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SZ-Serie: Reden wir über Geld:"Querdenker werden ausgebremst"

Der Berater Winfried Neun erklärt, warum Konzerne Veränderungen scheuen und die Deutschen sich zu sehr vor der Krise fürchten.

Markus Zydra

Winfried Neun, 46, hilft seit über 15 Jahren Firmen bei Veränderungsprozessen. Der Geschäftsführer der KOM Managementberatung in Allensbach hat Betriebswirtschaft und Psychologie studiert.

Winfried Neun: Hilft Firmen, sich zu verändern

(Foto: Foto: oH)

SZ: Herr Neun, reden wir über Geld. Die meisten Experten erwarten für 2009 eine schlimme Rezession. Der Pessimismus kam über Nacht. Wie stark ist er für den Einbruch der Wirtschaft verantwortlich?

Winfried Neun: Vielleicht 30 Prozent der Rezession sind unausweichlich, der Rest ist hausgemacht. Wenn der Arzt dem Patienten dauernd sagt, er sei todkrank - obwohl es noch nicht diagnostiziert ist -, dann fühlt man sich durch die ständige Wiederholung krank, und auch der Mutigste wird vorsichtig.

SZ: Woher kommt der Pessimismus?

Neun: Die Finanzwirtschaft hat versagt, weil sie das Positive nicht verkauft. Der Staat hat doch Bankengarantien gegeben. Die Institute hätten dann einen Rundbrief an Firmenkunden schicken müssen, in dem steht, dass sie die Unternehmen nun erst recht stützen.

SZ: Feigheit bei den Großen?

Neun: Wir haben in der breiten Gesellschaft ein Selbstbewusstsein, das sich in der Politik und den Großkonzernen nicht widerspiegelt. Jede Krise ist eine Chance, um sich im Konkurrenzkampf neu durchzusetzen. Die heutige Lage ist sehr gut, wenn man keine Angst hat.

SZ: Die Autobauer jammern trotzdem.

Neun: Stimmt, doch im Energie- und Medizinsektor, ja selbst in der Bauindustrie gibt es mittelständische Unternehmen, die gut dastehen. Das Hauptproblem liegt in der Versorgung mit Geld. Die Banken sind rigoros und verlangen von Mittelständlern Absicherungen, für die man früher das Vierfache an Kredit bekommen hätte. Die Banken bremsen uns aus. Das ist fast sträflich.

SZ: Der deutsche Mittelstand ist stärker als viele Großkonzerne?

Neun: Ja, weil diese Betriebe flexibler sind. Doch zu sagen haben sie nichts. Bei der Kanzlerin sitzen doch wieder die gleichen Leute am Tisch, von denen die Probleme erzeugt wurden. So bewahren sie ihr eigenes System des Gigantismus.

SZ: Haben wir die Grenzen des Wachstums erreicht?

Neun: Beim Thema Wachstum haben wir viel zu lange ausschließlich geographisch gedacht. Jeder ist nach China gegangen, um dort dasselbe herzustellen, was man vorher in Deutschland produziert hat. Nun merken viele, dass es in China ganz andere Probleme gibt. Wir müssen künftig in den Geschäftsmodellen wachsen - und nicht räumlich.

SZ: Haben Sie ein Beispiel?

Neun: Ich kenne einen Hydraulikhersteller, der bis vor drei Jahren noch ausschließlich die Automobilindustrie beliefert hat. Statt blind allen anderen nach China zu folgen, hat der Konzernchef überlegt, wie er sich von der Automobilindustrie unabhängiger macht. Jetzt beliefert er die Medizintechnikbranche. Mit seiner Hydraulik werden Krankenhausbetten hoch- und runtergefahren.

SZ: Weniger Wachstum bedeutet weniger Arbeitsplätze.

Neun: Nicht unbedingt, Evonik und Daimler entwickeln nun eine Batterie für den Elektromotor der Zukunft. Das schafft neue Arbeitsplätze, obwohl rechnerisch kein Wachstum für die Wirtschaft entsteht - noch nicht. Langsames Wachstum ist sicherer für alle.

SZ: Müssen Konzerne immer maximalen Gewinn einfahren?

Neun: Ein gutes Unternehmen strebt keine absolute Gewinnmaximierung an, sonst läuft man Gefahr, die Grenze zwischen Profitabilität und Machbarkeit zu überschreiten. Wer Leute rauswirft und den Maschinenpark nicht erneuert, um den Profit zu maximieren, verliert.

SZ: Börsennotierten Unternehmen wird Gier vorgeworfen, wie ist das bei inhabergeführten Konzernen?

Neun: In der Regel wird dort immer eine höhere Eigenkapital- und Investitionsquote das Ziel sein. Diese Eigentümer übernehmen langfristig Verantwortung und würden nie hohe Risiken eingehen, um kurzfristig den Gewinn zu steigern.

Auf der nächsten Seite: Warum Leute in den Karrierezentren ausgebremst werden

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