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Privatanleger:Die unberechenbaren Volksaktien

Börse Frankfurt/Main

Wenn die Altersvorsorge in das Unternehmen des Vertrauens investiert ist, macht es das nicht besser. Denn die Kurse können auch mal sehr stark sinken.

(Foto: dpa)
  • VW, Telekom, BASF, Siemens und Daimler gelten als "Volksaktien" - als Aktien, die sich auch kleine private Anleger leisten können.
  • Ein Blick auf die historischen Verlauf der Kurse dieser Aktien zeigt jedoch, dass die damit verbundene Hoffnung oft größer war als der Ertrag: Ein breit gestreutes Portfolio ist - vor allem als Altersvorsorge - sinnvoller als ein Aktienpaket von nur einem Unternehmen.

Im April 1961 herrschte in Niedersachsen Aktienfieber. Der Autokonzern Volkswagen brachte einen Teil des Unternehmens an die Börse. Mitarbeiter bekamen eine Aktie zum Ausgabepreis von 350 D-Mark gratis, weitere neun konnten sie kaufen, Geringverdiener mit Rabatt. Schon am ersten Handelstag verdoppelte sich der Kurs. Nach einer Woche verbuchte jeder, der zehn Aktien gekauft hatte, einen Gewinn von 3800 Mark. Das war viel Geld, so viel kostete damals ein VW-Käfer. "Manche haben damit auch Wohneigentum gekauft, in der kollektiven Erinnerung der Region Wolfsburg ist das deshalb bis heute ein besonderes Ereignis", sagt VW-Firmenhistoriker Dieter Landenberger.

Der Börsengang strahlte auch über die Region hinaus. Erstmals wandte sich ein großes deutsches Unternehmen gezielt an kleine und private Anleger. Vorher waren Aktien nur ein Thema für die Oberschicht. Seitdem ist auch der Begriff "Volksaktie" in der Welt, der sich von Volkswagen ableitete. Im Jahr 1996, als die Telekom an die Börse ging, tauchte der Begriff wieder auf.

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Die in der Grafik gezeigten Papiere fünf großer deutscher Konzerne kann man heute als "Volksaktien" bezeichnen, weil viele Privatanleger sie in ihren Depots liegen haben: VW, Telekom, BASF, Siemens und Daimler. Die Kurven spiegeln wider, wie sich diese Aktien seit dem Börsengang der Telekom entwickelt haben. VW und BASF schnitten deutlich besser ab als der Deutsche Aktienindex (Dax), der die 30 größten deutschen Aktiengesellschaften zusammenfasst. Siemens lief etwa im Gleichschritt, Telekom und Daimler liefen deutlich schlechter. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass im Dax die Dividenden mit eingerechnet sind, in den Kursen der einzelnen Aktien jedoch nicht. Gerade bei großen Aktiengesellschaften aber sind die Dividenden beachtlich, wie sich auch jetzt in der Hauptversammlungs-Saison wieder zeigt.

Klaus Nieding, Vize-Präsident der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz, sieht in Volksaktien Fluch und Segen zugleich. "Positiv ist, dass diese Unternehmen den Deutschen das Thema Aktie überhaupt näherbringen, schließlich ist es wichtig für die Altersvorsorge", sagt er. Andererseits aber sei es viel zu riskant, die eigene Altersvorsorge auf einzelnen Aktien aufzubauen. "Das gilt besonders für Belegschaftsaktionäre, die das Risiko tragen, den Job zu verlieren und zusätzlich ihre Altersvorsorge." Nieding rät deshalb, breit in den Aktienmarkt zu investieren, denn dieser entwickle sich langfristig konstant nach oben. Einzelne Papiere dagegen sind unberechenbar, wie auch der Blick auf die fünf deutschen Volksaktien zeigt.

VW

Volkswagen ist ein Konzern, der immer für Drama gut ist. Das gilt auch für die Aktien. Die Übernahmeschlacht mit Porsche, Machtkämpfe in der Führungsetage und zuletzt der Betrug mit manipulierten Dieselmotoren - all das hatte Folgen für den Wert der Anteilsscheine. Gleichzeitig hat VW über all die Jahre aber auch sehr gute Geschäfte gemacht, ist heute einer der größten Autohersteller der Welt. Ob sich der Kauf von VW-Papieren gelohnt hat, hängt deshalb stark vom Zeitpunkt des Kaufs ab. "Wer 2008, also beim Tiefpunkt nach der Finanzkrise eingestiegen ist, hat trotz der Dieselaffäre ein gutes Geschäft gemacht", sagt Frank Schwope, Analyst bei der NordLB. Wer aber unmittelbar vor Bekanntwerden des Betrugs investiert habe, stehe heute "mit heftigen Verlusten" da.

