bedeckt München 22°
vgwortpixel

Tierischer Einsatz:Spürnase auf Schimmeljagd

Ausbildung von Rettungshunden, 2007

Hunde haben im Vergleich zum Menschen eine millionenfach bessere Riechleistung.

(Foto: Robert Haas)

Speziell ausgebildete Hunde werden in Wohnungen auf Sporensuche geschickt. Die Vierbeiner entdecken, was von Menschen nicht zu sehen ist, denn der Befall verbirgt sich oft hinter Tapeten oder unter dem Estrich.

Java wedelt mit dem Schwanz wild hin und her. Der schwarze Zwergpudel fühlt sich sichtlich wohl dabei, alle Ecken und Kanten in der Drei-Zimmer-Wohnung von Alicja Bozanic in Hannover zu erschnuppern. Er geht eifrig von Raum zu Raum und schaut dabei immer wieder mal zu seinem Frauchen. Undine Schellong lobt Java, verteilt Leckerlis und gibt Anweisungen: "Geh da mal rein", sagt sie und weist dem drei Jahre alten Hund mit dem Finger die Richtung. Sie setzt Java in die leere Badewanne, damit Java auch dort an der Wand schnuppern kann. Manchmal zeigt der Hund mit der Vorderpfote auf eine Stelle an der Wand, und Schellong macht sich Notizen.

Die beiden sind ein eingespieltes Team. "Schimmelpilz-Spür-Hund Team Java. Dem versteckten Schimmelpilz-Sporen-Befall auf der Spur" - so steht es auf der Visitenkarte von Schellong. Sie ist eine von sechs Spürhundführern in Deutschland mit einem vom Bundesverband Schimmelpilzsanierung erfolgreich geprüften Spürhund. Bei der Ausbildung ihres Hundes hat Schellong gelernt, seine Signale zu deuten - springt er zum Beispiel bei der Wohnungsbegehung hoch, ist das ein Hinweis, dass der Geruch zur Decke hin zunimmt.

"Schimmelbefall ist zu 80 Prozent unsichtbar, er kann sich hinter Tapeten oder unter dem Estrich des Fußbodens verstecken. Mit Messgeräten kann man die mikrobielle Belastung in einem Raum feststellen, aber man weiß dadurch noch nicht, wo der Schimmelpilz sitzt. Man kann auch Materialproben nehmen, die dann im Labor analysiert werden. Auf das Ergebnis muss man aber warten. Java riecht in die Tiefe und zeigt sofort den genauen Standort an", zählt Schellong die Vorteile ihres Verfahrens auf. Rund 90 Minuten dauert der Einsatz bei Frau Bozanic. Schellong rechnet nach der Größe ab - für eine 75 Quadratmeter große Wohnung werden 150 Euro fällig. Bevor der Hund in die Wohnung darf, hat sich Schellong alles in Ruhe angeschaut, mit der Mieterin über die Schimmelprobleme gesprochen, Möbel von den Wänden abgerückt, Adapter zur Sicherheit in die Steckdosen gesteckt, alles beseitigt, was den Hund ablenken könnte und Schimmelproben in der Wohnung versteckt. "Um Java zu testen und damit er ein Erfolgserlebnis hat. Für ihn ist das Ganze ein Spiel", erklärt sie.

Nach der Wohnungsbegehung fertigt Schellong ein Protokoll an. Im Schlafzimmer hat Java an der Heizung und Steckdose gescharrt - das passt zum sichtbaren Schimmel an der Außenwand. In der Küche hat der Hund an der Terrassentür angezeigt. Im Bad gab es mal einen Wasserschaden, der vom Vermieter saniert wurde - eine Überprüfung des jetzigen Zustandes ist nicht möglich, da die Badewanne Java den Weg versperrt. Der Rat: Im Schlafzimmer mit einem Messgerät die Feuchtigkeit kontrollieren, mit dem Vermieter reden und einen Sachverständigen hinzuziehen.

In Schweden und England werden Hunde schon seit Jahrzehnten eingesetzt

Laut Bundesverband Schimmelpilzsanierung können prinzipiell alle Hunderassen, auch Mischlinge, wegen ihrer im Vergleich zum Menschen millionenfach besseren Riechleistung zum Spürhund ausgebildet werden. Dabei merke sich der Hund bestimmte Geruchsbilder und erschnuppere aus einer Mischung von Gerüchen die verschiedensten Schimmelpilze. In Schweden und England seien Schimmelpilzspürhunde im Gegensatz zu Deutschland schon seit Jahrzehnten im Einsatz.

Das Umweltbundesamt hat im März einen Entwurf für einen neuen Schimmelleitfaden vorgelegt, in dem die Erkenntnisse der vergangenen zehn Jahre berücksichtigt sind. Darin werden Schimmelspürhunde als eine Methode genannt, verdeckten Schimmelbefall zu lokalisieren, da sie in der Lage seien, "mikrobiell verursachte flüchtige organische Verbindungen bereits in geringen Konzentrationen zu riechen". Dabei betont das Amt die Bedeutung von Zertifikaten, damit der Kunde die Qualität von Hund und Hundeführer beurteilen könne. Java ist vom Bundesverband Schimmelpilzsanierung bis Juli 2017 als Schimmelspürhund zertifiziert worden, danach muss er erneut eine Prüfung ablegen - nicht zuletzt, weil sich der Geruchssinn mit dem Alter abschwächt.

Das Umweltbundesamt nennt auch die Grenzen beim Einsatz von Schimmelspürhunden. Dazu gehört, dass der vom Hund markierte Standort nicht unbedingt der Befallsort sein müsse, da durch Luftströmungen Schimmelgerüche an einer anderen Stelle auftreten könnten. Die Autoren des Schimmelleitfadens betonen: "Eine Entscheidung für eine Sanierung der betroffenen Innenräume darf alleine aus der Markierung des Schimmelspürhundes nicht abgeleitet werden, sondern es müssen weitere Untersuchungen durchgeführt werden, wie Öffnen der vermuteten Befallsflächen an einzelnen Stellen und mikrobiologische Untersuchungen."

Schellong formuliert das so: "Hat der Hund keinen versteckten Schimmelpilzbefall erschnüffelt, können Sie diesem Istzustand vertrauen. Die gute Bausubstanz des Objektes wird somit bestätigt." Und fügt hinzu: "Hausverkäufer, Makler und Immobilienbesitzer haben oft kein Interesse an einer Begehung mit einem Schimmelspürhund. Der könnte ihnen ja das Geschäft verderben."

© SZ vom 22.04.2016
Zur SZ-Startseite