Umwelt-Experte "Falscher Anreiz"

Martin Faulstich über die Pendlerpauschale, neue Baugebiete und den Tausch von Wohnraum zwischen Jung und Alt.

Interview von Peter Blechschmidt

Jedes Jahr werden in Deutschland 239 Quadratkilometer Boden zugebaut. Das entspricht der Fläche von Frankfurt. Flächenverbrauch ist nach wie vor "eines der schwerwiegenden ungelösten Umweltprobleme Deutschlands", stellt der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) in seinem jüngsten Gutachten fest. Zur Lösung des Problems könne es hier und da sinnvoll sein, Siedlungen aufzugeben, meint der Clausthaler Professor Martin Faulstich, der bis vor Kurzem das Beratergremium der Bundesregierung leitete.

SZ: Herr Faulstich, wollen Sie Dörfer mit schrumpfender Einwohnerzahl wirklich einfach sterben lassen?

Martin Faulstich: Von Wollen kann keine Rede sein. Die Bevölkerungszahl nimmt doch vielerorts ohnehin ab. Irgendwann kann schon aus Kostengründen für die verbliebenen Einwohner keine ausreichende Infrastruktur mehr vorgehalten werden. Da ist es dann vielleicht sinnvoller, einzelne Orte auch gezielt zurückzubauen.

Im Ernst: In seinem jüngsten Gutachten setzt sich der Sachverständigenrat für Umweltfragen zum wiederholten Mal mit dem Problem des Flächenverbrauchs in Deutschland auseinander. Wird der Flächenverbrauch überhaupt als Problem wahrgenommen?

Es besteht ohne Frage großer Handlungsbedarf. Die Probleme, die mit dem Flächenverbrauch verbunden sind, werden grundsätzlich unterschätzt - selbst in Teilen der Umweltbewegung. Alle politischen Ziele, die es in den letzten Jahren zu diesem Thema gegeben hat, sind verfehlt worden.

Im Umweltgutachten empfehlen Sie, dass von 2030 an netto keine zusätzlichen Flächen mehr bebaut werden sollen. Ist das realistisch?

Hier kommt es auf das Wörtchen netto an. Es ist ja keine Frage, dass in den Ballungsräumen - Berlin, München, Hamburg - weiter gebaut wird. In dem Umfang, wie dort neue Flächen ausgewiesen werden, muss andernorts, wo der demografische Wandel wirkt, zurückgebaut werden. Außerdem müssen nicht immer neue Flächen ausgewiesen werden. Der bereits bebaute Boden kann viel effizienter genutzt werden.

Wachsende Wohnungsnot in den Städten und gleichzeitig weniger Flächenverbrauch - wie soll das zusammengehen?

Zum Beispiel sollten wir in den Städten schauen, wo eine Nachverdichtung möglich ist. Lassen sich bestehende Gebäude aufstocken? Dachgeschosse ausbauen? Da sind auch die Architekten gefordert. Ein wesentlicher Teil der Lösung liegt im preiswerten und flächensparenden Geschosswohnungsbau. Und sicherlich wird auch die eine oder andere Wohnung kleiner sein als heute.

Viele ziehen aufs Land, weil sie die Mieten in der Stadt nicht bezahlen können.

Tatsächlich ist es ja nicht immer kostengünstiger, auf dem Land zu wohnen. Das Angebot an Schulen, Kinderbetreuung, Kultur ist dort oft sehr dünn. Die Kosten und der Zeitaufwand für das Pendeln werden häufig unterschätzt. Da sage ich - zugegebenermaßen als Stadtmensch -, das Leben in der Stadt ist sehr viel praktischer. Natürlich müssen wir daher in den Städten ausreichend bezahlbaren Wohnraum schaffen.

Stichwort Pendlerpauschale. Die wollen Sie ja abgeschafft sehen.

Ja, denn sie ist ein falscher Anreiz. Wenn jemand, aus welchen Gründen auch immer, auf dem Land wohnen will, dann ist das seine private Lebensentscheidung. Der Staat muss es nicht auch noch fördern, dass eine Familie zwei oder drei Fahrzeuge unterhält und alle Wege mit dem Auto erledigt werden. In der Stadt können wir öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Das wäre auch ein Beitrag zum Umweltschutz.

Andererseits werben aber selbst schrumpfende Gemeinden mit neuen Baugebieten um neue Einwohner. Ist das nicht paradox?

Natürlich ist das paradox. Aber das liegt am System. Die Gemeinden finanzieren sich im Wesentlichen über die Gewerbesteuer und ihren Anteil an der Einkommensteuer, der sich wiederum an der Zahl der Einwohner bemisst. Da müsste man andere Mechanismen entwickeln, zum Beispiel einen interkommunalen Flächenhandel.

Wie soll der funktionieren?

