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Vastu:Feng-Shui auf Indisch

Die Vastu-Architektur kann die Kreativität und Produktivität im Büro fördern. Manchmal reicht es aber schon, sich zum Arbeiten ins Café zu setzen.

Kreativer sein, im Beruf neue Wege gehen, Probleme besser lösen können - wer würde das nicht gern? Ideen und Konzepte, wie man die Kreativität anregen und Arbeit produktiver gestalten kann, gibt es viele. Dazu gehört zum Beispiel die Umgebung. Architektur, zeigen zahlreiche Studien, kann das Wohlbefinden und auch die Produktivität deutlich beeinflussen. Eine spezielle Strategie stammt aus Indien. Vastu heißt sie, und ist das indische Gegenstück zum hierzulande deutlich bekannteren chinesischen Feng-Shui. Ziel ist die "Harmonisierung des Menschen mit seiner Umgebung" durch eine besondere Gestaltung der Wohn- und Lebensräume.

Vastu-Architektur bedeutet vereinfacht gesagt, dass der Hauseingang nach Osten oder Norden gerichtet ist und die Räume so angeordnet sind, dass sie "mit den Energiefeldern von Sonne und Erde übereinstimmen". Vom Gebäude soll man einen unverbauten Blick auf die aufgehende Sonne haben. Vastu-Häuser dürfen natürlich nicht in der Nähe von elektromagnetischen Feldern stehen und müssen selbstverständlich nachhaltig mit natürlichen, lokalen und nichttoxischen Materialien gebaut werden. Um das Gebäude herum gehört eine schützende Hecke. Das sind zwar zum Teil eher esoterische als wissenschaftlich belegte Kriterien. Doch Forscher der Maharishi University of Management in Iowa haben trotzdem vor Kurzem im Creativity Research Journal eine Studie dazu vorgestellt. Die These, umgangssprachlich formuliert: Man verlegt sein Büro in ein Maharishi-Vastu-Haus, und schon sprudeln bei den Beschäftigten die Ideen. Tatsächlich schnitten 22 Angestellte einer amerikanischen Architektur- und Ingenieur-Beratungsfirma, die in ein Maharishi-Bürogebäude umzogen, in einem standardisierten Kreativitätstest (Torrance Test of Creative Thinking, kurz TTCT) besser ab als vier Monate zuvor in ihrem alten Bürogebäude. Zufall oder wirklich das Ergebnis einer veränderten Umgebung?

"Die Arbeitsumgebung kann sich auf unsere Kreativität deutlich auswirken", sagt Gregor Hasler, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Freiburg (Schweiz). "Beim Maharishi-Vastu-Konzept scheinen das direkte Sonnenlicht und die natürliche Umgebung entscheidend zu sein. Wir wissen aus Studien, dass Licht und Spaziergänge im Grünen einen stimmungsaufhellenden und motivierenden Effekt haben, was wichtige Bausteine der Kreativität sind."

Die Maharishi-Vastu-Architektur soll zurückgehen auf Maharishi Mahesh Yogi, indischer Guru und Begründer der transzendentalen Meditation. Das alte Wissen der Vedischen Architektur - auch Vastu oder Sthapatya Veda genannt - habe Yogi wieder hergestellt. Maharishi-Vastu-Architektur soll positive Einflüsse auf das Zuhause und den Arbeitsplatz haben. Weltweit sollen schon Vastu-Häuser im Wert von mehr als 400 Millionen Euro gebaut worden sein. Aus wissenschaftlicher Perspektive sind vor allem die Faktoren Licht und auch die naturnahe Umgebung von Bedeutung. Das können Bauherren aber auch ganz ohne Vastu-Kriterienkatalog berücksichtigen. "Man muss die Architektur und die Umgebung finden, die einen inspiriert - das ist individuell unterschiedlich", betont Hasler. Kreativität könne man zudem lernen. "Aus der Psychedelika-Forschung wissen wir, dass das Hirn von Kreativen in seiner Aktivität weniger gut vorhersagbar ist als das von Nicht-Kreativen. Eine unsichere, vieldeutige Umgebung voller Überraschungen fördert diese Unberechenbarkeit."

Um so eine Umgebung zu erreichen, müsse man also nicht in ein Vastu-Büro ziehen, sondern man könne öfter mal den Arbeitsort wechseln, etwa mal im ICE arbeiten, in einem quirligen Café oder einem Co-Working-Büro. Eines ist für den Experten nämlich klar: "Das klassische langweilige Büro fördert die Kreativität sicherlich nicht."

© SZ vom 25.01.2020
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