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Wohnen in: Bern:Bunker, Berge, Buntwäsche

Die Schweiz ist nah, doch beim Thema Wohnen durchaus sonderbar. Das gilt zum Beispiel für die Schutzräume, die für die Einwohner im Katastrophenfall verfügbar sein müssen. Und ganz besonders auch für die Waschküche.

Wer sich an einem sonnigen Herbsttag in Bern daran macht, eine Wohnung zu suchen, kann nicht anders, als sich selbst zu gratulieren. Eine malerische und vollkommen intakte Altstadt mit herrschaftlichen Patrizierhäusern und den typischen Laubengängen, dazu eine atemberaubende Bergsicht und die smaragdgrüne Aare, die in einer majestätischen Schlaufe um das Stadtzentrum fließt. Kein Zweifel: Die Bundesstadt gehört zum Schönsten, was die Schweiz zu bieten hat.

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Wohnen in Bern hat viele Vorteile. Der Immobilienmarkt ist nicht so überhitzt wie in Zürich, und selbst in der Altstadt ist ab und an noch etwas frei.

(Foto: imago images/Westend61)

Etwa fünf Wohnungsbesichtigungen später stimmt das zwar immer noch, aber man ist inzwischen um zwei Einsichten klüger. Erstens: Schönheit hat ihren Preis, wenn auch nicht einen so hohen wie in Zürich oder Genf. Eine Dreizimmerwohnung in Bern kostet im Schnitt 1300 Franken kalt, umgerechnet rund 1200 Euro, in guten Lagen entsprechend mehr. Und zweitens ist und bleibt Bern Teil dieses besonderen Kosmos namens Schweiz. Das wird spätestens klar, wenn man bei den Besichtigungen einen Ausflug in den Keller macht. Dort stößt man zunächst auf eine schwere, eiserne Tür: den Eingang zur sogenannten Zivilschutzanlage, die vor allem in neueren Gebäuden zum Standard gehört.

Gemeinsam waschen, diese Tradition entfaltet oft eine ganz eigene Dynamik

Die Schweiz ist das Land der Bunker: Mehr Menschen, als das Land Einwohner hat, hätten im Katastrophenfall einen Platz in einem privaten oder in einem öffentlichen Schutzraum. Bis vor einigen Jahren musste jeder Neubau mit einem solchen Bunker versehen werden, inzwischen haben sich die Vorschriften gelockert - schließlich ist das Soll übererfüllt.

Peking.

Auf den Bunker folgt dann so etwas wie das Herzstück eines jeden Schweizer Miethauses: die Waschküche. Es hat zwar durchaus Vorteile, dass man bei Umzügen in der Schweiz keine Waschmaschinen schleppen muss. Doch die eiserne Tradition, dass die gesamte Mietergemeinschaft eine Waschmaschine und meist auch einen Trockner gemeinsam nutzt und auch ihre Wäsche im Keller trocknet, entfaltet ihre ganz eigene Dynamik. Waschpläne, in die man sich eintragen muss, Streit um die guten Zeitfenster, Mieter, die ihre Wäsche zu lang drinlassen, Debatten darüber, ob man Waschmaschine und Trockner wirklich nach jeder Nutzung reinigen muss: Die Liste der Konflikte, die sich an der Waschküche entzünden können, ist praktisch endlos. Mitunter wird auch vor Gewalt nicht haltgemacht, wie die Schweizer Boulevardzeitung Blick im Herbst 2018 aus dem Kanton Tessin berichtete: "Mit einem Küchenmesser und Pfefferspray griff Dolores G. (76) ihre Nachbarin Margherita M. (73) an und verletzte sie schwer. Schon länger lagen sich die beiden Rentnerinnen wegen der Wäsche in den Haaren."

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Stadt, Land, Fluss: Bern liegt an einer Schleife der Aare, dem längsten Fluss der Schweiz.

(Foto: imago/Wolfgang Zwanzger)

Das Seltsame ist: Das Minenfeld Waschküche widerspricht fundamental den sonstigen Gewohnheiten der Eidgenossen, wenn es ums Zusammenleben geht. Denn eigentlich gilt die Schweiz als Hort der Rücksichtnahme, als Land, in dem man einander bloß nicht zu nahe tritt und vor allem die Privatsphäre der Wohnung achtet. Während also in der Waschküche regelmäßig Grenzen überschritten werden, werden sie ansonsten streng respektiert. Es dauert entsprechend eine Weile, bis man von befreundeten Schweizern nach Hause eingeladen wird. Und wenn es dann so weit ist, kann man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sich die Gastgeber vorher viele Gedanken darüber gemacht haben, ob eine Einladung ins eigene Zuhause nicht vielleicht doch zu aufdringlich wirkt. Meist verständigt man sich deshalb zunächst auf einen Apéro: eine Art Umtrunk am späten Nachmittag mit kleinen Snacks, der aber nicht zu lange dauert. Etwas Gewagtes wie ein Abendessen ist in der Regel erst der nächste Schritt.

