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Technik:Vorgebaut

Die Vonovia ist Deutschlands größter Vermieter. In Bochum hat das Unternehmen in nur drei Monaten ein neues Mietshaus in Modulbauweise errichtet.

(Foto: Simon Bierwald/vonovia)

Häuser aus zusammengesetzten Modulen sind günstig und schnell errichtet. Doch Experten streiten darüber, was die moderne Technik wirklich bringt

Von Oliver Herwig

Baumängel waren 1972 nur das kleinste Problem, als die Siedlung Pruitt-Igoe in St. Louis mit ihren etwa 2800 Sozialwohnungen abgerissen wurde. Die Bilder der gesprengten Wohnsilos gingen um die Welt. Sie zeigten, wie lieblose Planung, Kommerz und viel zu große Dichte die Ideale der Moderne - Licht und Luft für alle - in ihr Gegenteil verkehrt hatten. Bürgermeister Joseph M. Darst verband das mit einem dramatischen Appell: "Wir müssen das Herz unserer Städte öffnen, säubern und neu bauen." Nun ist die Bundesrepublik Deutschland von 2017 nicht das Amerika der Siebzigerjahre, und doch geht es wieder um das alte Problem: Wie lässt sich mit vertretbarem Aufwand eine große Zahl von Menschen mit Wohnungen versorgen? Bereits vor einem Jahr forderte Bundesbauministerin Barbara Hendricks "bezahlbaren Wohnraum für alle" und sprach von mindestens 350 000 neuen Wohnungen pro Jahr, "um den sozialen Zusammenhalt nicht zu gefährden". Wohnungspolitik ist plötzlich auch eine Frage der Bautechnik. Stein auf Stein lässt sich in Großstädten womöglich kaum mehr ausreichend Wachstum schaffen, auch nicht durch reine Nachverdichtung und Luxus-Dachausbauten.

Bauunternehmer klagen, dass bezahlbarer Wohnraum kaum mehr erstellt werden könne durch ständig steigende Standards. Was also tun? Vonovia, mit circa 400 000 Einheiten Deutschlands größter Wohnungskonzern, hat in Bochum-Hofstede ein Wohnhaus mit 14 Wohnungen in gerade mal drei Monaten errichtet. Modular. Das heißt, dass in ein Rohbauskelett aus Stahlbeton ganze Wohneinheiten per Kran gehoben werden. Angeblich liegt allein die Zeitersparnis bei circa 40 Prozent, die Kosten pro Quadratmeter betragen lediglich circa 1800 Euro. Allein in diesem Jahr sind weitere 1000 derartige Wohneinheiten angekündigt. Das ist eine Kampfansage an das traditionelle Bauen mit Maurerkelle und Lot.

Immobilienwirtschaft und Bauunternehmen denken um. Statt Kosten weiter nur durch preiswerte Arbeiter aus Osteuropa zu drücken, reaktivieren sie Konzepte, bei denen Bauteile und ganze Wohneinheiten in der Fabrik vorgefertigt werden und an Ort und Stelle wie Legosteine eines riesigen Baukastens zusammengesetzt werden. Das klingt nach Industrie und einer zweiten Chance für den Systembau, mit dem bereits in den 1920er-Jahren versucht wurde, die "Fertigungsmethoden des Automobilbaus auf das Bauwesen" zu übertragen, wie Florian Musso erklärt. Der Professor für Baukonstruktion und Baustoffkunde an der TU München hat ein ganzes Buch dazu geschrieben - "Vom Systembau zum Bauen mit System". Seine Bilanz klingt nicht besonders optimistisch: "In der Anwendung hat sich der Systembau nicht als wirtschaftlicher erwiesen als konventionelle Bauverfahren."

