Wasser, wer aufs Klo muss, sucht sich einen Platz hinter den Büschen.

Kapstadt

"Die Müllkippe der Apartheid" nennen viele Bewohner die Townships und ihre Ausläufer. Die weißen Rassisten hatten die schwarze und coloured Bevölkerung vor Jahrzehnten aus den schönen Grundstücken in der Innenstadt vertrieben und einfach am Stadtrand abgeladen. Das Regime gab den Townships blumige Namen, Khayelitsha - unsere neue Heimat - nannten sie jene Siedlung, die der Blechhütte von Bongani am nächsten liegt, für etwa 30 000 Bewohner wurde Khayelitsha einst konzipiert, heute leben dort mehr als 40 000 Menschen.

Für manche hat die Regierung kleine Häuschen aus Stein gebaut in den vergangnen Jahren, bessere Sanitäranlagen und kleine Einkaufszentren. Aber für die Mehrheit hat sich wenig verändert an den Lebensbedingungen, seitdem die Apartheid vor 25 Jahren zu Ende ging. Jeder kleine Fortschritt wird von dem enormen Zuzug aufgefressen, jeden Tag muss Kapstadt mit Hunderten Neuankömmlingen zurechtkommen, seit dem Jahr 2000 hat sich die Einwohnerzahl fast verdoppelt, auf heute vier Millionen.

In den Townships gibt es Tausende illegal errichtete Blechhütten ohne Strom und Wasser.

(Foto: Rodger Bosch / AFP)

Viele fliehen vor der Armut auf dem Land, wo die Menschen oft noch in Rundhütten leben, ohne Strom oder Wasser oder einer Perspektive, was auch daran liegt, dass sich der regierende ANC vor allem mit der eigenen Bereicherung beschäftigt, nicht mit der Lage der Menschen.

Als ungleichstes Land der Welt hat die Weltbank Südafrika kürzlich bezeichnet, weil nirgends die Unterschiede so extrem seien zwischen Arm und Reich. Bongani lebt am einen Ende dieser Spanne, der deutsche Unternehmer Dirk Ströer am anderen Ende. Er hat sich im Juli das nach Angaben der Sunday Times teuerste Haus Kapstadts gekauft, eine Zehn-Schlafzimmer-Villa am Fuße des Lions Heads, mit einem atemberaubenden Rundumblick, auf den Fotos des Immobilienportals ist eine Art Garage zu sehen, mit offener Glasfront, in der ein Luxuswagen auf Marmorboden parkt. 290 Millionen Rand soll das Haus gekostet haben, nach aktuellem Kurs etwa 18 Millionen Euro.

Von dem Preis könnte sich Bongani 32 000 Blechhütten bauen. Auch Ströer will nach den Berichten der lokalen Zeitungen sein Anwesen erweitern, was in der Nachbarschaft auf Widerspruch stößt. Der Vertreter einer Anwohnervereinigung sagte, der zu erwartende Lärm und Verkehr richte "sich gegen unsere Vorstellung von einem komfortablen Vorort".

Diese komfortablen Vororte ziehen sich wie ein Band um die Halbhöhenlagen. Immer, wenn man dachte, nun wirklich im reichsten Vorort der Stadt zu sein, kommt ein Viertel mit noch größeren Häusern, einem noch besseren Blick. Kapstadt ist dank relativ günstiger Immobilienpreise in den vergangenen Jahren zu einem beliebten Investmentziel der internationalen Immobilienbranche geworden. Die Preise stiegen rasant. Aber noch immer lebt es sich auch für die Mittelschicht sehr komfortabel, für etwa 1000 Euro im Monat bekommt man ein viktorianisches Häuschen mit Garten und Blick auf den Tafelberg.

Baden im Pool: In wohlhabenden Gegenden wie am Strand von Clifton gibt es jeden erdenklichen Luxus.

(Foto: imago stock&people)

Es ist eine Welt, in der die Weißen noch weitgehend unter sich sind und zu der Schwarze wie Bongani oft nur als Haushälterin Zugang haben, und mit einem Hungerlohn abgespeist werden, etwa 15 Euro am Tag zahlen viel Südafrikaner einer Putzfrau, die dafür gleich wieder drei Euro abgeben muss, um zur Arbeit zu kommen.

Jeden morgen gleicht Kapstadt einer Ameisenstraße, die sich aus den Townships in die reichen Vororte zieht. Hunderttausende sitzen in den weißen Minibussen und stehen stundenlang im Stau, um zu ihren Arbeitsplätzen zu kommen und zurück. Sie kommen aus Vierteln, die zu den gefährlichsten der Welt gehören, wo jeden Tag auf offener Straße Menschen erschossen werden, Drogen-Gangs um die besten Gebiete kämpfen. Die meisten wohlhabenderen Kapstädter kennen solche Geschichten nur aus der Zeitung oder dem Netz. Sie verschanzen sich hinter Elektrozäunen und vergitterten Fenstern, in Trutzburgen und tresorartigen Häusern.

Die Angst vor Einbrechern ist nicht unbegründet, aber die Mauern und Zäune und Sicherheitsdienste spiegeln auch die Erwartung viele Bewohner wider, dass die Masse der Armen in den Townships die Ungleichheit irgendwann nicht mehr hinnehmen wird. Und sich auf den Weg macht in die Stadt.

Die Abgrenzung hat Tradition. Als die ersten Siedler 1652 nach Kapstadt kamen, dauerte es nicht lange, bis sie eine stachelige Hecke pflanzten, um die Ureinwohner fernzuhalten. Letztlich ist Kapstadt bis heute eine ziemlich koloniale Stadt geblieben.