SZ-Serie: Die großen Spekulanten (33):Der Turtle-Chef

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Die Turtles müssen einen Vertrag unterschreiben, der sie für die nächsten 20 Jahre zu strikter Geheimhaltung verpflichtet. Zwei Wochen lang werden sie vom "Prince of the Pit" persönlich unterrichtet. Danach drückt er jedem von ihnen 100.000 Dollar in die Hand und lässt sie handeln.

Aus 100.000 Dollar mach' 178.000

Faith macht in den ersten Wochen aus 100.000 Dollar sagenhafte 178.000. Die anderen Turtles verdienen etwas weniger, Verluste aber macht keiner von ihnen. So geht es weiter in den nächsten Jahren. Durchschnittlich kommen die Schildkröten auf eine Performance von 80 Prozent im Jahr. Sie erhalten eine Gewinnbeteiligung, die wiederum abhängig von ihrer Performance ist.

Bei Curtis Faith sind es am Ende 30 Prozent, die in seine eigene Tasche wandern. In den folgenden Jahren verdient er etwa 8,5 Millionen Dollar. 2007, als die Schweigepflicht endet, erscheint sein Buch "Die Strategien der Turtle Trader; Geheime Methoden, die gewöhnliche Menschen in legendäre Trader verwandeln." Es sieht aus, als habe Dennis den Stein der Weisen gefunden und ihn an einen auserwählten Kreis weitergegeben. 1988 endet das Programm. Noch heute werben Websites im Internet mit dem "Original Turtle-System". Nur, dass es immer noch funktioniert, glaubt heute kaum mehr einer.

Dennis Strategie Mitte der 80er ist überraschend simpel. Die Turtles sollen stets in Einklang des vorherrschenden Trends handeln, anstatt zu versuchen, Wendepunkte zu erwischen. "Wenn der Kurs an einem Tag steigt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er am nächsten Tag weiter steigt", sagt Dennis. "Wenn die Kurse eine Woche gestiegen sind, werden sie voraussichtlich eine weitere Woche steigen." Umgekehrt sollen die Turtles in einem Abwärtsmarkt auf weiter fallende Kurse zu setzen.

Was beinahe schon trivial klingt, hat es aber in sich: Hohe Kurse werden instinktiv als "zu hoch" empfunden. Die Masse glaubt nicht, dass sie noch weiter steigen werden. "Wenn die natürliche Reaktion ist, nicht zu kaufen, hielt Dennis genau das für einen Zeitpunkt, um zu kaufen", wird Turtle Curtis Faith später schreiben. Eine anderes Erfolgsrezept lautet: Verluste klein halten, Gewinne laufen lassen. Genau das entpuppt sich als psychologische Massenfalle. Instinktiv neigen Marktteilnehmer dazu, Gewinne zu früh zu realisieren. Ist eine Aktie einmal im Minus, beginnt das Hoffen, auf dass es schon wieder nach oben gehe. Anstatt einen kleinen Verlust zu realisieren, lässt man das Minus zum Totalverlust anwachsen.

Unter jeden Umständen an die Regeln halten

Nach Dennis Methode müssen die Turtles ihre Positionen mit einem kleinen Minus sofort verkaufen. So enden zwar nur relativ wenige Transaktionen in einem Gewinn; diese wenigen "Trades" aber reichen aus, um langfristig eine überdurchschnittliche Performance zu erzielen. Einen Strich durch die Rechnung mache höchstens die eigene Psyche. Deshalb müssen sich die Turtles unter jeden Umständen an diese Regeln halten - wie Odysseus bei den Sirenen, der sich selbst an den Mast binden ließ, müssen sie ihre eigenen Emotionen bezwingen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Rückzug und Comeback wechseln sich ab.

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