Das größte Problem sind nicht die hohen Baukosten, sondern die Grundstückspreise

Es seien einfach zu viele Nullserien entstanden, die nur bei einem einzigen Projekt zum Tragen kamen. "Das war kein sinnvolles Vorgehen, da der Architekt im Entwurf seine Leistung sah, nicht unbedingt in der Anwendung." Was also sagt das über die heutige Lage aus? Musso bleibt auch hier skeptisch. Der Hauptteil der Kosten liege gar nicht im Bau, sondern im knappen Grund. Preiswertes Bauen sei daher in Ballungsräumen wie München oder Düsseldorf nur sehr schwer erreichbar, auch nicht mit modularen Systemen und hoher Vorfertigung. "Wenn Sie wirklich preiswert bauen wollen, müssen Sie in Gegenden wie Oberfranken gehen. Dort könnte die Baukostenersparnis durch serielle Fertigung eine Rolle für den Gesamtpreis spielen." Überhaupt, wendet Musso ein, seien Module womöglich eine viel zu große Einheit. Lieber lenkt er den Blick auf bestehende Fertigungssysteme der Industrie. "Man arbeitet mit Serienprofilen und Trockenbauwänden. Das ist kein modulares System, aber eine Herstellungsart, deren Qualität man einschätzen kann." Mussos Fazit: "Das Komplettvorfertigen und auf dem Bau nur noch Zusammenstellen ist zu rigide. Wir sollten stattdessen versuchen, mit bereits existierenden Mitteln individuelle Lösungen zusammenstellen."

Wie viel Dampf im Kessel in diesem Milliardenmarkt ist, zeigt Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft GdW. Dieser forderte beim Kongress "Kostenbewusst Planen und Bauen - Wohnungsbau voranbringen" eindringlich: "Wir müssen beim Wohnungsbau aufs Gaspedal treten." Dazu zählten "Konzepte der Standardisierung beim Wohnungsbau". Wohnungen in serieller Bauweise zu errichten, böte "angesichts des steigenden Nachfragedrucks nach bezahlbarem Wohnraum eine Reihe von Vorteilen".

Die wohl größte Herausforderung liegt nicht auf der technischen Seite. Noch immer hat der Systembau mit einem schlechten Leumund zu kämpfen. Es geht um Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Inzwischen wollen moderne Bausysteme die Fehler der Vergangenheit vermeiden. Sie versprechen Individualität in der Serie und höchste Qualität zu geringen Kosten. Die Herausforderung umreißt Reiner Nagel, Vorstand der Bundesstiftung Baukultur: "Wir brauchen nicht gestaltlose Masse, sondern bezahlbare Klasse." Wie aber lässt sich diese Quadratur des Kreises verwirklichen? Und wie vermeidet man neue "Arbeiterschließfächer", wie einst die Plattenbauten in der DDR genannt wurden?

Werner Sobek steht seit Jahren für Hightech im Bauen. Der Leiter des Instituts für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren lässt den Fertighausbau der ersten Generation weit hinter sich. Es gehe nicht mehr um das "Gleiche-Teile-Prinzip, das gleiche Erscheinungsbilder zur Folge hat, sondern um das Gleiche-Verbindung-Prinzip". Das heißt, Bauteile müssten "nicht in ihrer Geometrie identisch sein, sondern in der Art, wie man sie miteinander verbindet". Völlige Flexibilität also. Sein Versprechen: "Modulare Vorfertigung mit industriellen Qualitätsstandards ermöglicht hochwertige, atemberaubend schöne Gebäude zu äußerst attraktiven Preisen." Ist modulares Bauen die Rettung vor der Wohnungsnot? "Ja", sagt Sobek: "Wir sehen hier definitiv eine wichtige Perspektive - nur mit modularem Bauen kann in kurzer Zeit zu vertretbaren Preisen Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten geschaffen werden." Wie das aussehen kann, zeigt Sobeks Aktivhaus - ebenso reduziert wie nachhaltig angelegt: "Schließlich ist die Rezyklierbarkeit unserer Gebäude mindestens genauso wichtig wie deren Energieverbrauch."

Wer also auf Kosten und Qualitäten alleine abzielt, greift womöglich zu kurz. Die wahre Herausforderung des modularen Bauens steckt nicht in hochpreisigen Ballungsräumen wie München oder Düsseldorf, da dort die Grundstückspreise den Löwenanteil der Kosten ausmachen, sondern in der Welt dort draußen. "Das modulare Bauen ist nicht nur eine Lösung für Europa", ist Tobias Engelmeier, Geschäftsführer der TFE Consulting GmbH, überzeugt. Der Experte prognostiziert: "Mit seiner Geschwindigkeit und Kostenstruktur ist es gerade in den Weltregionen eine hochattraktive Lösung, in denen es in den nächsten Dekaden Hunderte Millionen neuer Stadtbewohner geben wird: zum Beispiel in Indien, China oder Nigeria."

© SZ vom 17.02.2017
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