bedeckt München 20°

Treffen der G 7:Die Doktrin von Washington

Angesichts der Angst vor einer schweren Rezession legen die Regierungen der Industriestaaten nun den Grundstein für eine Weltfinanzordnung. Aber auch die Banken müssen Konsequenzen ziehen.

Vielleicht wird das vergangene Wochenende rückblickend einmal als die Geburtsstunde einer Weltfinanzordnung gelten. Die Finanzminister der großen Industrienationen (G7) und ihre Zentralbanken haben erstmals eine globale Antwort auf die globale Krise des Finanzsystems gegeben.

Die Uhr vor der Wertpapierbörse in Frankfurt zeigt fünf vor zwölf: Vielleicht wird das Wochenende rückblickend einmal als die Geburtsstunde einer Weltfinanzordnung gelten.

(Foto: Foto: AP)

Und sie haben unter dem Eindruck des verheerenden Sturms, der die Weltwirtschaft verwüstet, den Grundstein für ein Gebäude gelegt, das einmal Schutz vor neuen Unwettern bieten könnte.

Diese Errungenschaft gilt es zu würdigen, bevor man über all die Mängel und Unwägbarkeiten spricht, die der Plan von Washington enthält. Diese Mängel sind allerdings so gravierend, dass der Aktionsplan der G7 auch als letztes Aufbäumen der Staatengemeinschaft gegen die Implosion ihres Finanzsystems in die Geschichte eingehen könnte. Und doch gab es zu der größten konzertierten Staatsintervention der Nachkriegsgeschichte keine Alternative.

Es mangelt an Vertrauen

Der Geldkreislauf unter Banken - der unabdinglich ist für das Funktionieren ihrer Geschäfte aber auch für die Versorgung der gesamten Wirtschaft mit Krediten - dieser Kreislauf ist zum Stillstand gekommen. Von Tag zu Tag wächst deshalb die Angst, dass die Wirtschaft in eine schwere Rezession fällt; wie ein Organismus, der nicht mehr mit Sauerstoff versorgt wird und dessen Organe deshalb nach und nach ausfallen. Das Finanzsystem droht an seiner eigenen Komplexität zu ersticken, weil es ihm an der wichtigsten Zutat für funktionierende Märkte mangelt: Vertrauen.

Diese Gefahr haben die Regierungschefs jetzt erkannt. Ging es noch vor einer Woche darum, vor der Börseneröffnung am Montag die Immobilienbank Hypo Real Estate zu retten, lief an diesem Wochenende ein Ultimatum für das Finanzsystem der westlichen Welt. So wie ein Notarzt den OP nicht unverrichteter Dinge verlassen kann, ohne das Leben des Patienten zu gefährden, konnten die G7-Minister Washington nicht den Rücken kehren ohne einen Plan für die Rettung des Finanzsystems.

Finanzminister und Notenbanker haben die richtige Diagnose gestellt. Die Banken brauchen eine kurzfristige und eine langfristige Therapie. Zunächst müssen sie mit Kapital und Liquidität stabilisiert werden. Wenn der Markt beides nicht zur Verfügung stellt, muss der Staat es tun. Dabei geht es nicht darum, weitere Banken zu verstaatlichen. Vielmehr agieren die Regierungen wie Staatsfonds, die sich mit einer Minderheit an Firmen beteiligen. Wichtiger als das Kapital selbst ist das Signal an Investoren und Banken, dass sie wieder untereinander Geschäfte machen können, ohne den Verlust ihres Geldes befürchten zu müssen.

Schlagen die Medikamente an, sollte der zweite Teil der Therapie einsetzen, Banken untereinander wieder Vertrauen fassen und den Rückzug des Staates ermöglichen. Doch der geplante Eingriff der Staaten birgt zwei Risiken. Erstens müssen die Banken in allen Ländern mit den gleichen Instrumenten und in ähnlichem Umfang gestützt werden. Sonst besteht die Gefahr, dass jene Kreditinstitute noch mehr unter Druck geraten, deren Regierungen weniger stützen können oder wollen.

Der Organismus geriete noch stärker aus dem Gleichgewicht. Das Beispiel Island aber zeigt, dass nicht alle Staaten die Mittel haben, ihre Banken so umfassend zu stützen wie es etwa die Bundesregierung vorhat. Deshalb ist es so wichtig, dass die Eingriffe koordiniert erfolgen.

Dienstleister statt Spekulanten

Die zweite Gefahr ist, dass das Vertrauen trotz der staatlichen Eingriffe nicht zurückkehrt. Das Vertrauen ging verloren, weil Banken und Investoren plötzlich klar wurde, dass sie keine Ahnung haben, welche Verluste und Risiken in anderen Banken schlummern. Die jetzt geplanten Eingriffe, etwa eine Lockerung der Bilanzierungsregeln, könnten diese Risiken aber erst recht verschleiern. Und warum sollten die Marktteilnehmern dem Staat vertrauen, dass er die Medikation richtig dosiert? Gerade die Deutschen haben die Erfahrung gemacht, dass der Staat bei den Landesbanken und bei der IKB kein kluger (Mit-)Eigentümer war.

Deshalb ist es unerlässlich, dass die Banken selbst die richtigen Konsequenzen aus der Krise ziehen; dass sie Risiken transparenter machen und reduzieren; dass sie sich wieder als Dienstleister ihrer Kunden und nicht als Spekulanten verstehen; dass sie die Bonus-Exzesse beenden und ihre Produkte vereinfachen. Die Banken selbst müssen Vertrauen wieder herstellen, die Politik kann ihnen nur Zeit kaufen.

Ausgerechnet die Banken, die zu den heißesten Verfechtern freier Märkte gehörten, haben missachtet, dass Transparenz unentbehrlich ist, damit Märkte funktionieren. Die Erfahrung lehrt aber, dass Unternehmen wie Banken Marktregeln bewusst außer Kraft setzen, wenn sie so ihren Gewinn steigern können - sei es, indem sie Kartelle bilden oder eben die Risiken von Finanzprodukten verschleiern. Deshalb ist es so wichtig, dass die G7 in Washington beschlossen haben, der Finanzwelt Regeln aufzuerlegen, wie sie jeder funktionierende Markt braucht.

Die Staaten haben erkannt, dass es fatal war, der rasanten Globalisierung der Finanzmärkte keine internationale Ordnung entgegen zu setzen. Für den Handel mit Gütern hat die Welt im Rahmen der WTO zumindest versucht, gemeinsame Regeln zu schaffen, wenn diese Ordnung auch Schwächen hat.

Ausgerechnet für die Finanzströme, die sich ungleich schneller und noch dazu unsichtbar um die Welt bewegen, galt bis zuletzt: Je freier und unregulierter der Markt, desto besser. Der Plan von Washington beendet diese Doktrin. Künftig will die Staatengemeinschaft gemeinsam einen Ordnungsrahmen für Banken und Börsen bauen. Es bleibt zu hoffen, dass der Grundstein für eine Weltfinanzordnung nicht unter den Trümmern dieser Krise begraben wird.

© sueddeutsche.de/ssc
Zur SZ-Startseite