Süddeutsche Zeitung

Währungskrieg:Kontrolliert China den Dollar?

Am Finanzmarkt tobt ein Währungskrieg. Angeblich. Doch was heißt das? Können die Chinesen den Dollar kaputtmachen? Nähen die Amerikaner bald wieder T-Shirts? Dazu Währungsexperte Thomas Polleit.

Hans von der Hagen

An den Finanzmärkten geht es drunter und drüber: Der Dollar ist stark, obwohl er nach Ansicht vieler Experten angesichts enormer Defizite in den USA billiger sein müsste; andere sagen, Chinas Währung könnte viel teurer sein, damit die anderen Länder weniger aus China importieren würden. Das würde die Defizite schmälern. Aber: Der Yuan ist weitgehend an den Dollar gebunden. Mit anderen Worten: Fällt der Dollar, fällt auch der Yuan. Andere Länder wie zum Beispiel Brasilien kämpfen hingegen mit einem ernormen Aufwertungsdruck bei der Währung, weil viele Anleger ihr Geld derzeit in Schwellenländer investieren. Aus einem einfachen Grund: Dort sind die Zinsen attraktiver.

Thorsten Polleit, Chefökonom bei Barclay Capital und Hochschullehrer in Frankfurt, erläutert, was es mit dem "Währungskrieg" auf sich hat.

sueddeutsche.de: Herr Polleit, alle sprechen von einem Währungskrieg. Gibt es ihn wirklich - und wer sind die Gegner?

Thorsten Polleit: Lassen Sie uns den Begriff "Abwertungswettlauf" verwenden. Die Sorge geht um, dass Länder wie beispielsweise die Vereinigten Staaten Politiken einleiten - allen voran Inflationspolitiken -, die den Außenwert ihrer Währungen vermindern, um dadurch ihre Exporte und die heimische Konjunktur zu beleben. Solch eine Entwicklung wäre in der Tat schädlich für alle Beteiligten und würde die Nationen gegeneinander aufbringen - wie zum Beispiel die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gezeigt haben. Zölle und Tarife führten seinerzeit de facto zum Zusammenbruch des Welthandels.

sueddeutsche.de: Haben die Notenbanken Schuld?

Polleit: Die Kreditmarktkrise ist in letzter Konsequenz das Ergebnis einer Geldpolitik, die im Zuge von niedrigen Zinsen immer mehr Kredit und Geld in Umlauf gebracht hat.

sueddeutsche.de: Viele Länder dreschen jetzt auf China ein. Wieso soll China für die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Welt die Verantwortung tragen?

Polleit: Die chinesische Wirtschaftspolitik trägt an dem Kreditmarktdebakel keine Schuld. Die westlichen Nationen haben sich selbst in eine Überschuldungssituation hineinmanövriert.

sueddeutsche.de: Die Chinesen halten mittlerweile enorme Bestände an US-Anleihen. Haben sie damit auch die Macht über den Dollar?

Polleit: In der Tat spielt das Anlageverhalten der Chinesen mittlerweile eine bedeutende Rolle für den Status des Dollar. Sollte China beschließen, seine Dollaranleihen zu verkaufen, bliebe wohl nur noch die US-Zentralbank, um die Anleihen aufzunehmen. Da das aber mit neu gedrucktem Geld zu bezahlen wäre, würde es wohl zu hoher Inflation in Amerika kommen.

sueddeutsche.de: Nähen dann irgendwann die Amerikaner die T-Shirts für Asien?

Polleit: Freier Handel bedeutet auch Arbeitsteilung. Jede Region produziert das, was es am relativ günstigsten produzieren kann. Wettbewerbspositionen sind dabei jedoch nicht in Stein gemeißelt, und relative Vorteilspositionen können sich zwischen verschiedenen Regionen verschieben. Eine Gesellschaft kann natürlich durch schlechte Politik ihren Wohlstand vermindern oder gar zerstören. Auch die Vereinigten Staaten sind davor nicht gefeit.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielt Deutschland in dieser Auseinandersetzung?

Polleit: Die deutsche Wirtschaft ist überaus eng in die internationale Arbeitsteilung eingebunden. Abwertungswettläufe und Protektionismus würden Deutschland überaus hart treffen, die Produktions- und Beschäftigungsverluste wären vermutlich immens.

sueddeutsche.de: Spekulanten schieben an den Finanzmärkten täglich gewaltige Summen hin und her. Können die tun und lassen, was sie wollen - oder gibt es Regeln am Devisenmarkt?

Polleit: Dass täglich große Summen hin und her überwiesen werden, liegt zum einen am gestiegenen Welthandel, zum anderen an den stark angewachsenen Finanzmarktvolumina. Solange die Markt-Akteure Gewinne wie auch Verluste ihres Handelns tragen, ist auf das Marktgeschehen Verlass, weder ökonomische noch ethische Bedenken können erhoben werden. Der Devisenmarkt ist dabei keine Ausnahme. Das grundsätzliche Problem ist vielmehr, dass der Staat mittlerweile immer stärker in die Märkte hineinregiert - etwa durch Gebote und Verbote, Regulierung, Besteuerung. Auf diese Weise werden Anreize gesetzt und kommen Ergebnisse zustande, die nicht wünschenswert sind. Das Problem ist also nicht der Markt, sondern der Staat.

sueddeutsche.de: Der Internationale Währungsfonds arbeitet an der Umgestaltung des Währungssystems - auch der frühere Bundespräsident Horst Köhler ist wohl daran beteiligt. Was könnte das bedeuten?

Polleit: Darüber kann man derzeit nur spekulieren. Die Vorschläge könnten von einer Wiederbelebung der Sonderziehungsrechte - das war eine vom Internationalen Währungfonds geschaffene Rechnungsgröße - bis hin zur Rohstoffreservewährung als "Verankerung" für die heutigen Papierwährungen reichen. Möglich ist auch, dass eine Form des Systems von Bretton Woods - mit dem nach dem Zweiten Weltkrieg versucht wurde, das Weltwährungssystem wieder an das Gold zu binden - überdacht wird.

sueddeutsche.de: Wie sollten die Kräfteverhältnisse am Währungsmarkt sinnvoll verändert werden?

Polleit: Grundsätzlich ist zu sagen, dass, sollen friedvolle Kooperation und Wohlstand gesichert werden, der Staat sich zu Gunsten der freien Märkte zurückziehen muss. Das gilt für alle Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Das Kredit- und Geldsystem und die Währungsmärkte sind da keine Ausnahme.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1014150
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sueddeutsche.de/mel
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.