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SZ-Serie: Die großen Spekulanten (20):Des Kaisers Kriegskommissar

Samuel Oppenheimer rettete mit waghalsigen Geschäften Wien vor den Türken. Das Reich war so abhängig von ihm, dass es nach seinem Tod in die Krise stürzte.

Alexander Mühlauer

Am liebsten hätte er ihn vom Hof gejagt, diesen Oppenheimer. Erst drei Jahre war es her, da hatte Leopold I., Herrscher des Hauses Habsburg und deutscher Kaiser, alle Juden aus Wien vertrieben. Keinem einzigen hatte er seitdem den Aufenthalt in der stolzen Kaiserstadt erlaubt. Und jetzt wollte ausgerechnet Oppenheimer, dieser "Judt von Haydelberg", sein Kriegskommissar werden.

Türkischer Angriff auf Wien im Jahr 1683.

(Foto: Foto: Scherl)

Wären da nicht die Feldherren gewesen, die, verstreut über ganz Europa, darauf drängten, dass sich der Kaiser für Oppenheimer entscheiden sollte. Wären da nicht die Beamten der Hofkammer gewesen, die den Haushalt einfach nicht in den Griff bekamen. Wäre da nicht dieser taumelnde Vielvölkerstaat, sein Reich, gewesen, das sich von Tag zu Tag mehr aufzulösen drohte. Dann hätte Kaiser Leopold diesen Oppenheimer wohl nie als Kriegskommissar berufen.

Eine Aufgabe, mit der man sich nur unbeliebt machen konnte

So aber musste Leopold, misstrauisch und alles andere als begeistert, dem Heidelberger Samuel Oppenheimer die Versorgung seiner Armee anvertrauen. Aufgabe des Kriegskommissars war es, die Truppen mit Munition und Proviant zu versorgen. Ein Job, mit dem man sich nur unbeliebt machen konnte. Denn am Ende war der Kriegskommissar immer der Sündenbock. Wurde ein Feldherr in einer Schlacht besiegt, war gewohnheitsmäßig der Kriegskommissar schuld - er hatte nicht rechtzeitig für Nachschub an Munition und Proviant gesorgt.

Für diese undankbare Aufgabe war es leichter, jüdische Unternehmer zu gewinnen. Sie konnten mit Titeln und Privilegien an die Höfe der Absolutisten gelockt werden, weil sie keine Rechte hatten. Im Dreißigjährigen Krieg machten sich jüdische Kommissare unersetzlich. Ein schwedischer Diplomat sagte: "Alle Juden sind Kommissarii, und alle Kommissarii sind Juden." So war ein Netzwerk unter jüdischen Kaufleuten entstanden, das sich über ganz Europa spannte. Und am Wiener Hof saß eben Samuel Oppenheimer.

Die Türken vor Wien

Ein Jahr saß er dort als Kriegskommissar, als er dem Kaiser vorschlug, das gesamte Proviantwesen im Reich zu leiten - und zwar auf eigene Rechnung. Er könne, so Oppenheimer, hunderttausend Zentner Mehl und jedes erforderliche Quantum Hafer an jeden beliebigen Platz schaffen. Kein anderer Lieferant sei befähigt, dies zu leisten. Er wolle persönlich an Ort und Stelle sein Werk überwachen, und nicht wie bisher einem Gesandten die Vollmacht überlassen. Kaiser Leopold war geschockt. Der Herrscher wollte auf keinen Fall, dass die Hoheit über die Finanzen seines Reiches in den Händen eines Juden lag. Aber er konnte nicht anders, als Oppenheimer sein Okay zu geben.

Denn Leopold stand nicht nur innenpolitisch unter großem Druck. Der Türke Kara Mustapha und seine Truppen waren gerade ins österreichische Staatsgebiet eingefallen, und es war nur noch eine Frage von Tagen, bis sie vor Wien stehen würden. Allein Oppenheimer war in der Lage, die Versorgung der Armee zu sichern. Als 1683 die Türken vor den Toren der Stadt erschienen, beugte sich Leopold den Forderungen Oppenheimers. Der Jude aus Heidelberg war nicht nur am billigsten im Vergleich zu anderen Lieferanten, er war auch am demütigsten gegenüber dem Kaiser.

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