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SZ-Serie: Die großen Spekulanten (30):Ivan, der ziemlich Schreckliche

Jeder wusste, dass Boesky sein Geld nicht auf die lautere Weise verdiente, aber schließlich war es Geld und damit gut und nicht weiter ehrenrührig. Dass er den Großen - den Banken, den Aufpassern von der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, den Firmen, die er abzockte - eine lange Nase drehte, schadete seinem Image nicht. So einer hatte gefehlt, einer, der es allen zeigte, ein Einzelner, der schlauer und stärker war als die gesamte Wall Street.

Inszenierung an der Wall Street

Sie mochten ihn nicht, er war ein Zugezogener, der Sohn eines Barbesitzers aus Detroit, der, wie ein Insider später naserümpfend bemerkte, Jura an einer Universität studiert haben musste, "von der noch nie jemand etwas gehört hatte". Boesky scherte sich nicht um diesen Snobismus der Eingesessenen. Wie ein Guerillakämpfer nistete er sich im Herzen der Wall Street ein und begann sie mit ihren Mitteln zu bekriegen.

Als Parvenu fand er nichts dabei, sich entsprechend zu inszenieren: Er arbeitete wie die anderen auch seine zwölf, vierzehn Stunden, aber niemand war dabei sonnenbankgebräunter als Boesky, der grundsätzlich nur in der Stretchlimousine durch Manhattan fuhr, der enorme Summen für wohltätige Zwecke ausgab und - vorausgesetzt, es waren genug Kameras zur Stelle - mit dem Hubschrauber vor der Schule landete, die seine Tochter besuchte. Und warum auch nicht, "nur die Lumpe sind bescheiden", wie sich einst Johann Wolfgang von Goethe vernehmen ließ.

Geldverdienen als Dauer-Doping

In New York reicht das, um für kurze Zeit zum Volkshelden aufzusteigen. Dabei war Boesky alles andere als ein Robin Hood. Er nahm keineswegs den Reichen, um es den Armen zu geben, sondern behielt das Geld vernünftigerweise selbst. Seinen Spitznamen "Ivan der Schreckliche" führte er so stolz, als wäre es ein von Kaiser Barbarossa verliehener Adelstitel.

Seine Herrschaft erlebten die Zuschauer wie ein Dauer-Doping: Mit seiner rauschhaften Art, Geld, viel Geld, wahnsinnig viel Geld zu verdienen wurde Boesky zum Vorbild einer ganzen Generation von Anlageberatern, Finanzanalysten und Journalisten, die nicht nur begeistert über diesen Börsenhai schrieben, sondern sich gelegentlich selber einspannen ließen, um über ihre Artikel das Auf und Ab der Kurse gewinnbringend für Boesky zu steuern.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Boeskys Rat für Studenten.

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