Städte im Sommer Zu heiß

Ärzte halten 23 Grad für die ideale Zimmertemperatur. Im Sommer werden Wohnungen allerdings oft deutlich heißer.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In vielen Cities erreichen die Temperaturen Rekordmarken. Wie man sich vor der Hitze am besten schützen kann und warum manche Experten gegen Klimaanlagen sind.

Von Felicitas Witte

Es war ein Sommermärchen, die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, doch der Professor konnte nicht so recht mitjubeln. Christian Witt, der Chef-Lungenarzt an der Charité in Berlin, behandelt Menschen mit Lungenkrankheiten wie chronisch obstruktive Lungenkrankheit oder Asthma. "Unsere Mannschaft gewann eine Partie nach der anderen - aber den Patienten ging es immer schlechter, in manchen Zimmern war es über 30 Grad heiß", erzählt Witt. Die Patienten wurden von Hustenattacken geplagt, das Luftholen fiel schwer. Hitze schädigt den Körper enorm: Während großer Hitzewellen müssen mehr Menschen notfallmäßig im Krankenhaus behandelt werden, und es sterben mehr als in kühleren Sommern.

"Betroffen sind vor allem Kleinkinder, Senioren und Leute mit chronischen Krankheiten von Lunge oder Herz", sagt Thomas Lüscher, Chef-Kardiologe an der Uniklinik in Zürich. Die Zahl der Krankenhausaufnahmen allein für Lungenkrankheiten könnte sich im schlimmsten Fall bis zum Jahr 2100 versechsfachen, schätzten Forscher vom Zentrum für Umweltmedizin in New York.

So kann es nicht weitergehen, dachte sich Lungenarzt Witt damals im Sommer 2006. "Aber keine Klimaanlage, denn seit Entdeckung der Legionärskrankheit wissen wir, dass das Keimschleudern sind", sagt Witt. Klimaanlagen können auch Staub aufwirbeln und machen die Luft trocken - beides schadet den Atemwegen zusätzlich. Per Zufall kam Witt auf eine Firma, die Zimmer mithilfe von Kapillarrohrmatten kühlt. Die etwa fünf Millimeter dicken Matten bestehen aus einer gelochten Folie, in die dünne Kunststoffrohre eingebettet sind. Durch die Röhrchen fließt etwa 16 Grad kaltes Wasser. "Die Matten werden wie eine Tapete auf die Wand geklebt, darüber kommt normale Tapete - fertig ist das Kühlsystem", so Witt.

In einem Punkt sind sich die Experten einig: "Klimaanlagen sind out."

Um sein Projekt zu finanzieren, bewarb sich Witt, am "Urban Climate and Heat Stress-Projekt" (UCaHs) teilzunehmen, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Hier untersuchten Mediziner und Experten anderer Fachrichtungen, welche Auswirkungen Hitze in Städten hat. Mit 126 Patienten testete Witt die gekühlten Patientenzimmer. Die Hälfte wurde in normalen Zimmern behandelt mit einer maximalen Zimmertemperatur von 31,7 Grad, die übrigen in den gekühlten Zimmern. Patienten der gekühlten Zimmer waren schneller aktiver, sie konnten im Durchschnitt einen Tag früher aus der Klinik entlassen werden und es ging ihnen bei Entlassung besser. "23 Grad halten wir für die ideale Temperatur", sagt Witt.

Die Matten lassen sich an Wänden, Decken oder im Fußboden verlegen - so kann das System im Winter auch als Heizung verwendet werden. "Eine Flächenkühlung ist eine gute Idee", sagt Thomas Auer, Leiter des Lehrstuhls für Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen an der TU München. "Man reduziert die empfundene Raumtemperatur. Das ist so, wie wenn man im Hochsommer in eine Kirche geht." Einen ähnlichen Effekt erzielt man durch ein kontrolliertes Lüftungssystem in den Wänden in Kombination mit einem Erdwärmetauscher. Das System nutzt im Winter die höhere Temperatur der Erde, um die kalte Luft vorzuwärmen und im Sommer die geringere, um sie zu kühlen. Die vorgekühlte Luft gelangt durch das Lüftungssystem ins Haus. Eine Alternative sind Sole-Wärmepumpen in der Erde oder Grundwasser-Wärmepumpen.

Am effizientesten ist es, das Haus erst gar nicht so heiß werden zu lassen. Besonders wichtig ist ein guter Sonnenschutz: "Fensterläden, Raffstores oder Markisen sind wesentlich wirksamer als innenliegende Jalousien", sagt Dieter Scherer, Leiter des Fachgebiets Klimatologie an der TU Berlin und Sprecher des UCaHS-Projekts. Und nachts am besten Querlüften: Zwei Fenster an gegenüberliegenden Seiten öffnen, damit ein Durchzug entsteht.

"Problematisch sind Dachgeschosse, wo die Temperatur aufgrund der leichten Bauweise und der fehlenden Masse im Sommer oft enorm steigt und unerträglich wird, wenn das Dach nicht vernünftig gedämmt ist", sagt Auer. Abhilfe schaffe eine effektive Wärmedämmung.

Entscheidend sei eine zentrale Lüftungsanlage, sagt Florian Schmid, Vertriebsleiter bei der Fertighaus-Firma Schwörer-Haus. Nach Norm DIN 1946 Teil 6 benötigt jedes neugebaute Haus jetzt ein Lüftungskonzept. "Die Anlage sorgt dafür, dass die Innenraumluft alle zwei Stunden ausgetauscht wird, ohne dass man die Fenster öffnen muss", erklärt Schmid. "Im Sommer wird die Innenraumtemperatur automatisch gegenüber der Außentemperatur um bis zu vier Grad abgekühlt - aber ohne die nachteiligen Effekte einer Klimaanlage." Denn in einem sind sich die Experten einig: "Klimaanlagen sind out", sagt Scherer. Sie heizen nämlich auch die Außenluft auf. "So wird es in den Städten noch wärmer", sagt Scherer.

Neben den technischen Maßnahmen dürfe man nicht die einfachen Verhaltensweisen vergessen, sagt Kardiologe Lüscher. "Genügend trinken, nicht zu lange in die Sonne gehen, Hut und leichte Kleidung tragen, sich nicht zu sehr körperlich anstrengen und die Dosis von Medikamenten reduzieren, die den Körper austrocknen können wie Diuretika."

Martin Röösli, Professor für Umweltepidemiologe am Schweizerischen Tropen- und Public Health Institut, hat vor Kurzem für die Schweizer Regierung einen 30 Seiten langen Katalog geschrieben mit Tipps, wie man Menschen vor Hitzeschäden schützen kann. "Das reicht von Informationskampagnen über städtebauliche Maßnahmen, bis zu einem nationalen Warnsystem", erklärt er. Eine zentrale Rolle spielen sogenannte Buddys. Das sind speziell ausgebildete Freiwillige, die während einer Hitzewelle Risikopersonen betreuen, etwa ältere Menschen, die allein wohnen. "Die Buddys rufen an oder machen Besuche und vergewissern sich, dass die Leute genügend trinken, die Wohnung kühl genug ist und es ihnen gut geht", erzählt Röösli. Seit 2003 starben in Genf, Lausanne und Lugano weniger Menschen als früher an der Hitze, auf die Deutschschweizer Kantone trifft das dagegen nicht zu. "Das könnte mit an den Buddys liegen", so Röösli. "Die bieten auch noch einen angenehmen Nebeneffekt: Persönlicher Kontakt, der vielen Älteren in den Städten fehlt."