15 Prozent der insgesamt 500 Millionen VW-Aktien liegen in der Hand von Privatanlegern. Es gibt zwei Arten: Stamm- und Vorzugsaktien. Stimmrecht auf der Hauptversammlung haben nur Inhaber von Stammaktien, sie bestimmen die Geschicke des Konzerns. Das sind, über die Porsche SE, vor allem die Mitglieder der Familien Porsche und Piëch, außerdem das Land Niedersachsen und die staatliche Qatar-Holding. Privatanleger können üblicherweise nur Vorzugsaktien zeichnen. Damit haben sie kein Stimmrecht, bekommen aber im Gegenzug eine höhere Dividende: je Aktie sechs Cent mehr als Stammaktionäre. "Der Dividendenvorteil hat sich über die Jahrzehnte stark relativiert", sagt Analyst Schwope. Dennoch glaubt der Experte, dass das Papier von VW für Privatanleger auch künftig attraktiv sein könnte: Durch viele gleiche Bauteile in den unterschiedlichen Modellen könnte VW die Produktionskosten stärker senken als viele Konkurrenten. Zudem habe der Konzern durch die Dieselaffäre einen wichtigen, "wenn auch verdammt teuren Weckruf" erhalten und treibe nun den Wandel konsequent voran.

Telekom

Gut 21 Jahre ist es her, dass der Bund erste Anteile der Telekom an die Börse brachte. Je nachdem, wann Aktionäre eingestiegen sind, haben sie entweder halbwegs profitiert - oder eine finanzielle Katastrophe erlitten. Für viele Deutsche war die Telekom jedenfalls die erste und zugleich letzte Aktie, die sie im Leben kauften.

Denn kaum war der Konzern börsennotiert, investierte er viele Milliarden in Mobilfunkfrequenzen und waghalsige Übernahmen. In der allgemeinen Börseneuphorie stieg die T-Aktie zunächst von umgerechnet 14,57 Euro auf mehr als 100 Euro im Jahr 2000. Doch als die sogenannte Dotcom-Blase platzte, war der Anteilsschein zwischenzeitlich nur noch neun Euro wert.

Für die Telekom spricht, dass sie verlässlich Gewinne ausschüttet. Auch in diesem Jahr soll die Dividende steigen, auf 70 Cent je Aktie. Das entspricht einer Dividendenrendite von knapp fünf Prozent im Jahr.

Künftig will die Telekom abermals viel Geld investieren: in den neuen Mobilfunkstandard 5G in Deutschland und in die Fusion mit dem stark verschuldeten Konkurrenten Sprint in den USA. Falls die Behörden dies genehmigen, würde der Gewinn pro Aktie für zwei Jahre sinken, teilte die Telekom mit, an diesem Wert bemisst sie auch die Dividende. Die Ausschüttung solle aber keinesfalls unter 50 Cent fallen. Vom dritten Jahr an soll sich die Fusion dann auch für Aktionäre auszahlen.

Laut Geschäftsbericht gehört die Telekom zu knapp 16 Prozent privaten Aktionären. Vorstandschef Tim Höttges ist auch persönlich an der Entwicklung des Kurses gelegen: "Meine Frau meint, meine Stimmung korreliert mit dem Aktienkurs", sagte der 56-Jährige einmal.

BASF

Was eignet sich besser zur Volksaktie als die Papiere eines Unternehmens, mit dessen Produkten "das Volk", zumindest das in Industrieländern, täglich in Berührung kommt? Produkte des Chemiekonzerns BASF stecken in Waschmitteln und Shampoos, in den Fasern von Funktionskleidung, in Lacken und Matratzen, in Batterien und Armaturenbrettern.

Mit mehr als 600 000 Aktionären gehört BASF zu den großen Publikumstiteln. Ein knappes Drittel des Grundkapitals wird nach Konzernangaben von privaten Anlegern gehalten, die "nahezu" alle ihren Wohnsitz in Deutschland haben. Auch viele der weltweit 122 000 Beschäftigten halten Papiere. Viele haben sie auch nicht verkauft, als sie in Rente gingen. Allein 2018 erwarben weltweit 25 000 Mitarbeiter Aktien im Wert von fast 80 Millionen Euro. Ihre Aktien sind die Eintrittskarte für die Hauptversammlung mit im Schnitt gut 6000 Teilnehmern in den vergangenen acht Jahren. Für 2018 will der Konzern 3,20 Euro Dividende je Aktie ausschütten, zehn Cent mehr als für das Vorjahr. Auf Basis des Jahresschlusskurses entspricht das einer Rendite von 5,3 Prozent. Der Kurs der Aktie hat sich seit 1997 mehr als verfünffacht, wobei er in den vergangenen Monaten kräftig nachgegeben hat. Die Aktien von Chemie-Konzernen gehören zu den so genannten Frühzykliker: Sie reagieren früh auf einen sich abzeichnenden Abschwung.

