USA: Staatsfinanzen Die Rechnung der Babyboomer

Die Krux mit den Alten: In den USA gehen die Babyboomer in Rente. Das ist schön für die Menschen - aber eine Katastrophe für die maroden Staatsfinanzen.

Von Moritz Koch

Die Pirsch führt auf einen Steg und hinein in den Mangrovensumpf. Durch das Dickicht der Stelzwurzeln schimmert das seichte Wasser der Bucht. Hier ist es, das Revier der Pelikane. "Die Leute sagen, ich kann die Persönlichkeit der Vögel einfangen", flüstert Linda Bickel, zückt ihre rote Digitalkamera und legt sich auf die Lauer. Seit zwei Jahren vertreibt sich die Rentnerin ihre Zeit mit Fotosafaris an Floridas Westküste. Es ist ein sorgenfreier Ruhestand, der dennoch Grund zur Sorge bietet.

Demographischer Wandel: Die ersten Babyboomer erreichen das Rentenalter.

(Foto: dpa)

Denn Leute wie Bickel bilden die Vorhut eines demographischen Wandels, der die USA tiefgreifend verändern wird. 2011 ist das Jahr, in dem die ersten Babyboomer ihren 65. Geburtstag feiern und das Rentenalter erreichen. Für jeden Einzelnen mag das Ende des Arbeitsalltags etwas Schönes sein, für das Land insgesamt hat die Pensionierungswelle möglicherweise katastrophale Folgen.

Wenn die Regierung in Washington weitermacht wie bisher, wird das Jahr 2011 den Beginn des schleichenden Ruins der USA markieren. Die Babyboomer werden das soziale Netz bis aufs Äußerste strapazieren. Den USA droht eine Krise der Staatsfinanzen, gegen die die Schuldenprobleme Griechenlands ein Witz sind. Und wenn Investoren das Vertrauen in Amerika verlieren, büßt das gesamte Weltfinanzsystem seinen sicheren Hafen ein.

Als Babyboomer werden in den USA die Jahrgänge 1946 bis 1964 bezeichnet. Die Erleichterung über das Ende des Weltkriegs löste einen Geburtenanstieg aus, der erst mit der Verbreitung der Antibaby-Pille endete. Seither wandern die Babyboomer durch die Alterspyramide und stellen sie allmählich auf den Kopf. Bickel hat nur das Beste über ihre Generation zu sagen: "Wir sprühen vor Energie, wir wollen alles sehen, ausprobieren und verändern. Und wir sind umweltbewusst und sorgen uns um das Wohl unserer Enkel. Ich bin richtig stolz, zu den Babyboomern zu gehören."

Bickel ist 1947 geboren, den Ruhestand hat sie ein paar Jahre früher begonnen als ihre Altersgenossen. Sie und ihr Mann John sind als Immobilienmakler reich geworden. Als die Krise am Häusermarkt kein Ende nehmen wollte, stiegen sie aus. Natürlich geht es nicht allen Babyboomern so gut wie den Bickels. Viele ihrer Altersgenossen leiden unter der Rezession. Millionen von Arbeitnehmern haben ihren Job verloren.

Trotzdem gelten die Babyboomer als die wohlhabendste Generation, die Amerika jemals hervorgebracht hat. Nur steht ihr privates Wohlergehen im scharfen Kontrast zu den düsteren Perspektiven der öffentlichen Finanzen. Das liegt vor allem an der Konstruktionsweise des amerikanischen Sozialstaats. Neben den Militärausgaben sind die wichtigsten Posten im US-Budget Medicare, Medicaid und Social Security. Medicare ist eine Krankenversicherung, die jeder Amerikaner vom 65. Lebensjahr an in Anspruch nehmen kann. Medicaid bietet Gesundheitsleistungen für sozial Schwache, und Social Security zahlt eine Mindestrente.

Alle drei Programme sind umlagefinanziert, das heißt, die Beiträge der Erwerbstätigen bezahlen die Leistungen für die heutigen Rentner - wie im deutschen Rentensystem. Genau dies ist das Problem: Innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte werden jeden Tag 10.000 Babyboomer das Rentenalter erreichen und vor allem Medicare in ein Milliardengrab verwandeln. Heute nehmen 46 Millionen Amerikaner die Leistungen des Programms in Anspruch. Wenn in etwa 20 Jahren der letzte Babyboomer in den Ruhestand getreten sein wird, werden es mehr als 80 Millionen sein.