Das ist ein Handel wie an einer Börse. Kommunen werden nach festgelegten Kriterien Zertifikate für die Bebauung von Flächen zugeteilt. Reichen die verfügbaren Zertifikate einer Gemeinde für die geplante Bebauung nicht aus, kann sie von anderen Kommunen, die flächensparend planen, nicht benötigte Zertifikate kaufen. Das bringt den Verkäufern Geld in die Stadtkasse und motiviert Kommunen und Planer zu einer sparsameren Bauweise. Modellprojekte zeigen, dass dies funktioniert. Selbst das Institut der Deutschen Wirtschaft bestätigt, dass dies eine marktwirtschaftliche Lösung wäre.

Das dürfte aber in vielen Gemeinden die Steuerausfälle, die der Verzicht auf ein neues Gewerbegebiet brächte, kaum ausgleichen.

Steuereinnahmen fließen ja nur, wenn die neuen Gebiete auch tatsächlich Nutzer finden. Dies ist oft genug nicht der Fall. Dann bleibt die Gemeinde auf den Kosten für die bereitgestellte Infrastruktur sitzen. Auch werden die Folgekosten des demografischen Wandels in vielen Gemeinden bisher gar nicht bedacht. In schrumpfenden Regionen verursacht die vorhandene Infrastruktur, zum Beispiel für Abfall- und Abwasserbehandlung, hohe Kosten pro Einwohner. Die Instandsetzung von Wohn- und Gewerbeflächen in den oft leer stehenden Ortskernen kann hingegen attraktiven Lebensraum schaffen und reduziert die Infrastrukturkosten.

Eine Folge des demografischen Wandels in Deutschland ist auch die problematische Verteilung von Wohnraum. Im Durchschnitt verfügen hochbetagte Frauen über den meisten Wohnraum, nämlich etwa 70 Quadratmeter pro Person. Sie plädieren hier für Wohnraumtausch zwischen Alten und Jungen. Wie soll das gehen?

Das lässt sich natürlich nicht einfach verordnen, sondern das ist zunächst mal eine Frage der Kommunikation. Es gibt Kommunen oder auch Wohnungsgenossenschaften, die Tauschbörsen eingerichtet haben. Da können etwa Leute mit einer großen Wohnung oder einem Haus, das ihnen nach dem Auszug der Kinder zu groß geworden ist, mit Familien in zu kleinen Wohnungen in Kontakt treten.

Auf dem Land kann man sich eher ein Haus leisten als im Ballungsgebiet. Deshalb wird dort viel Fläche verbraucht, und das ist schlecht für die Umwelt.

(Foto: Johannes Simon)

Aber Kommunikation löst nicht das Problem der Diskrepanz zwischen niedrigen Wohnkosten auf dem Land und hohen Mieten in der Stadt.

Stimmt schon. Aber es geht ja nicht allein um die Kosten. Viele ältere Menschen wären auch ohne Ersparnis mit einer kleineren, altersgerechten Wohnung und den damit verbundenen Vorteilen zufrieden. Da wäre ein entsprechender Informationsaustausch schon hilfreich.

Inwieweit setzen Sie auf Überzeugungskraft und freiwillige Kooperation der Menschen? Und wie stark muss der Staat eingreifen?

Für uns ist das kein Gegensatz. Alles, was freiwillig und aus Einsicht in das Problem getan wird, ist willkommen und soll weiter gefördert werden. Aber wenn das nicht ausreicht, sind natürlich auch politische Maßnahmen nötig.

Der Sachverständigenrat empfiehlt eine starke staatliche Steuerung, etwa die Verpflichtung, einen Kataster innerstädtischer Entwicklungspotenziale zu erstellen oder jede neue Bodenversiegelung durch eine Entsiegelung auszugleichen. Alles Eingriffe in das Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden.

Zu viel Dirigismus? Viele Vorschläge kommen ja aus den Kommunen selbst, weil sie ein Interesse an der Lösung dieser Probleme haben. Die Stadt München zum Beispiel stellt seit 1994 Bebauungspläne nur noch auf, wenn die Eigentümer einen Teil der entstehenden Bebauung für sozialen Wohnraum reservieren und sich an den Folgekosten wie Straßen, Kitas oder Grünflächen beteiligen. Da redet niemand von Dirigismus. Der Sachverständigenrat erfindet ja nicht laufend eigene Forderungen, sondern greift oftmals Ideen und Maßnahmen auf, die teilweise bereits erfolgreich umgesetzt werden. Es gibt die Instrumente, sie müssen nur angewendet werden.

Ist die Zeit vielleicht gerade jetzt günstig für neue Wege beim Flächenverbrauch?

Wir leben in einer Zeit der Veränderung. Wir wissen um den demografischen Wandel. Wir wissen, dass wir die Industriegesellschaft nachhaltig umbauen müssen, wir sehen es bei der Energiewende. Das gilt auch für den regional hohen Bedarf an Wohnraum, den wir jetzt gestalten müssen. Insofern ist das Thema Flächenverbrauch politisch hochaktuell.