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SZ-Serie: Die großen Spekulanten (10):Gescheitert am Geld und an den Frauen

Jesse Livermore gewann und verlor an der Wall Street mehrmals ein Vermögen - am Ende beging er Selbstmord.

Philipp Mattheis

An einem Nachmittag des Jahres 1940 bittet ein Society-Reporter den blassen, älteren Herrn im New Yorker Stork Club um ein Foto. "Machen Sie Ihr Foto. Aber es wird das letzte sein. Morgen werde ich für eine lange Zeit verschwinden", soll er gesagt haben. Einen Tag später ist der Mann tot. Jesse Livermore besitzt zu dem Zeitpunkt noch immer fünf Millionen Dollar. Zehn Jahre zuvor waren es weit mehr als 100 Millionen gewesen.

Jesse Livermore 1936 mit seiner Ehefrau, der früheren Mrs. Warren Nobel.

(Foto: Foto: afp)

Wie kein anderer Spekulant steht er für den amerikanischen Traum: "The Boy Wonder" oder "The Great Bear" nennt man ihn. In seiner 40-jährigen Börsenkarriere erlangt er mehrmals ein Multi-Millionenvermögen und verliert es wieder. Livermores Ruf ist bereits zu Lebzeiten so legendär, dass der Journalist Edwin Lefèvre 1923 die Biografie "Reminiscences of a Stock Operator" schreibt.

Die erste Ehefrau will ihren Schmuck nicht verkaufen

Jesse Livermore wird am 26. Juli 1877 in Massachusetts als Sohn eines Farmers geboren. Im Alter von 14 Jahren reißt er von daheim aus, um nicht, wie sein Vater es wünscht, Bauer werden zu müssen. Livermore geht nach Boston. Er hat fünf Dollar in der Tasche. Sein erstes eigenes Geld verdient er in sogenannten "Bucket Shops". Diese Aktienwettbüros gibt es Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts überall in den USA. Der Inhaber eines solchen Geschäfts lässt seine Kunden auf Aktien wetten, wobei der von den Verlusten der Kunden lebt. Livermores Aufgabe ist es, die Preise mit Kreide an eine Tafel zu schreiben. Schließlich riskiert er nach einiger Zeit in der Mittagspause selbst fünf Dollar, kauft Aktien der Burlington Railroad und gewinnt drei Dollar.

Kein Jahr später hat er es bereits zu 1000 Dollar gebracht - ein kleines Vermögen für einen 15-Jährigen Ende des 19. Jahrhunderts. In den Bucket-Shops ist er nicht gern gesehen. Als seine Gewinne sich zu sehr häufen, erteilen ihm alle Wettbüros in Boston Hausverbot. Doch Livermore will ohnehin höher hinaus.

Sein erster Ausflug an die Wall Street scheitert. Er verliert sein gesamtes Kapital. 1899, im Alter von 22 Jahren, wagt er sich mit einem Startkapital von 10000 Dollar ein zweites Mal an die Börse. "Ich war noch keine 23 Jahre alt und vollkommen alleine in New York. Ich wusste, dass ich gerade dabei bin, diese neue Maschine zu verstehen", schreibt er. Tatsächlich sieht Livermore die Börse wie eine Art Maschine. Er ist der festen Überzeugung, die Finanzmärkte würden sich in festen Mustern bewegen. Ein Dogma, von dem er sich auch nach horrenden Verlusten nicht verabschiedet.

Seine simpelste Erkenntnis: Steigt eine Aktie und durchbricht dabei eine psychologisch wichtige Grenze wie 10, 50 oder 100 Dollar, zieht sie weitere Käufer an. Fundamentale Daten wie der Gewinn einer Firma oder ihr Geschäftsmodell interessieren ihn nicht. Wichtig sind für ihn nur die Kursbewegungen der Aktie.

Alle Ehemänner der dritten Frau sollen sich umgebracht haben

Hätte Livermore recht, ließe sich an der Börse systematisch ein Vermögen verdienen. Noch heute gilt er deswegen in Händlerkreisen als Legende. "Reminiscences of a Stock Operator" ist eine der meist verkauftesten Biografien eines Spekulanten und wird vor allem von Anhängern der Chartanalyse hoch geschätzt.

