Wie Ratingagenturen arbeiten:Schulnoten für Schuldensünder

Ausgebildet und zertifiziert werden die Kreditanalysten bei S&P selbst. Wenn sie zuvor für Banken oder Versicherer gearbeitet haben, dürfen sie bei der Bewertung ihres ehemaligen Unternehmens nicht mitmachen. Der Ratingprozess selbst erfolgt in zwei Stufen: Erst erstellen zwei Experten das Rating, dann wird in einem Komitee darüber abgestimmt.

Die Angestellten von S&P sind in drei Gruppen unterteilt: Sogenannte Qualitätsoffiziere wachen darüber, dass die zwei Kreditanalysten sich in der Bewertung an Vorgaben halten, die von einer dritten Gruppe ausgearbeitet werden, den Kriterienoffizieren. So werde ein objektives Rating gewährleistet, behauptet die Agentur. Das Urteil der Kreditanalysten setzt sich aus fünf Faktoren zusammen. Sie vergeben Schulnoten von eins bis sechs - den Score - in diesen Kategorien:

[] Politischer Score: Wie stabil ist das Land? Ist die Regierung in der Krise? Wie vorhersehbar sind ihre Entscheidungen?

[] Ökonomischer Score: Wie sind die Wachstumsaussichten des Landes? Wie ist das Einkommensniveau? Und wie volatil respektive beständig ist die Wirtschaft?

[] Externer Score: Wie akzeptiert ist die Währung des Landes international? Wie begehrt ist das Land bei Investoren?

[] Fiskalischer Score: Wie viel finanziellen Spielraum hat die Regierung im Krisenfall? Wie viele und welche Schulden hat das Land? Welcher Teil der Staatseinnahmen geht wieder für Zinsen drauf? Hat der Staat vor allem Schulden im Ausland (was negativ wäre, wie im Falle Griechenlands) oder bei den heimischen Banken (was Analysten für weniger gefährlich halten, wie in Italien)?

[] Geldwirtschaftlicher Score: Wie effektiv kann die Zentralbank des Landes Zinsen als Instrument einsetzen, um wirtschaftliche Probleme zu kontrollieren - zum Beispiel die Inflation kontrollieren, indem sie das Geld verknappt? Für Euro-Länder übernimmt diese Funktion die europäische Zentralbank.

Andere Einflussfaktoren sind zum Beispiel Kriegsrisiken oder die Gefahr einer Naturkatastrophe. Darunter leidet zum Beispiel die Bonität der Karibikstaaten - S&P rechnet in ihr Rating die Hurrikangefahr mit ein - und der Golfstaaten. Haben die Analysten ihr Urteil erstellt, legen sie es dem Rating-Komitee vor. Dort fällt die endgültige Entscheidung. Die Mitglieder können die Beurteilung annehmen oder ändern. Im Komitee sitzen mindestens fünf Analysten; für ein eindeutiges Abstimmungsergebnis muss es eine ungerade Zahl sein. Bei S&P verweist man darauf, dass die stimmberechtigten Analysten nicht nur zertifiziert, sondern auch senior analysts mit einigen Jahren Erfahrung sein müssen.

"Frei von politischen Zwängen" - derzeit nicht

Und wie akkurat sind die Bewertungen nun? Nach der US-Hypothekenkrise haben Politiker und Anlegerschützer die Agenturen beschuldigt, ihre Bewertungen seien zu oft falsch gewesen. Tatsächlich vergaben sie die Bestnote AAA auch für Derivate aus toxischen Hypothekenkrediten. Aktuell erhebt die US-Regierung den Vorwurf, S&P habe sich bei der US-Schuldenprognose um zwei Billionen Dollar verrechnet und deshalb falsch geurteilt - was die Agentur zurückweist, aber nichts an der Kritik an ihr ändert.

Dass die Politik so hart auf die Abwertungen reagiert, stößt bei S&P und den anderen auf Verwunderung. Die Politik war es schließlich, die den Agenturen so viel Macht verliehen hat - in Deutschland in der Solvabilitätsverordnung. Diese regelt, wie viel Eigenkapital Banken je nach Qualität ihrer Investments halten müssen. Je mehr Ramsch, desto mehr Eigenkapital ist nötig, und umgekehrt. Die Bewertung der Investments übernehmen von der Bankenaufsicht BaFin anerkannte Ratingagenturen - in den meisten Fällen also S&P, Moody's und Fitch.

Die Ironie der Geschichte steckt in Paragraph 53, Absatz 2 der Verordnung über Ratingagenturen. Deren Arbeit, steht da, müsse "frei von äußeren politischen Einflüssen oder Zwängen sein". Davon kann derzeit keine Rede sein.

Linktipp: Den kompletten Bericht von Standard & Poor's zur Herabstufung der US-Bonität finden Sie hier.

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