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SZ-Serie: Die großen Spekulanten (1):Der große Gegenspieler

Später bricht Kostolany sein Studium der Philosophie und Kunstgeschichte ab, um bei einem französischen Börsenmakler in die Lehre zu gehen. Das Paris der lockeren Zwanziger Jahre fasziniert ihn. Doch Kaviar, feine Hotels und livrierte Chauffeure kann er sich nicht leisten. Also schaltet er einen Strohmann ein, der auf Kostolanys Rechnung die Börsenwetten eingeht, die ihm wegen seines Maklerjobs verboten sind.

Geld geht vor Moral

Moralische Fragen bekümmern ihn kaum. Um Schweizer Banker als Kunden zufriedenzustellen, führt er sie durch die Bordelle. An der Börse schlägt er sich den Baissiers zu, die auf fallende Kurse warten und darauf, "am Schmerz der anderen zu verdienen", wie er es nennt. "Mein Wertesystem hatte sich völlig ge-wandelt, mich interessierte nur noch Geld", resümiert er später kritisch.

Als am Schwarzen Freitag 1929 weltweit die Aktienkurse abstürzen, berührt dies die Pariser Börse zunächst wenig. Der junge Kostolany erkennt, dass der Trend aus Amerika durchschlagen wird. Während die meisten Pariser Anleger an eine endlose Börsenparty glauben, setzt er auf einen Kurssturz.

Er misstraut den Massen, die auf den perfekten Moment für den Ausstieg hoffen und aus Gier investiert bleiben, statt ihre satten Gewinne der vergangenen Jahre mitzunehmen. "Wenn es mehr Dummköpfe als Aktien gibt, fallen die Kurse", formuliert er als allgemeingültige Regel. Im Herbst 1930 bricht die Oustric-Bank zusammen. Die Pariser Börse geht in die Knie. Anleger verlieren Haus und Hof. Der Baissier Kostolany aber ist auf einen Schlag reich.

Intuition statt Rechnerei

"Wenn er beim Spekulieren Erfolg hatte, dann wegen seiner Intuition für Trends und die Psychologie der Anleger", glaubt sein Kompagnon Heller, der mit ihm die "Kostolany Börsenseminare" veranstaltete. "Das Erstellen von Zahlenkolonnen überließ er anderen." Seiner Intuition traut Kostolany ziemlich viel zu. "Er hat Kopf und Kragen riskiert", erzählt Heller.

Kostolany arbeitet nicht mehr als Makler. Er tippt weiter auf Baisse und setzt per Termingeschäft alles auf fallende Kurse. Plötzlich stundet US-Präsident Herbert Hoover den Deutschen 1931 riesige Reparationszahlungen. Die Kurse schießen hoch. Kostolany verliert sein ganzes Vermögen und hat Schulden. Demütig bittet er bei einem Makler um einen Brotjob.

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