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SZ-Serie: Geld - Macht - Hass:Griechische Tragödie

Von einen Tag auf den anderen unendlich reich: Der Reeder Aristoteles Onassis frönte dem Luxus wie kaum ein anderer. Am Ende erbte seine Enkelin Milliarden.

Fabian Heckenberger

Es war ein handgeschriebenes Testament, das der Amtsrichter am Morgen des 29. Januar 2003 im schweizerischen Lussy-sur-Morges am Genfer See vollstreckte. Das Schriftstück machte aus einem Mädchen, das gerade seinen 18. Geburtstag feierte, eine der reichsten Frauen der Welt. Mindestens 800 Millionen Dollar erbte Athina Onassis an diesem Tag, besagen defensive Schätzungen. Weniger zurückhaltende Beobachter gehen von drei Milliarden Dollar aus. Kurz zuvor soll Athina gesagt haben, sie würde all diese Scheine am liebsten verbrennen. Das verdammte Geld sei schuld am Leid ihrer Familie.

Aristotle Onassis

Aristoteles Onassis - im Oktober 1968. Seinerzeit bereitete er seine Hochzeit mit Jacqueline Kennedy vor.

(Foto: Getty Images)

So oder so ähnlich stand der Satz in den Zeitungen. Ob die Enkelin des berühmten Reeders Aristoteles Onassis ihn wirklich ausgesprochen hat, ist nicht nachzuvollziehen. Sie scheut die Öffentlichkeit. Die Banknoten, das darf man annehmen, hat sie dann wohl doch nicht angezündet. Viel mehr weiß man nicht über das Vermögen der Frau, die den Namen der griechischen Stadtgöttin trägt.

Athene, die Göttin, soll den Kriegern im Kampf die richtige Strategie weisen. Athina, Griechenlands goldene Erbin, hat ihre Taktik gefunden: Sie versucht, durch Zurückhaltung und Schweigen die Ränkespiele und Streitigkeiten in ihrer Dynastie zu beenden. Das ist nicht leicht bei einer Familiengeschichte, deren einzelne Kapitel Überschriften tragen wie: der Tankerkönig, die Operndiva, die Witwe Kennedy, die legendäre Yacht, der tote Sohn, die sagenumwobene Insel.

Tödliche Tragik

Understatement ist eigentlich kein Zustand für jemanden, der Onassis heißt, der diesen Namen trägt, der so eng verknüpft ist mit schillerndem Glanz, aber auch mit tödlicher Tragik. Diesem Namen, der über die Grenzen von Griechenland hinweg zum Mythos geworden ist.

Als 16-Jähriger war Aristoteles Onassis während des griechisch-türkischen Krieges (1919 bis 1923) aus dem anatolischen Smyrna nach Argentinien geflüchtet. Er verdiente sein Geld mit der Einfuhr türkischen Tabaks. Während der Weltwirtschaftskrise kaufte er zu Spottpreisen die ersten Transportschiffe und schickte sie trotz Bedenken an ihrer Seetauglichkeit von Hafen zu Hafen. Er stieg ins Ölgeschäft ein, kaufte noch mehr Tanker und schloss ein lukratives Abkommen mit Saudi-Arabiens Herrscherfamilie. Ihm gehörte der damals größte Tanker der Welt - die Tina Onassis, benannt nach Christina, der Tochter aus seiner ersten Ehe mit Athina Livano, die ebenfalls aus einer griechischen Reeder-Dynastie stammt.

Christina, so hieß auch die legendäre Yacht, auf der Onassis seine Partys veranstaltete. Der frühere Kapitän Sven Thienemann beschrieb das Boot mal als "das größte anzunehmende Ausmaß an Luxus". Im Salon der Yacht soll Onassis von seiner Ehefrau in flagranti mit der Operndiva Maria Callas erwischt worden sein. Der genaue Ort ist umstritten, die Affäre mit der Sängerin nicht. Athina Livano ließ sich scheiden.

