US-Finanzkrise "Die Regierung soll die Hypotheken kaufen"

SZ: Es gibt aber auch Argumente für eine optimistischere Sicht: Außerhalb des Finanzsektors verdienen die Unternehmen immer noch gut, Aktien sind nicht überteuert. Zählt das nicht?

Roubini: Es stimmt, die Konzerne verdienen im Schnitt gut, aber die Ausfallrate bei Unternehmensanleihen steigt. Das zeigt, dass es eine wachsende Zahl von Firmen gibt, die mit Problemen zu kämpfen haben. Auch das Verhältnis von Aktienkursen zu Gewinnen scheint nicht übertrieben. Dabei muss aber berücksichtigt werden, dass die Gewinne inzwischen Höhen erreicht haben, die nicht mehr durchzuhalten sind. Wenn man sich den Konjunkturzyklus ansieht, sind Aktien eben doch überteuert.

SZ: Hilft da nicht das Konjunkturpaket der US-Regierung?

Roubini: Sie müssen die Zahlen vergleichen. Beim Beginn der letzten Rezession war der Staatshaushalt mit 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Plus und landete danach bei 3,5 Prozent im Minus. Das war ein Konjunkturstimulus von sechs Prozent der Wirtschaftsleistung. Das jetzige Konjunkturpaket von Präsident Bush hat ein Volumen von 160 Milliarden Dollar, das ist nur ein Prozent der Wirtschaftskraft. Das Programm wird wirken, aber nicht sehr.

SZ: Es bleiben die Zinssenkungen.

Roubini: Die Federal Reserve hat tatsächlich sehr aggressiv reagiert. Es gibt aber drei Gründe, weshalb die Geldpolitik diesmal weniger effektiv ist als sonst. Einmal haben wir ein Überangebot an Häusern, Autos und Konsumgütern. In so einer Situation reagiert die Wirtschaft weniger auf Zinssenkungen. Es ist, als würde man versuchen, mit einem Seil einen Wagen zu schieben. Zudem haben wir nicht nur ein Liquiditätsproblem, sondern auch eines der Zahlungsfähigkeit. Millionen von Haushalten sind überschuldet, zwischen den Banken gibt es eine Vertrauenskrise. Das können sie nicht mit Zinssenkungen lösen. Und drittens kann die Fed nur die Institute beeinflussen, die auch bei der Notenbanken leihen, also Banken. Die Krise betrifft aber auch viele Institute, die keinen Zugang zur Notenbank haben: Investmentbanken und Hedgefonds zum Beispiel.

SZ: War es richtig, dass die Fed bei der Rettung der Investmentbank Bear Stearns geholfen hat?

Roubini: Hätte sie es nicht getan, hätte es eine Kernschmelze im Finanzsystem gegeben, einen Run auf Banken wie Lehman Brothers und Merrill Lynch.

SZ: Sind noch mehr Finanzinstitute vom Zusammenbruch bedroht?

Roubini: Ja. Bei den großen Banken haben 46 Prozent der Aktiva irgendeinen Bezug zu Immobilien, bei kleinen Instituten sind es 60 Prozent. Einige dürften Insolvenz anmelden, es sei denn, sie finden sehr schnell frisches Kapital.

SZ: Wieviel Kapital ist jetzt nötig?

Roubini: Sollten die Gesamtverluste tatsächlich auf eine Billion Dollar steigen, dann wären drei Viertel des Kapitals aus dem Finanzsystem verschwunden. Das wäre dann eine Systemkrise.

SZ: Ist das denn wahrscheinlich?

Roubini: Das hängt von der Politik ab.

SZ: Was sollen die Politiker tun?

Roubini: Wenn sie nicht die Banken verstaatlichen wollen, müssen sie die Hypotheken verstaatlichen.

Was genau der Staat tun soll, erfahren Sie auf der nächsten Seite.