SZ-Serie: Die großen Spekulanten (4) Der Milliardenzocker, dem der Kapitalismus zu kalt ist

Popper zu folgen, hieß für ihn, die Entwicklung offener, demokratischer Gesellschaften zu fördern, deren Fundamente der Rechtsstaat, die Marktwirtschaft, die Pressefreiheit, die Transparenz des Regierungshandelns und der Respekt vor den Menschenrechten sind.

Er begann damit, im Apartheidstaat Südafrika jungen Schwarzen Geld zum Studieren zu geben, und er wandte sich bald - schon lange vor der Wende von 1989 - den kommunistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas zu, deren Schicksal ihm aus naheliegenden Gründen besonders am Herzen lag. Man kann ihm nicht widersprechen, wenn er heute unverbrämt sagt: "Ich war aktiv an der Revolution beteiligt, die das Sowjetsystem hinwegfegte."

Vorbild Andrej Sacharow

Soros tat, was man mit Geld eben tun kann: Er half den tschechischen Dissidenten der oppositionellen "Charta 77", den polnischen Gewerkschaftern der "Solidarnosc" sowie dem russischen Wissenschaftler und Regimegegner Andrej Sacharow, der ihm wegen seiner Unbeugsamkeit und Wahrheitsliebe bis heute ein Vorbild ist.

Nach Ungarn schaffte er Fotokopierer, und anderswo unterstützte er mit Geld- und Sachspenden gezielt jene jungen Leute, die demokratische Bewegungen aufbauten, Demonstrationen organisierten und dann in Jugoslawien, der Ukraine oder Georgien den Sturz der autoritären Regime erreichten.

Heute findet man in fast allen Hauptstädten des einstigen kommunistischen Kosmos' ein schmuckes, mit bezahlten jungen Wissenschaftlern besetztes Büro des Open Society Institute, das hier die Korruption untersucht, dort Gesundheitsprogramme fördert und anderswo die Lage der Frauen zu verbessern sucht.

Russische Provinz-Universitäten erhielten 100 Millionen Dollar, um sich einen Internet-Anschluss zu verschaffen.

Dependancen in mehr als 60 Ländern

Das Netzwerk, das der politische Mäzen sich Jahr für Jahr etwa 450 Millionen Dollar kosten lässt, umfasst mittlerweile Dependancen in mehr als 60 Ländern, auch in Afrika, Asien und Lateinamerika. Es ist deshalb gar nicht so verkehrt, George Soros einen "Staatsmann ohne Staat" zu nennen, wie dies der mazedonische Präsident Branko Crvenkovski einmal getan hat.

Und als solcher wird er auch von vielen Regierungschefs und Ministern behandelt, die ihn gerne empfangen und mit ihm Programme für soziale Aktionen vereinbaren, beispielsweise zur Förderung der Roma in neun Ländern Mittel- und Südosteuropas.

In den USA, deren Staatsbürger er seit 1961 ist, kann ein solcher Mann natürlich schwerlich ein Freund von Präsident George W. Bush sein. Im Gegenteil betrachtet Soros die Vereinigten Staaten im heutigen Zustand als "das größte Hindernis für eine stabile und gerechte Weltordnung" und setzte bei der letzten Präsidentschaftswahl 2004 vergeblich Millionen ein, um eine Wiederwahl des Präsidenten zu verhindern.

Marktfundamentalismus als Denkfehler

George Bush zählt für Soros zu jenen Apologeten des "Markt-Fundamentalismus", die in der Tradition von Ronald Reagan und Margaret Thatcher glauben, man könne einen Staat wie ein Unternehmen führen. Für Soros beruht der Marktfundamentalismus aber auf einem Denkfehler, gerade so wie der Marxismus.

"Der Marxismus behauptet, Privatbesitz von Kapital sei ungerecht und dürfe nicht geduldet werden; der Marktfundamentalismus dagegen hält jegliche Art von staatlicher Intervention für nutzlos und schädlich", schreibt Soros in einem seiner mittlerweile neun Bücher, das den Titel "Die offene Gesellschaft" trägt. Für ihn sind nun einmal die freien Märkte nicht vollkommen und bedürfen deshalb sehr wohl der gelegentlichen Korrektur.

Natürlich hat es erkleckliches Aufsehen erregt, dass solche Kapitalismuskritik gerade von einem Mann kommt, der doch von den Mechanismen und Mängeln der Märkte in grandioser Weise profitiert hat. Widerspricht sich das nicht ein bisschen? George Soros lächelte, als wir ihn vor einiger Zeit bei einem Gespräch im Berliner Hotel Adlon danach fragten. "Im Gegenteil", sagte er dann, "das geht zusammen."

"Ich kenne die Fehler der Märkte"

."Er sprach jetzt sogar deutsch, die Sprache, die er als Kind gelernt, in jüngerer Zeit aber nur selten gebraucht hat. "Ich verstehe die Märkte besser", sagte er, "deswegen habe ich Geld verdient, und deswegen kenne ich die Fehler der Märkte."