Neben der Luxusjacht etablierte Aristoteles Onassis im Kreis der Superreichen die eigene Insel als Statussymbol. Im Jahr 1962 erstand er Skorpios, ein 0,8 Quadratkilometer großes Stück Land im Ionischen Meer, das zum Feriendomizil der Familie wurde. Hier heiratete der Reederkönig Jackie Kennedy, die 23 Jahre jüngere Witwe des ermordeten US-Präsidenten. Auf Skorpios liegt Aristoteles Onassis heute begraben, neben Tochter Christina und seinem Sohn Alexander, der 1973 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

Athina Onassis hat Skorpios im vergangenen Herbst verkauft, an den Modedesigner Giorgio Armani. Der Verkauf war ein weiteres Signal, wie ernst es der Enkelin des Reeders damit ist, einen Schlussstrich unter die Geschichte ihrer Familie zu ziehen. Unter all die Streitigkeiten um Geld und Geschäfte, die zum ersten Mal nach dem Tod ihres Großvaters im Jahr 1975 entflammten.

Aristoteles Onassis vermachte etwa gut die Hälfte seines Reichtums der Alexander-Onassis-Stiftung. Den Rest erbte seine Tochter Christina. Jackie Onassis, die ihre jährlichen Apanage von 250000 Dollar für zu gering hielt, wurde mit ungefähr 20 Millionen Dollar abgefunden worden.

Der große Streit begann, als Christina 1988 mit 37 Jahren unter mysteriösen Umständen verstarb. Offizielle Todesursache: ein Lungenödem. Geraunt wurden die Worte: Drogen und Medikamente. Auf die Bühne trat Christinas vierter Ehemann, der Vater von Athina: Thierry Roussel, ein nach Fehlinvestitionen nicht mehr ganz so wohlhabender Pharma-Industrieller, erhielt jährlich 1,42 Millionen Dollar aus dem Onassis-Erbe. Die Hunderten Millionen Dollar aber, so hatte es Christina per Hand niedergeschrieben, sollte allein Athina erhalten. An ihrem 18. Geburtstag.

Roussel klagte auf das Verfügungsrecht über das Erbe seiner minderjährigen Tochter, warf den Vermögensverwaltern öffentlich Missmanagement vor, was ihm eine Haftstrafe wegen Verleumdung einbrachte. Daraufhin übernahm die Treuhandgesellschaft KPMG Fides die Verwaltung des Millionen-Erbes.

Roussel klagte auch gegen die Alexander-Onassis-Stiftung und versuchte, seiner Tochter einen Sitz im Stiftungsrat zu erstreiten, um Einfluss auf die Verteilung der Gelder nehmen zu können. Noch heute verfügt die Stiftung über zehn der größten Tanker der Welt, ist an diversen internationalen Unternehmen beteiligt. In Aristoteles Onassis' Testament ist der Wunsch vermerkt, dass ein Familienmitglied Teil des Rates ist. Allerdings steht in der Satzung der Stiftung, jedes Ratsmitglied müsse eine enge Bindung zu Griechenland haben.

Athina Onassis ist in der Schweiz aufgewachsen. Sie besucht ihr Heimatland nur selten. Schon als Kind lauerten ihr dort die Paparazzi auf. Geschichten von Dior-Kleidchen für Puppen und einem eine Million Dollar teuren Spielzeug-Ferrari kursierten im Boulevard. Sie spricht nur wenige Worte Griechisch. Der Stiftungsrat blieb hart. "Seit einigen Jahren gibt es keinen Kontakt mehr zu Athina Onassis oder ihrem Vater", sagt Ludwig Kaminski, Direktor des Hauptsitzes der Stiftung in Liechtenstein. "Es scheint so zu sein, dass Athina das Kapitel Erbstreit abgeschlossen hat."

Die heute 26-Jährige taucht manchmal noch in der Presse auf, sie tritt als Springreiterin bei kleinen internationalen Turnieren an und besitzt eine Pferdezucht im Wert von 40 Millionen Dollar. Über ihre Mutter und ihren Großvater schweigt Athina. Sie hat ihre eigene Familie gegründet. 2005 heiratete sie den brasilianischen Profireiter Álvaro de Miranda Neto. Jede Einladungskarte zur Hochzeit unterschrieb die Braut persönlich - mit Roussel, nicht mit Onassis.

© SZ vom 22.01.2011/hgn
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