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SZ-Serie: Die großen Spekulanten (4):Der Milliardenzocker, dem der Kapitalismus zu kalt ist

George Soros, bestverdienender Marktwirtschafts-Kritiker des Erdballs, pumpt viel Geld in die Demokratisierung der Welt.

Klaus Brill

Sie hängen an seinen Lippen, die jungen Männer im dunklen Anzug und die Frauen im Business-Kostüm, wenn er vor vollem Saal nach der Entwicklung der Finanzmärkte gefragt wird. Wie einen Magier betrachten sie ihn, man kann im Raume die Verehrung förmlich greifen, auch wenn der Mann auf der Bühne sich keine Prognosen entlocken lässt. George Soros - ein Mythos.

Wer würde nicht gerne wie er in einer Nacht eine Milliarde Dollar verdienen und dabei gegen alle Börsenregeln die Bank von England in die Knie zwingen? Wer würde nicht gerne über fünf oder mehr Milliarden verfügen, verdient allein durch genaue Beobachtung, durch kluge Analyse und mit einem Spaß am Risiko, der nicht von dieser Welt zu sein scheint?

"Es ist sicherer ist, etwas zu riskieren, als passiv zu sein"

Für seine Art von Wagemut hat George Soros eine ungewöhnliche Erklärung. Vom Vater habe er als Kind gelernt, "dass es sicherer ist, etwas zu riskieren, als passiv zu sein", sagt er. Es ist eine Lektion aus der Nazi-Zeit.

Die jüdische Familie Soros musste 1944 im besetzten Budapest unter falschem Namen der Verhaftung und Vernichtung entkommen, und Vater Tivadar Soros, ein Anwalt, Esperanto-Enthusiast und Kaffeehaus-Löwe, bewerkstelligte dies mit einem Charme und Schneid, der seinen halbwüchsigen Sohn auf ewig prägte.

Auch heute kommt dieser gerne im Gespräch auf den Alten zurück und empfiehlt dessen auch auf Deutsch erschienene "Memoiren eines Überlebenskünstlers".

Das Vorbild und der Erfolg des Vaters gegen alle Widrigkeiten waren für den Sohn "die Hauptmotivationen" in seinem Leben. Wobei er nachdrücklich betont, dass er die Risikobereitschaft stets mit großer Vorsicht gepaart habe.

Fundament für Reichtum 1968 gelegt

Das Fundament seines Reichtums legte der junge Ungar, der 1947 vor den Kommunisten nach London floh und 1956 nach New York weiterzog, 1968.

Damals machte er sich nach einer Börsianerausbildung mit seinem Kollegen Jim Rogers selbständig. Die beiden übernahmen einen Vermögensfonds im Steuersparer-Paradies Curacao, wo sie nicht der US-Börsenaufsicht unterlagen.

Später nannten sie den Fonds "Quantum Funds", und führten ihn mit Geschick und Glück zu märchenhaften Wertsteigerungen. Andere Hedgefonds kamen hinzu. Als "Short-Seller" verkaufte Soros zudem Aktien auf Termin und spekulierte auf die Kursentwicklung.

"Schwarzer Mittwoch"

Der Tag, an dem die Welt sich endgültig den Namen dieses kühnen Financiers merkte, war der 16. September 1992, später auch "Schwarzer Mittwoch" genannt. Damals setzte der Herr der Hedgefonds gegen das britische Pfund, das er für überbewertet hielt, trat eine Spekulationswelle los und schaffte es, die Bank von England zur Abwertung zu nötigen. Damit verdiente er Milliarden: Er hatte sich vorher Pfund geliehen und damit Dollar und D-Mark gekauft.

Nach der Abwertung der britischen Währung tauschte er seine nun wertvolleren Devisen wieder in Pfund um, zahlte das geborgte Geld zurück und strich den Gewinn ein. Großbritannien verließ wegen des Verfalls des Pfundkurses das Europäische Währungssystem und reformierte die Notenbank.

An jenem Mittwoch schwitzten die Börsianer in aller Welt. Soros seinerseits hatte sicher 1998 erhöhten Pulsschlag, als er durch den Verfall des russischen Rubels und ein Jahr später durch missglückte Spekulationen gegen den Euro und gegen verschiedene Internetfirmen Milliardensummen verlor.

Privatpolitiker seit 1979

Die Börse war mittlerweile nicht mehr sein einziges Betätigungsfeld. Schon 1979 begann der polyglotte Euro-Amerikaner und belesene Privatphilosoph, sich auch als Privatpolitiker zu betätigen. Er gründete seinen Open Society Fund, den er als Dachgesellschaft seiner philantropischen Aktivitäten neben seine Anlagegesellschaft Soros Fund Management LLC stellte.

Mit dem Geld, das er so üppig verdiente, wollte Soros Gutes tun, und zwar im Sinne des von ihm verehrten Philosophen Karl Popper und seiner Theorie der offenen Gesellschaft. "Viele Menschen träumen zwar davon, die Welt zu verbessern, aber ich bin in der glücklichen Lage, es zu tun", sagt er lächelnd, wenn man ihn nach seiner Motivation befragt.

