Wald:Natur in Gefahr

Seit 1990 sind 420 Millionen Hektar Wald durch Konversion verloren gegangen, vor allem durch die Landwirtschaft. Aber es gibt auch Hoffnungszeichen.

Von Christine Mattauch

Wald bedeckt fast ein Drittel der Landfläche der Erde, insgesamt 4,06 Milliarden Hektar. Die Zahlen nennt der Waldzustandsbericht 2020 der Vereinten Nationen. Mehr als die Hälfte der Wälder liegen in nur fünf Ländern: in Brasilien, China, Kanada, Russland und in den Vereinigten Staaten. Der Bericht charakterisiert 49 Prozent der Flächen als "relativ intakt", mehr als ein Drittel ist sogar unberührter Naturwald.

Doch vielerorts geht es dem Wald schlecht. "Kahlschlag und Schädigungen schreiten in alarmierendem Ausmaß voran", warnt der Bericht. "Das trägt erheblich zum Verlust von Artenvielfalt bei." Die ist beträchtlich: Genau 60 082 Baumsorten sind in der Datenbank Global Tree Search verzeichnet. Mehr als 20 000 von ihnen führt die Weltnaturschutzunion in der Roten Liste der gefährdeten Arten, über 1400 drohen auszusterben - und mit ihnen Tiere, Pflanzen und Pilze, die auf bestimmte Wälder als Lebensumgebung angewiesen sind.

Seit 1990 sind weltweit 420 Millionen Hektar Wald durch Konversion verloren gegangen, also durch die Umwandlung von Wald in andere Flächen. Größter Treiber ist dabei die Landwirtschaft, die zum Beispiel Flächen braucht für große Rinderfarmen oder die Produktion von Soja- und Palmöl. Allerdings gibt es auch Hoffnungszeichen: Die Abholzung hat sich in den vergangenen Jahren verlangsamt. Außerdem entstehen neue Wälder, durch natürliche Expansion und Aufforstungsprojekte. Den jährlichen Nettoverlust gibt der Waldzustandsbericht für die letzte Dekade mit 4,7 Millionen Hektar an, gegenüber durchschnittlich 7,8 Millionen Hektar in den 90er-Jahren. Wald sichert auch vielen Menschen das Überleben. Zugleich ist er ein wichtiger Arbeitgeber: Etwa 86 Millionen Jobs hängen weltweit vom Wald ab. "Lösungen, die den Erhalt und die nachhaltige Nutzung von Wald miteinander verbinden, sind dringend erforderlich - und möglich", fordern denn auch die Autoren des Berichts.

Sie nennen dafür zahlreiche Beispiele. In Guatemala schützt die Regierung mit dem Maya Biosphere Reservat etwa 2,1 Millionen Hektar Regenwald. Zwölf Lizenzen für Holzeinschlag werden unter strikten Bedingungen an die lokale Gemeinschaft vergeben; ein Drittel der Gewinne muss in den Schutz des Regenwalds reinvestiert werden. In der Mongolei hat die Regierung in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen mehr als 460 000 Hektar zur nachhaltigen Bewirtschaftung ausgewiesen und bezieht Anwohner ein, für die der Wald eine Lebensgrundlage darstellt. Selbst in Brasilien, wegen der Abholzung von Regenwald international in der Kritik, gibt es vier große Papierhersteller, die zwei Millionen Hektar Land nach Vorgaben des World Wildlife Fund bestellen: bestehender Wald wird geschützt, Brachland durch Plantagen aufgeforstet.

Auch deutsche Investoren verbinden kommerzielle Interessen mit Schutzprojekten. So ist die Munich-Re-Tochter Meag in den USA eine Allianz mit der Texas Longleaf Task Force eingegangen: Auf 23 Hektar wird ein Ökosystem aus Sumpfkiefern bewahrt, Heimat für den bedrohten Kokardenspecht und eine seltene Phloxart. Das steht dann im Corporate-Responsibility-Bericht der Munich Re Gruppe und freut die Aktionäre: Nachhaltig orientierte Unternehmen gelten als zukunftsorientiert.

© SZ vom 29.08.2020
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