Siemens

Siemens ist eine der ganz großen und traditionsreichen Publikumsgesellschaften in Deutschland. Vertreter der Siemens-Familie haben etwa sechs Prozent der Aktien, der Rest der insgesamt 850 Millionen Anteilsscheine ist breit gestreut, insgesamt gibt es 853 000 Aktionäre. Die Aktie ist auch bei den eigenen Mitarbeitern beliebt. 300 000 der insgesamt 380 000 Beschäftigten halten derzeit Anteile.

Konzernchef Joe Kaeser hatte das zuletzt immer wieder befürwortet, er will damit eine "Eigentümer-Kultur" schaffen. Seit 2015 beteiligt Siemens über das "Siemens Profit Sharing" Mitarbeiter am Erfolg. Laufen die Geschäfte gut, erhalten sie unter bestimmten Voraussetzungen Gratis-Aktien. Daneben gibt es ein Mitarbeiter-Beteiligungsprogramm.

Zudem hat Siemens durch Abspaltungen und Verkäufe in den vergangenen Jahren immer wieder neue Börsenunternehmen geschaffen. Im Jahr 2000 kam die Halbleitertochter Infineon an die Börse. Auch Osram wurde über einen Börsengang abgespalten, Siemens-Aktionäre erhielten in einem bestimmten Verhältnis Aktien der Lichtfirma. 2018 wurde das Geschäftsfeld Medizintechnik unter dem Namen Siemens Healthineers an den Aktienmarkt gebracht. Es war der größte Börsengang in Deutschland seit langem, die Firma hat einen Börsenwert von fast 36 Milliarden Euro, Siemens hält 85 Prozent der Aktien. Healthineers gilt als Kandidat für den Dax 30.

Daimler

Wenn es eines Beispiels bedurfte, dass die Daimler-Aktie so etwas wie eine Volksaktie ist, dann ist die kleine Anekdote aus dem April 2016 sehr treffend. Bei der Hauptversammlung in Berlin werden stets Würste aufgetischt und bei nicht wenigen der oft über 5000 anwesenden Aktionäre hat man das Gefühl, dass dieses Deputat durchaus entscheidend ist für ihre Anwesenheit. Manche stopfen sich tatsächlich die Taschen voll damit. Jedenfalls führt das zu Konflikten, vor drei Jahren musste sogar die Polizei gerufen werden: Aktionäre hätten sich um die "Saitenwürschtle" gestritten, berichtete Aufsichtsratschef Manfred Bischoff. 12 500 waren bestellt, offenbar zu wenig. Bischoffs Konsequenz: "Entweder brauchen wir mehr Würstchen, oder wir schaffen die Würstchen ganz ab." Dabei war der Streit eigentlich nicht nötig, die Dividende war ordentlich damals - 3,25 Euro pro Aktie -, wie sich die Verzinsung meist bei drei, vier Prozent bewegt.

Die Dividende ist aus Aktionärssicht - jede fünfte Aktie gehört Privatanlegern - auch das Spannendste, denn der Kurs ist für viele eher enttäuschend: Wer 1997 umgerechnet 1000 Euro in Daimler investierte, hat heute noch 805 Euro. Kaum ein Analyst bewertet Daimler als schlechtes Unternehmen, aber die ganz große Story fehlt, und beinahe jedes Jahr belasten teure Sondereffekte die Gewinne, derzeit etwa für das Nachbessern von Dieselautos. Das macht das recht beständige Umsatzwachstum wieder zunichte.

Auch der Ausblick ist nicht ganz so schön: Der Risikoteil im Geschäftsbericht ist umfangreich wie selten, Strafen wegen des Abgasskandals und möglicherweise illegaler Kartellbildung drohen. Die Kursentwicklung des Jahres 2018 bildet das ab: Es ging vor allem nach unten. Zuletzt hat sich der Kurs mal wieder erholt, auf knapp 54 Euro pro Anteil.

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