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Waschmaschine in einem Mehrfamilienhaus, Treffpunkt und Zankobjekt zugleich.

(Foto: Alessandro Della Bella/dpa/picture alliance/Keystone)

Doch hat man all diese delikaten Hürden überwunden, lernt man in aller Regel nicht nur die herzlichen, mit feinem Humor ausgestatteten Berner kennen, sondern entdeckt auch, wie schön es sich in der überschaubaren Stadt mit 140 000 Einwohnern wohnen lässt. Zwar gibt es auch in Bern Neubausiedlungen mit Plattenbauten, sie heißen Bümpliz oder Betlehem, doch ein großer Teil der Stadt besteht tatsächlich aus unzerstörtem Altbau, der Schweizer Neutralität sei Dank. Von der mittelalterlichen Altstadt, seit 1983 Unesco-Weltkulturerbe, über das einstige Fischer- und Gerberviertel Matte, das alte Industriequartier Länggasse bis hin zu den herrschaftlichen Villen im Kirchenfeld, wo die meisten Botschaften ihren Sitz haben: Mit etwas Glück und einem schweizerischen Mittelschichtseinkommen kommt man in Bern durchaus an eine schöne, behutsam sanierte Altbauwohnung zur Miete. Selbst in der Altstadt ist ab und an noch etwas frei, doch angesichts des auch sonst guten Angebots und der allgemein kurzen Wege in der Bundesstadt ist die Nachfrage nach diesen oft verwinkelten, dunklen Wohnungen gar nicht so groß, wie man erwarten würde.

Auch für Wohnungskäufer ist Bern, verglichen mit anderen Schweizer Großstädten, ein moderates Pflaster. Der Immobilienmarkt sei "nicht überhitzt", meint eine Analystin der Bank Credit Suisse, auch wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt. Insgesamt befinden sich in Bern jedoch fast 80 Prozent der Haushalte in Mietwohnungen.

Oft zeigt sich im Innern der Wohnungen der Hang der Eidgenossen zum Bewahren: alte Türen und Klinken, gute 100 Jahre alt, oder wunderbar praktische Wandschränke aus dem 19. Jahrhundert, die immer noch funktionieren wie am ersten Tag. Recht verbreitet in Berner Wohnungen sind auch bestimmte Schweizer Designklassiker - die edlen, langlebigen Büromöbel des Unternehmens USM aus Münsingen zum Beispiel, oder die mit Schnüren bespannten Spaghetti-Stühle von Schaffner, einer Firma aus dem Thurgau. Was allgemein auffällt: das Händchen vieler Berner für geschmackvolle Einrichtung. Das lässt sich vielleicht am besten daran zeigen, dass man hier keine Angst vor den Einbauküchen haben muss, die in der Regel mit der Wohnung vermietet werden. Während man in Deutschland solche vorgesetzten Küchen eher fürchtet (entweder sind sie in miesem Zustand oder sehen grässlich aus), kann man in Bern aufatmen: keine braunen Kacheln oder cremefarbenen Kunststoffschränke, dafür schlichtes Design in hoher Qualität, das relativ schadlos mehrere Mieter überdauert.

Bleibt zum Schluss die Frage, warum trotz der relativ komfortablen Wohnsituation in der Bundesstadt der Berner Bahnhof zur Feierabendzeit aus allen Nähten platzt. Tatsächlich übersteigt die Zahl der in Bern Erwerbstätigen die Zahl der Einwohner deutlich. Der Anteil der Pendler liegt bei fast zwei Dritteln. Viele von ihnen kommen aus anderen Kantonen, eine Folge der vergleichsweise hohen Steuerlast im Kanton Bern. Es ist also doch nicht alles perfekt in der schönen Bundesstadt.

Die SZ berichtet in dieser Serie über das Thema Wohnen in wichtigen Städten der Welt. Bisher sind folgende Texte erschienen: Rom (17./18. August), Madrid (7./8. September), Tokio (21./22. September), Istanbul (12./13. Oktober) und Tel Aviv (2./3. November).