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SZ-Serie:Der allererste Spekulant

Selbst in Zeiten, da man den Träumen allergrößte Geltung beimaß, aus ihnen nicht selten die Gottheit höchstpersönlich heraushörte, besaß man die Freiheit, den aktuellen Traum als wirres Zeug abzutun.

Nun hatte freilich in diesem Fall nicht irgendwer geträumt, sondern der Pharao, und das noch dazu doppelt. Dergleichen ungedeutet im Raum stehenzulassen, wäre seinerzeit nicht angegangen, wobei höchstens zu fragen wäre, wieso der Pharao der Gurus bedurfte, wo er doch, dank seiner Gottgleichheit oder jedenfalls -ähnlichkeit, die Auslegung locker selbst hätte erledigen können. Thomas Mann trägt diesem Umstand Rechnung, indem der Joseph seines Romans stets so tut, als rede er nur das daher, was zu reden der Pharao ihm auf magische Weise eingibt.

Goldene Nase verdient

Wie auch immer, die Träume wurden für bare Münze respektive echte Markttendenzen genommen. Das führt zu der zweiten und entscheidenden, weil moralisch relevanten Frage, ob da auf unredlichen Gewinn gesetzt wurde. Dass weder der Pharao noch Joseph die Dürre herbeiführten, ist unstrittig; sie waren sich der kommenden Ereignisse jedoch absolut sicher.

Dem Bibelbericht ist in dieser Hinsicht nichts Bündiges zu entnehmen, aber dass die Hortung des Getreides und dessen spätere Ausgabe keine reine Wohltätigkeitsveranstaltung waren, wird hinlänglich deutlich: Der Nilstaat verdiente gut am Verkauf, bei der pharaonischen Machtfülle dürfte es auf die sprichwörtliche goldene Nase hinausgelaufen sein.

Darüber hinaus wird man den außenpolitischen Nutzen, der aus der Not der umliegenden, von der Hungersnot nicht weniger betroffenen Länder zu ziehen war, gern mitgenommen haben. Zu diesem Punkt schweigt sich die Genesis ebenfalls aus, aber wir haben ja Thomas Mann, der, wiewohl in Bibeldingen ohne kirchenamtliche Deutungsbefugnis, diesen Aspekt auf seine Weise bedacht hat. Er lässt seinen Joseph zu Pharao über gewisse Stadtkönige Syriens und des Fenechierlandes sprechen, die auf beiden Achseln trügen und es mit ihrer Treue zum Pharao nicht allzu genau nähmen. Ein guter Verwalter des gehorteten Reichtums müsse auf sie ebenfalls sein Augenmerk richten "und zusehen, dass Untreue gedämpft und Wankelmut gefesselt werde an Pharao's Thron".

So wurde Joseph ein großer Mann in Ägypten, eine Art Tycoon, wie man heute sagen würde. Woher er seinen durchaus listigen Geschäftssinn hatte, steht übrigens sehr wohl in der Bibel. Joseph war ja ein Kind Jakobs, sein erster Sohn mit Rahel, der Lieblichen.

Dieser Jakob diente lange Jahre bei Laban, seinem Schwiegervater (alias Schwäher, wie es in der Bibel heißt). Als er aus dessen Diensten treten wollte, machte er ihm wegen des Lohnes einen kuriosen Vorschlag. Er wolle, sagte er, aus den Herden nur das, was künftig gesprenkelt oder gefleckt zur Welt käme. Laban war das recht, doch hatte er nicht mit Jakobs spekulativem Geist gerechnet. Dieser legte nämlich an den Stellen, wo die Schafe und Ziegen zur Tränke kamen und sich auch zu paaren pflegten, Stecken ins Wasser, die er vorher so geschält hatte, dass sie hell und dunkel gestreift waren.

Und was soll man sagen: Die weiblichen Tiere empfingen und warfen Junge, so gesprenkelt und gefleckt, dass es eine Freude war, wenn auch nicht für den Geizkragen Laban. Jakob aber wurde ein reicher Mann - "herdenschwer", wie Thomas Mann das gerne nennt.