Süddeutsche Zeitung

Wirtschaftskrise in den USA:Double Dip - Angst vor der großen Rezession

Die Zeichen stehen auf Absturz: Kaum ist der Aufschwung da, schon mehren sich die Indizien, dass die größte Volkswirtschaft der Welt nach der Finanzkrise schon wieder in die Rezession strauchelt - mit unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft.

Sebastian Gierke

Die Energiekrise wirkt nach. Die Arbeitslosigkeit steigt, ebenso die Inflation. Vor allem Bau- und Automobilunternehmen stecken tief in der Krise. Banken leiden unter Kreditausfällen, haben sich zu Hunderten mit hochspekulativen Geschäften beinah selbst ruiniert. Der Staat muss ihnen mit gewaltigen Summen sogenannte "schlechte Kredite" abkaufen. Es kommt zur Rezession, einer kurzen. Doch die Situation verschlechtert sich kurz darauf noch einmal. Ein zweiter Abschwung setzt nur wenige Monate später ein: der gefürchtete "Double Dip" - die Rezession nach der Rezession. Amerika spricht von der "Great Recession". Es ist das Jahr 1980.

Drei Jahrzehnte später droht erneut der "Double Dip", der zweifache Abschwung. Die Analysten des britischen Economist glauben, die Chancen dafür seien "alarmierend" gestiegen und beziffern sie auf 50 Prozent.

Dabei glaubte US-Präsident Barack Obama, die richtigen Lehren aus dem Krisenjahr 1980 gezogen zu haben. Die US-Regierung hatte damals nach der zweiten Rezession Geld auf den Markt geworfen, die Wirtschaft stimuliert, Milliarden investiert und so die Rezession beendet - fast so schnell, wie sie gekommen war.

Als 2008 Bau- und Automobilunternehmen ums Überleben kämpfen, die Arbeitslosigkeit steigt und nach der Pleite des Finanzriesen Lehman Brothers Dutzende Banken vor dem gleichen Schicksal bewahrt werden müssen, steuert Obama mit einem gewaltigen Konjunkturförderprogramm gegen. Gesamtvolumen: etwa 787 Milliarden US-Dollar. Der Abschwung endet im Juli 2009, plötzlich ist da wieder Hoffnung. Doch nicht allzu lange. Die Krise kehrt schnell zurück. Der Schuldenstreit belastet die Märkte, die Zahlungsunfähigkeit wird erst in letzter Minute abgewendet.

Washington versucht die Einigung als große Rettung zu verkaufen, doch der S&P-Index, der die Aktien von 500 der größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst, bricht an diesem Tag so stark ein wie seit einem Jahr nicht mehr. Die Aktienmärkte weltweit befinden sich seither auf Talfahrt.

Und auch wenn sich die Lage am US-Arbeitsmarkt etwas aufgehellt hat: Immer noch sind 9,1 Prozent der erwerbsfähigen Amerikaner ohne Job. Die Gewinne der Unternehmen sind aufgrund der extrem niedrigen Zinsen zwar stark gestiegen, neue Arbeitsplätze haben die Konzerne bislang allerdings nur wenige geschaffen. Bereits am 29. Juli hatte die US-Regierung Zahlen veröffentlicht, die über das wirtschaftliche Wachstum Aufschluss geben sollen. Die Zahlen zeigen, dass die Rezession im Jahr 2008 weitaus tiefer ging als bislang angenommen. Immer noch sind die Schulden von Millionen Amerikanern höher als der Wert ihrer Häuser. Und: Die Daten lassen eine Stagnation für das erste Halbjahr 2011 befürchten.

Und das vor allem, weil Obama sparen muss. Der US-Präsident konnte zwar den Staatsbankrott abwenden, doch jetzt bleibt ihm nur noch die Rolle des Mangelverwalters, seine Handlungsfähigkeit ist stark eingeschränkt, ein großes Konjunkturprogramm wie in den Jahren 1982 oder 2009 wird es nicht geben können. Zwar hat der Präsident Investitionen in die Infrastruktur seines Landes gefordert, doch der Kongress und dort vor allem die Republikaner werden diese wohl nicht genehmigen.

Die schleichende Lähmung

Die Republikaner konnten sich in den wesentlichen Punkten durchsetzen: Zur Konsolidierung werden nur die Ausgaben gekürzt, Steuererhöhungen wird es keine geben. Dabei liegt die steuerliche Belastung der US-Bürger deutlich unter dem internationalen Durchschnitt.

Dazu passt auch die Meldung der US-Steuerbehörde, dass 1400 amerikanische Einkommensmillionäre im Krisenjahr 2009 überhaupt keine Steuern bezahlt haben - von insgesamt allerdings 235.413. Das durchschnittliche Einkommen fiel demnach zwischen 2008 und 2009 um 3516 Dollar auf 54.283 Dollar jährlich, das sind 6,1 Prozent.

Wenn Steuererhöhungen die Sparanstrengungen begleitet hätten, wäre der unmittelbare volkswirtschaftliche Schaden wohl geringer ausgefallen, als es die geplanten Einsparungen in Höhe von 2400 Milliarden Dollar befürchten lassen. Diese schneiden die Unternehmen von neuem Kapital ab, die positiven Auswirkungen der Sparorgie greifen allerdings erst in einigen Jahren.

The Great Recession II

Unternehmen verzichten in so unsicherer Lage auf Investitionen, schon melden deutsche Firmen Auftragsrückgänge aus dem Ausland. China, der größte Gläubiger der USA, reagiert gereizt, selbst dort kühlt sich die Wirtschaft ab. Investoren flüchten in sichere Anlagen, horten ihr Geld lieber, als es dem Markt zur Verfügung zu stellen.

Amerika steht vor einer erneuten Rezession - doch diesmal mit gefesselten Händen. Die Mechanismen des freien Marktes scheinen sich endgültig gegen ihren größten Apologeten zu wenden. Und die schleichende Lähmung der größten Volkswirtschaft der Erde droht auf andere Länder überzugreifen, die bis vor kurzem noch besser da standen. Auch auf Deutschland. Die nächste Weltwirtschaftskrise droht, sie wird von Amerika ausgehen. Die New York Times ruft bereits die "Great Recession II" aus. Und der Economist verweist in Ermangelung aktueller Lichtblicke auf die grundlegenden Stärken der US-Wirtschaft: die im Vergleich zu anderen Ländern durchschnittlich jüngere, weniger besteuerte Bevölkerung, innovativere Unternehmen und den Dollar als globale Reservewährung.

Ganz aktuell allerdings die nächste Krisenmeldung: Die Staatsverschuldung der USA liegt zum ersten Mal bei 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ab dieser Schwelle wird es nach Ansicht vieler Ökonomen wirklich gefährlich.

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