Value-Investoren:Den Euro für 60 Cent kaufen

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Anlegen wie Warren Buffett: Wie sicherheitsbewusste Investoren unterbewertete Firmen suchen. Und warum sich der Einstieg gerade jetzt lohnt.

Simone Boehringer

Warren Buffett machte eine klare Ansage bei seinem Besuch in Deutschland: "Wir suchen große, gut geführte Unternehmen, die wir auf Anhieb verstehen", erklärte der reichste Mann der Welt. Für Anleger ist seine Ankündigung ein gutes Signal. Denn Buffett sucht unterbewertete Unternehmen, und die glaubt er offensichtlich in Deutschland zu finden.

Value-Investoren: Investor Warren Buffet: Anlagetipps vom Altmeister.

Investor Warren Buffet: Anlagetipps vom Altmeister.

(Foto: Foto: Reuters)

Buffett ist ein sogenannter Value Investor. Das heißt, er beurteilt seine Investitionsziele nach dem inneren Wert (Value). Liegt dieser deutlich unter dem momentanen Markt- oder Börsenwert, greifen Value Investoren gerne zu. "Wir versuchen, den Euro für 60 Cent zu kaufen", sagt Stefan Rehder, der die Value-Strategie bei der Bayerischen Landesbank verantwortet. "Die 40 Cent Differenz sind die Versicherung für schlechte Börsenzeiten."

Schwankende Kurse

Tatsächlich gilt der Value-Ansatz, der ursprünglich auf den amerikanischen Universitätsprofessor Benjamin Graham zurückgeht und die internationale Finanzszene bis in die 1980er Jahre beherrschte, als konservative Strategie, die sich in schwierigen und unsicheren Zeiten wie derzeit am besten rechnet. "Seit den 60er Jahren war die Strategie immer besonders erfolgreich, wenn die Wirtschaft in einer Rezession war oder sich gerade wieder davon erholte", sagt Rehder.

Bis kurz vor einem konjunkturellen Abschwung waren es dagegen eher die sogenannten Growth-Investoren, die die Nase vorne hatten. Im Unterschied zum Value-Ansatz suchen Growth-Strategen nach Unternehmen mit weit überdurchschnittlichen Wachstumsaussichten (Growth). Der Preis, der für sie am Markt gezahlt wird, ist eher zweitrangig. Kippt aber die Stimmung an der Börse, wie etwa am Höhepunkt der New-Economy-Welle März 2000 oder jüngst Anfang des Jahres, riskieren Growth-Investoren schneller als Value-Anleger, dass ihre Papieren unter den Kaufpreis fallen.

Ihren vorläufigen Tiefpunkt vom März haben die Aktienmärkte inzwischen zwar überwunden - der Dax etwa notiert inzwischen um 13 Prozent höher. Jedoch werden die Prognosen für das Wachstum derzeit eher nach unten korrigiert; die USA sehen viele Experten sogar inmitten einer Rezession. Da nicht sicher ist, wie lange eine solche Periode schrumpfender Wirtschaftsleistung in der führenden Volkswirtschaft der Welt anhält und wie stark sie sich auswirkt, rechnen viele Fachleute auch in Europa vorerst damit, dass die Kurse zwar schwanken, aber sich letztlich nicht stark verändern.

"Stock picking" wird attraktiver

Für Profis wie Privatanleger heißt das: Es bringt nicht viel, ein Papier oder einen Fonds zu kaufen, der einen ganzen Aktienindex abbildet. Stattdessen wird die Auswahl einzelner Titel, das sogenannte Stock picking, wichtiger - aber auch lukrativer, "weil viele Aktien von gesunden Unternehmen in der Rezession günstiger zu kaufen sind", meint Jens Moestrup Rasmussen, Aktienchef der dänischen Fondsgesellschaft Sparinvest.

Rasmussen verantwortet einen der größten und ältesten Value-Fonds in Europa. Anlegern rät er, "in vermeintlich langweilige Firmen mit niedrigem Schuldenstand und stabilen Erträgen zu investieren. Ist deren Kurs schon im Aufwind, kommt ein Einstieg oft zu spät." Um die unterbewerteten Titel zu finden, sind vor allem drei Kennzahlen wichtig:

Lesen Sie alles über diese drei Kennzahlen im zweiten Teil.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis:

Hier wird der Börsenpreis des Unternehmens ins Verhältnis gesetzt zum erwarteten Gewinn. Im langjährigen Vergleich als normal oder fair gelten KGVs zwischen zehn und 15. Eine deutlich einstellige Kennzahl deutet auf eine Unterbewertung hin. Hat ein Unternehmen etwa ein 2008er KGV von 12, heißt das, es muss zwölf Jahre lang wenigstens denselben Ertrag einfahren, um die heutige Börsenbewertung zu rechtfertigen.

Ob dies plausibel ist, können Anleger am besten durch einen Abgleich mit Kennzahlen aus der Vergangenheit prüfen. "Schrumpft ein KGV etwa von 50 auf 10, darf man ruhig skeptisch werden", meint Matthias Schrade, Chef des unabhängigen Aktienanalysehauses GSC Research. Oft lägen niedrigen KGVs übertrieben positive Zukunftseinschätzungen zugrunde. "Wir kommen aus exzellenten Zeiten und neigen dazu, dies in Prognosen zu lange fortzuschreiben", sagt BayernLB-Experte Rehder. Value-Investoren geben vergangenen Zahlen deshalb mehr Gewicht als künftigen.

Die Dividendenrendite:

Sie gibt an, wie hoch die letzte Ausschüttung an die Aktionäre im Vergleich zum Börsenkurs des Unternehmens ist. Für Dax-Gesellschaften liegt die Dividendenrendite im Schnitt bei zwei bis drei Prozent. Firmen aus der zweiten Reihe, deren Papiere am Markt nicht so begehrt sind, nutzen oft die Dividende, um ihre Anteilseigner bei Laune zu halten.

Gerade in Zeiten mit geringen Kursfortschritten kann die Dividende zum Maß aller Dinge werden. So liegt etwa bei 18 von 50 MDax-Unternehmen die Dividendenrendite derzeit bei mehr als drei Prozent. Im SDax ist dies bei 14 von 50 Firmen der Fall. Im Dax ragen die Deutsche Telekom und die Deutsche Bank mit etwa sieben Prozent heraus, was allerdings in beiden Fällen vor allem auf einen schlechten Kursverlauf schließen lässt. Value-Investoren schätzen dividendenstarke Aktien, haben aber in der Regel auch ein Interesse daran, dass die Firmen Gewinne sinnvoll investieren und nicht bloß ausschütten.

Das Kurs-Buchwert-Verhältnis:

Der Buchwert eines Unternehmens drückt den Wert der Vermögensgegenstände und des Kapitals einer Firma aus, wie sie in der Bilanz stehen. Er repräsentiert den Anschaffungspreis und stellt damit im Notfall, etwa, wenn eine Zerschlagung droht, die Untergrenze der Firmenbewertung da. Ist das Kurs-Buchwert-Verhältnis in der Nähe von oder gar unter eins, ist dies für Value-Investoren in der Regel ein Einstiegssignal.

Wegen der Umstellung auf internationale Bilanzierungsregeln (IFRS) müssen Unternehmen jedoch mittlerweile viele Vermögensgegenstände mit jeweils aktuellen Marktpreisen in der Bilanz ansetzen. "Der Buchwert verliert zunehmend den Charakter der Lebensversicherung", warnt Schrade von GSC Research.

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