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Weltweite Finanzkrise:Umsteuern mit aller Macht

Antworten auf tausend offene Fragen: In Washington stemmen sich die Großen der Finanzwelt gegen den Sog der Bankenkrise. Ein globaler Aktionsplan soll nun die Wende bringen. Doch es bleibt die Angst vor einem neuen Absturz an den Börsen.

Am Freitagabend ist die Pennsylvania Avenue schwarz. Eine unübersehbare Schlange dunkler Lincoln-Limousinen legt den Verkehr lahm, Menschentrauben blockieren die Gehwege. Männer aller Hautfarben und jedweden Alters in Nadelstreifen, dazwischen ein paar Frauen im Business-Kostüm, außerdem Chauffeure, ebenfalls schwarz, aber ohne Nadelstreifen, und, als weiße Einsprengsel, ein paar Westafrikaner in wehender Nationaltracht. Es ist der erste Abend der Weltwährungskonferenz in Washington.

Die Großen der Finanzwelt stemmen sich gegen den Sog der Bankenkrise.

(Foto: Foto: AP)

Gerade haben die G-7-Finanzminister und Notenbankchefs ihren Aktionsplan zur Rettung der Welt vor der Finanzkrise beschlossen. Jetzt streben alle zu den Verpflichtungen des Abends: Empfängen, Dinners, Besprechungen in diskreten Hotelzimmern. Erfahrene Washingtoner wissen, dass sie in den guten Restaurants der amerikanischen Hauptstadt an diesem Abend gar nicht erst wegen eines Platzes nachfragen müssen.

Im Herzen Washingtons, dort, wo die Pennsylvania Avenue die 19. Straße kreuzt, stehen zwei wuchtige Bürokästen: rechts der Internationale Währungsfonds (IWF), links die Weltbank. Und jedes Jahr im Oktober kommen deren Hauptakteure - Politiker aus mittlerweile 185 Staaten - zu ihrer Jahresversammlung zusammen. Aber das ist nur die technische Bezeichnung.

Tatsächlich ist das Ganze ein Finanzgipfel, zu dem Politiker, Banker, Entwicklungsexperten und Ökonomen aus der ganzen Welt alljährlich zu Tausenden in die amerikanische Hauptstadt strömen. Schon in normalen Zeiten übt die Atmosphäre rund um IWF und Weltbank auf Außenstehende eine eigentümliche Faszination aus.

Zu Gast im "Nervenzentrum der Weltgesellschaft"

Vor 20 Jahren schickte das Magazin Geo Hans Magnus Enzensberger nach Washington, um die beiden Institutionen zu beschreiben. Er bezeichnete sie als "Nervenzentren der Weltgesellschaft" und als "Ungeheuer", wobei der IWF das "harte Monster" und die Weltbank das "weiche" sei und deren Mitarbeiter die "Schamanen des internationalen Kapitals".

Zumindest die Sache mit den "Nervenzentren der Weltgesellschaft" stimmt an diesem Wochenende mehr, als Enzensberger sich dies 1988 hätte vorstellen können. Es ist die bei weitem größte Krise in der 64-jährigen Geschichte von IWF und Weltbank.

Die Börsenkurse stürzen ab, das normale Kreditgeschäft zwischen den globalen Banken ist praktisch zum Erliegen gekommen. Die Finanzwelt steht am Rande des Abgrunds - und es war daher von vorneherein unvorstellbar, dass Banker und Finanzminister am Sonntagabend wieder nach Hause fahren würden, ohne zuvor substantielle Beschlüsse gefasst zu haben.

Erste Hinweise auf das, was kommen würde, gibt es am Freitag in einem kleinen überfüllten Raum des Hotels Fairmont in Washington. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und Bundesbankpräsident Axel Weber haben zum Pressegespräch geladen. "Ich bin davon überzeugt, dass wir mit Fall-zu-Fall-Lösungen nicht mehr weiterkommen und zu einem umfassenden Ansatz für den Sektor insgesamt kommen müssen", sagt Steinbrück gleich zu Beginn. Jeder kann sich jetzt ausrechnen, dass auch in Deutschland die Steuerzahler für die Rettung des Finanzsystems in Haftung genommen werden.

Zunächst einmal aber gehen die normalen Rituale der IWF-Jahrestagung weiter. Und in diesem Zusammenhang muss der Name von Fred Bergsten fallen. Der Ökonom ist ein alter Haudegen der internationalen Wirtschaftspolitik, er führt heute das Peterson Institute of International Economics an der Massachusetts Avenue.

Jedes Jahr veranstaltet Bergsten am ersten Tag der IWF-Tagung eine wissenschaftliche Konferenz, und weil er über einigen Einfluss in Washington verfügt, bringt er immer interessante Leute in sein Institut. In diesem Jahr sitzt zum Beispiel Larry Summers auf dem Podium. Der Harvard-Ökonom war einst Finanzminister unter Bill Clinton und berät jetzt den demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama. Scheinbar sehr theoretisch lässt sich Summers über die Ursachen der Finanzkrise aus.

Da gebe es zwei Theorien, sagt er. Nach der ersten sei das ganze Desaster "made in USA", nach der zweiten dagegen das Ergebnis "einer Periode doher Liquidität und wachsender Komplexität der Institutionen im Finanzsektor", wobei die Krise "mehr oder weniger zufällig" in den Vereinigten Staaten ausgebrochen sei. Die Wahrheit liege vermutlich irgendwo in der Mitte.

Die akademischen Reflexionen sind in Wahrheit hochpolitisch: An Summers Worten kann man ablesen, wie ein Präsident Obama mit seinen Verbündeten über die Finanzkrise reden wird. Auch er wird die Alleinschuld der Weltmacht an der Katastrophe nicht akzeptieren.

Aus deutscher Sicht fast noch interessanter ist der Beitrag von Thomas Mayer. Der Chefökonom der Deutschen Bank für Europa ist ein überzeugter Marktwirtschaftler, manche würden ihn als "neoliberal" bezeichnen. Er beginnt seinen Vortrag mit einer Warnung: "Diejenigen, die mich kennen, werden sagen: Der hat sich aber schwer verändert."

Tatsächlich fordert Mayer nicht nur die Beteiligung des Staates an den Banken, sondern auch eine viel umfassendere Reaktion: Die Regierungen sollten massenhaft neue Anleihen auflegen, "um dem Markt die sicheren Anlageinstrumente zu liefern, die er verlangt". Die Europäer sollten den Stabilitätspakt von Maastricht für eine Weile zur Seite leben. Einfacher ausgedrückt fordert Mayer ein gigantisches, schuldenfinanziertes Konjunkturprogramm. Man kann nur ahnen, wie viel Angst in den Banken herrscht, wenn einer wie er so etwas vorschlägt.

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