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SZ-Serie: Die großen Spekulanten (25):"Er ist nicht Gott. Aber auf dem Weg dorthin"

LTCM arbeitet anfangs auch überaus erfolgreich. Das Wirtschaftsmagazin Forbes bezeichnet ihn deshalb als "Archimedes", Business Week tituliert ihn als "Super-Händler" und ein amerikanischer Investmentbanker sagt über ihn: "Er ist nicht Gott. Aber er ist auf dem Weg dorthin."Meriwether, ein gläubiger Katholik, der bereits nach Lourdes und Fatima gepilgert ist, gilt als überaus wagemutig. Bei der Investmentbank Salomon schafft er es mit seinen riskanten Geschäften fast bis an die Spitze. Doch 1991 fliegt ein Skandal in seiner Abteilung auf, ein Händler hat seine Geschäfte mit amerikanischen Staatsanleihen manipuliert. Er muss gehen - und Meriwether auch.

Ein Spitzenteam mit zwei Nobelpreisträgern

Als der Mann aus Greenwich ins Geschäft zurück kehrt, will er es allen zeigen. Meriwether gründet seine eigenen Hedgefonds, der kühner sein soll als alle anderen. Er schart die besten Investmentbanker um sich, die er finden kann, darunter zahlreiche Kollegen von Salomon. Er heuert die besten Professoren und Doktoren der Finanzwissenschaft an, darunter Myrton Scholes und Robert Merton. Die beiden haben in den 70er Jahren die Gleichung entwickelt, mit der Banken und Anleger seither den Preis von Optionen berechnen, und erhalten dafür 1997 den Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften.

Die Akademiker liefern die Computer-Formeln für ein scheinbar todsicheres Geschäft. Denn Meriwether wettet darauf, wie sich die Kurse von zwei Wertpapieren zueinander entwickeln. Entdecken die Computer, dass sich eine Staatsanleihe und eine Firmenanleihe, deren Kurse in der Vergangenheit immer einer bestimmten Abstand hatten, auseinander bewegen, schlägt LTCM zu. Der Fonds spekuliert darauf, dass der übliche Abstand sich wieder einstellen wird.

Die "Raketenwissenschaft" vom Reichwerden

Wenn man die richtigen Computerprogramme hat, lässt sich dieses Geschäft auf jede beliebige Anlageart übertragen: dänische oder russische Anleihen, Devisen- und Zins-Swaps, Hypotheken- oder Mittelstandskredite. Überall driften Papiere um ein paar Zehntel auseinander, überall lässt sich, wenn man dies entdeckt, Geld verdienen. "Raketenwissenschaft" nennen Hedgefonds diese Kunst, scheinbar ohne Risiko reich zu werden.

Vier Jahre lang geht das gewagte Spiel gut. Meriwether und seine Partner sitzen in Chinohosen und Polohemden im Büro, und zwischendurch fahren sie mit der Yacht zum Angeln auf den Long Island Sound hinaus. LTCM erwirtschaftet eine Rendite von 43 Prozent im Jahr 1995 und von 41 Prozent im Jahr darauf. Doch dann passiert im Sommer 1998 etwas, was die Finanzwissenschaftler in ihren Formeln nicht vorgesehen haben: Russland gerät in den Strudel der Asienkrise, die Regierung in Moskau kann ihre Schulden nicht mehr bedienen.

Fürchterliche Folgen

Rund um den Globus spielen daraufhin die Börsen verrückt. Alle Modelle, mit denen LTCM bis dahin kalkuliert hat, geraten durcheinander. Es ereignet sich an den Märkten genau das Gegenteil dessen, was die Computer in Greenwich errechnet haben. Die Folgen sind fürchterlich: Bis Mitte August verliert LTCM eine Milliarde Euro. Meriwether versucht, frisches Geld aufzutreiben. Doch als am 31. August die Börsen erneut abstürzen, zerschlägt sich diese Hoffnung. In den nächsten vier Wochen verliert LTCM weitere zwei Milliarden Dollar.

Auf der nächsten Seite: Auch die Deutsche Bank zahlte, um die Kernschmelze des Weltfinanzsystems abzuwenden

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