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Währungsgemeinschaft:Island träumt vom Euro

Die Krise steckt Island noch in den Knochen: Viele Inselbewohner würden ihre Währung am liebsten unter den Lavamassen begraben. Manche Politiker würden gerne dem Euro beitreten - doch diese Perspektive begeistert auch nicht jeden.

Cerstin Gammelin

Wenn Gylfi Arnbjörnsson über den Euro spricht, klingt seine Stimme sehnsüchtig. "Was wir hier in Island brauchen, ist eine starke Währung", sagt der Präsident der größten Gewerkschaft Islands, und damit keine Missverständnisse aufkommen, welche Währung das sein könnte, schiebt er hinterher: "Wir brauchen den Euro."

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Es ist kalt und windig in der nördlichsten Hauptstadt der Welt: In der islandischen Hauptstadt Reykjavik wohnen zwei Drittel der Einwohner des Landes.

(Foto: AFP)

Der Isländer, der wie alle Landsleute stolz ist auf seine kleine Insel mitten im Atlantik, würde die isländische Krone, mithin die kleinste Währung der Welt, am liebsten unter mehreren Metern Lava begraben sehen, "weil sie so volatil ist, dass sie unsere Einkommen und damit unseren Wohlstand jedes Jahr um ein Viertel reduziert."

Bis 2007 war Island das fünftreichste Land der Welt, sein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf übertraf das der USA um 60 Prozent. Das Unglück begann im Herbst 2008, als die Insel vom Sturm auf den Finanzmärkten regelrecht verwüstet wurde. Binnen einer Woche gingen die drei zuvor regelrecht größenwahnsinnig gewordenen Banken des Landes Kaupthing, Glitnir und Landsbanki, pleite.

Die Währung verlor drei Viertel ihres Wertes, die Inflation stieg auf 18 Prozent und riss die konservativ geführte Regierung in den Abgrund. Damals manifestierte sich zum ersten Mal die vage Sehnsucht vieler Isländer, endlich das monetäre Singledasein aufzugeben, sich an die Europäische Union zu binden und den Euro einzuführen, in einem konkreten Votum.

Das Volk beauftragte seine Regierung, sich um den Beitritt zur Europäischen Union zu bewerben. Vor einem Jahr starteten die Beitrittsverhandlungen. 2013, sagte der isländische Chef-Unterhändler Stefan Hankur Johannsson, könnten sie beendet sein. "Wir sind auf gutem Weg."

Doch ob Island spätestens 2016 beitreten darf und das dann auch noch will, mag er nicht voraussagen. Zuvor müsse man sich einigen über Agrarbeihilfen, Fiskalpolitik und regionale Fördertöpfe. Das größte politische und ökonomische Problem sei allerdings die Fischerei-Industrie. Die würde Island am liebsten herausnehmen aus dem EU-Mitspracherecht.

Das Land lebt vom Fisch - und davon, dass es seine Wettbewerber aussperrt. Unsicher sind auch die letzten Umfragen. Danach ist die Hälfte der Isländer unentschlossen; beinahe 60 Prozent sagen, dass sie zu wenig wissen über die EU und ihre Institutionen. Immerhin zwei Drittel wollen wenigstens die Verhandlungen abschließen und danach in einem Referendum abstimmen.

"Es geht bergauf"

Pall Vilhjalmsson geht das zu weit. Der hochgewachsene Lehrer und Strickjackenträger steht an der Spitze derjenigen, die sofort aufhören wollen, überhaupt zu verhandeln, 5500 Mitglieder hat seine Truppe. Als Island noch zum dänischen Königreich gehörte, vor mehr als hundert Jahren, habe man schlechte Erfahrungen gemacht, erklärt er. Seit 1944 sei Island endlich Republik, und nun wieder dabei, sich "ausländischen Mächten" zu unterwerfen, nämlich der Europäischen Union. Vilhjalmsson sagt: "Wir haben nur ein Ziel, Island aus der Europäischen Union herauszuhalten."

Dass Island auch aufgrund fehlender Expertise und neutraler Aufsicht in das Desaster rutschte, ficht ihn nicht an. Auch nicht, dass das Land deshalb noch immer gelähmt ist. Die Inflation liegt wieder bei fünf Prozent, Tendenz steigend. Das Land, das früher kaum Arbeitslose oder Staatsschulden kannte, muss jetzt eine Quote von sieben Prozent und einen Schuldenstand von 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verkraften.

Gut ausgebildete Menschen verlassen die Insel. Die Investitionsquote liegt auf einem historischem Tief, die Banken sind gelähmt, die Ausfuhr von Kapital strikt verboten.

Finanzminister Steingrimur J. Sigfusson versucht, optimistisch zu sein. Im Juli habe Island das erste Mal seit 2006 eine Staatsanleihe begeben und eine Milliarde Euro eingenommen, zu guten Konditionen. "Es geht bergauf", sagt der linke Grünen-Politiker, der seit den Neuwahlen 2009 als Juniorpartner der regierenden Sozialdemokraten das Ressort leitet.

Dann erzählt er: Dass Reykjavik damals 2008 - anders als später Irland oder Griechenland - entschied, nicht die Schulden der drei großen Banken zu übernehmen, sei nicht die Folge eines klugen freien Beschlusses, sondern einer Zwangslage geschuldet gewesen. "Die Verbindlichkeiten lagen zehnmal so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt, das hätten wir nie zahlen können".

Mittels eines Notgesetzes der Regierung wurden die drei Pleite-Banken jeweils in eine neue unbelastete Geschäftsbank und eine Bad-Bank gespalten. Die Regierung übernahm zweimal die Mehrheit und einmal eine Minderheit der Anteile der neuen Banken. Derzeit streitet sie mit Großbritannien und den Niederlanden, die die Einlagen ihrer Bürger und anderer Großinvestoren zurück haben wollen. Island will nur die Einlagen der Bürger zahlen, der Gerichtshof soll entscheiden.

Zwar ist Arnbjörnsson nicht allein mit seiner Sehnsucht nach dem Euro. Er spricht für 100 000 Angestellte im öffentlichen Dienst und in privaten Unternehmen, so viele Mitglieder hat seine Gewerkschaft, das ist knapp ein Drittel der Bewohner der Insel im Atlantik.

Dennoch beschleicht ihn derzeit ein flaues Gefühl. Die Isländer lehnten in zwei Referenden ab, britische und holländische zu entschädigen - obwohl das gesetzlich festgelegt ist. "Da kann sich jeder das Ergebnis vorstellen, wenn wir als Euro-Mitglied darüber abstimmen müssten, die Rechnung der Griechen zu bezahlen".

© SZ vom 22.09.2011/kahe

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