Der Milliardenzocker, dem der Kapitalismus zu kalt ist

Popper zu folgen, hieß für ihn, die Entwicklung offener, demokratischer Gesellschaften zu fördern, deren Fundamente der Rechtsstaat, die Marktwirtschaft, die Pressefreiheit, die Transparenz des Regierungshandelns und der Respekt vor den Menschenrechten sind.

Er begann damit, im Apartheidstaat Südafrika jungen Schwarzen Geld zum Studieren zu geben, und er wandte sich bald - schon lange vor der Wende von 1989 - den kommunistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas zu, deren Schicksal ihm aus naheliegenden Gründen besonders am Herzen lag. Man kann ihm nicht widersprechen, wenn er heute unverbrämt sagt: "Ich war aktiv an der Revolution beteiligt, die das Sowjetsystem hinwegfegte."

Vorbild Andrej Sacharow

Soros tat, was man mit Geld eben tun kann: Er half den tschechischen Dissidenten der oppositionellen "Charta 77", den polnischen Gewerkschaftern der "Solidarnosc" sowie dem russischen Wissenschaftler und Regimegegner Andrej Sacharow, der ihm wegen seiner Unbeugsamkeit und Wahrheitsliebe bis heute ein Vorbild ist.

Nach Ungarn schaffte er Fotokopierer, und anderswo unterstützte er mit Geld- und Sachspenden gezielt jene jungen Leute, die demokratische Bewegungen aufbauten, Demonstrationen organisierten und dann in Jugoslawien, der Ukraine oder Georgien den Sturz der autoritären Regime erreichten.

Heute findet man in fast allen Hauptstädten des einstigen kommunistischen Kosmos' ein schmuckes, mit bezahlten jungen Wissenschaftlern besetztes Büro des Open Society Institute, das hier die Korruption untersucht, dort Gesundheitsprogramme fördert und anderswo die Lage der Frauen zu verbessern sucht.

Russische Provinz-Universitäten erhielten 100 Millionen Dollar, um sich einen Internet-Anschluss zu verschaffen.

Dependancen in mehr als 60 Ländern

Das Netzwerk, das der politische Mäzen sich Jahr für Jahr etwa 450 Millionen Dollar kosten lässt, umfasst mittlerweile Dependancen in mehr als 60 Ländern, auch in Afrika, Asien und Lateinamerika. Es ist deshalb gar nicht so verkehrt, George Soros einen "Staatsmann ohne Staat" zu nennen, wie dies der mazedonische Präsident Branko Crvenkovski einmal getan hat.

Und als solcher wird er auch von vielen Regierungschefs und Ministern behandelt, die ihn gerne empfangen und mit ihm Programme für soziale Aktionen vereinbaren, beispielsweise zur Förderung der Roma in neun Ländern Mittel- und Südosteuropas.

In den USA, deren Staatsbürger er seit 1961 ist, kann ein solcher Mann natürlich schwerlich ein Freund von Präsident George W. Bush sein. Im Gegenteil betrachtet Soros die Vereinigten Staaten im heutigen Zustand als "das größte Hindernis für eine stabile und gerechte Weltordnung" und setzte bei der letzten Präsidentschaftswahl 2004 vergeblich Millionen ein, um eine Wiederwahl des Präsidenten zu verhindern.

Marktfundamentalismus als Denkfehler

George Bush zählt für Soros zu jenen Apologeten des "Markt-Fundamentalismus", die in der Tradition von Ronald Reagan und Margaret Thatcher glauben, man könne einen Staat wie ein Unternehmen führen. Für Soros beruht der Marktfundamentalismus aber auf einem Denkfehler, gerade so wie der Marxismus.

"Der Marxismus behauptet, Privatbesitz von Kapital sei ungerecht und dürfe nicht geduldet werden; der Marktfundamentalismus dagegen hält jegliche Art von staatlicher Intervention für nutzlos und schädlich", schreibt Soros in einem seiner mittlerweile neun Bücher, das den Titel "Die offene Gesellschaft" trägt. Für ihn sind nun einmal die freien Märkte nicht vollkommen und bedürfen deshalb sehr wohl der gelegentlichen Korrektur.

Natürlich hat es erkleckliches Aufsehen erregt, dass solche Kapitalismuskritik gerade von einem Mann kommt, der doch von den Mechanismen und Mängeln der Märkte in grandioser Weise profitiert hat. Widerspricht sich das nicht ein bisschen? George Soros lächelte, als wir ihn vor einiger Zeit bei einem Gespräch im Berliner Hotel Adlon danach fragten. "Im Gegenteil", sagte er dann, "das geht zusammen."

"Ich kenne die Fehler der Märkte"

."Er sprach jetzt sogar deutsch, die Sprache, die er als Kind gelernt, in jüngerer Zeit aber nur selten gebraucht hat. "Ich verstehe die Märkte besser", sagte er, "deswegen habe ich Geld verdient, und deswegen kenne ich die Fehler der Märkte."

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Quelle:
SZ vom 12.02.2008/pak
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