Seine zweite, ebenso einfache wie geniale Regel: Läuft der Markt in seine Richtung, kauft Livermore Aktien hinzu. Entwickelt sich der Markt entgegen seinen Erwartungen, reduziert er seine Position schnell oder löst sie ganz auf. Ironischerweise hält er sich immer wieder nicht an die eigenen Regeln. Diese Disziplinlosigkeit kostet ihn im Laufe seiner Karriere mehrmals ein Vermögen.

Im Jahr 1901 herrscht an der New Yorker Börse eine Hausse. Livermores Kapital wächst auf 50.000 Dollar an. Auf dem vermeintlichen Höhepunkt der Rally setzt er auf fallende Kurse - und verliert nahezu alles. Als sich seine Frau weigert, ihren Schmuck zu verkaufen, verlässt Livermore sie und kehrt zu den kleinen Wettbüros zurück, um sein Kapital langsam wieder aufzubauen.

Es ist das Jahr 1906 und Livermore 29 Jahre alt, als er seinen ersten großen Coup landet - und wieder einer Intuition folgend seine eigenen Regeln bricht. Er setzt an der Spitze einer Kursrally auf fallende Kurse der Union Pacific, der größten Eisenbahnlinie des Landes. Am 18. April erschüttert ein gewaltiges Erdbeben San Francisco - bis zum Hurrikan Katerina im Jahr 2005 die größte Naturkatastrophe in der Geschichte der USA. Drei Tage später bricht der Markt an der Ostküste zusammen. Livermore ist Tagesgespräch und auf einen Schlag um 250000 Dollar reicher.

Am 24. Oktober 1907 kommt es in New York abermals zu einem Börsencrash. Wieder hat Livermore auf fallende Kurse gesetzt. Er ist gerade einmal 30, als er seine erste Million gewinnt - an einem einzigen Tag. Am darauf folgenden Tag beginnt er mit Aktienkäufen und profitiert nun auch noch von der einsetzenden Rally. Sein Vermögen beläuft sich jetzt auf über drei Millionen Dollar. Anschließend kauft er sich eine Yacht und macht einen Angelurlaub in der Karibik.

Sieben Jahre später ist Livermore wieder bankrott. Er hat eine Million Dollar Schulden. Er, der sich sonst vehement weigerte, mit anderen Spekulanten zusammenzuarbeiten, hat sich von Percy Thomas, dem "Baumwollkönig" zu riskanten Geschäften überreden lassen und dabei Millionen verloren.

Erst in den Goldenen Zwanzigern geht es für ihn wieder aufwärts. In diesem Jahrzehnt gelingen ihm stetige Gewinne und auch sein größter Coup. Livermore ist einer der wenigen, die vom Schwarzen Donnerstag 1929 profitieren. Bereits im Sommer hatte er begonnen, auf fallende Kurse zu setzen. Sein Plan geht auf: Der Dow Jones bricht ein. Als die große Depression in Amerika beginnt, besitzt Jesse Livermore mehr als 100 Millionen Dollar. Doch in diese Zeit fällt auch der Beginn seiner eigenen Depression.

Nachdem ihn seine zweite Frau Dorothy nach 14 Jahren Ehe 1932 verlassen hat, heiratet er 1933 Harriet Metz Noble. Angeblich war Harriet bereits viermal verheiratet gewesen und hat alle ihre Ehemänner durch Selbstmord verloren. Livermore sollte der fünfte sein. 1934 geht er - aus ungeklärten Gründen - zum vierten Mal in seinem Leben bankrott.

Am 27. November 1940 gegen sechs Uhr abends findet ihn die New Yorker Polizei in einem Zimmer des Sherry-Netherland-Hotels. Der "Große Bär" der Wall Street liegt auf der Toilette in einer Blutlache. Jesse Livermore hat sich erschossen. In einem achtseitigen Abschiedsbrief an seine Frau hat er geschrieben: "Ich kann nicht mehr. Ich bin geschafft vom Kämpfen. Dies ist der einzige Ausweg. Ich bin ein Versager."

© SZ vom 25.03.2008/jkr
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