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Stadtreinigung:Zugemüllt und aufgeräumt

Berlin gilt als deutsche Müllmetropole, nirgendwo sonst fällt so viel Abfall an. Das stellt die Reinigungsbetriebe vor große Herausforderungen. Jetzt soll die Stadt zum Vorreiter werden.

Es lauern Hundehaufen auf dem Gehweg, Zigarettenkippen verschandeln Bürgersteige. In Bordsteinrinnen sammeln sich leere To-go-Becher. Wer will, kann bei seinem Schlängelkurs durch die diversen Hinterlassenschaften menschlichen und tierischen Daseins eine Pause auf dem wild abgestellten Sofa einlegen. Nur Vorsicht, man könnte schnell durch die hastige, weil illegale Entsorgung weiteren Sperrmülls am Straßenrand Schaden erleiden. Sperrmüll gesellt sich nun mal gern.

Berlin wird zugemüllt und sauber gemacht und wieder zugemüllt und wieder ... Ein Teufelskreis, der aber dafür sorgt, dass die Stadt nicht im Müll erstickt. Ihr Image als Müllhauptstadt, zu Recht oder nicht, bleibt ihr dennoch erhalten. Das belegen schon die Statistiken der Millionen-Metropole. So fallen in Berlin Tag für Tag mehr als 2000 Tonnen Hausmüll an, dazu mindestens 130 Tonnen Dreck auf Straßen und Plätzen oder täglich 55 Tonnen Hundekot. Mit jährlich 1,3 Millionen Tonnen produzieren die Berliner so viel Müll wie in keiner anderen deutschen Großstadt. Pro Kopf sind das knapp 400 Kilogramm, damit ist Berlin auch im europäischen Vergleich ziemlich weit vorn. Freilich sind da die Römer mit fast 600 Kilogramm pro Kopf und Jahr immer noch einsame Spitze.

2300 Beschäftigte

hat die Berliner Straßenreinigung. Sie säubern jedes Jahr 1,44 Millionen Kilometer Straßen und Gehwege, fegen dabei 48 000 Tonnen Kehricht zusammen und leeren 25 000 Papierkörbe. Viele davon sind mit Zigaretteneinsätzen versehen - und doch werden die Menschen ihre Kippen achtlos daneben. Auch die 190 000 Gullys müssen gesäubert werden, sonst kann das Wasser nicht mehr richtig abfließen.

Eine nachhaltige Trendwende in Sachen Müll fällt schwer. Denn Berlin wächst weiter - zuletzt um 30 000 bis 40 000 Menschen pro Jahr. Neubürger, die auch die Müllberge weiter in die Höhe treiben. Hinzu kommt eine wachsende Zahl von Touristen. Täglich tourt etwa eine halbe Million von ihnen durch Berlin. Das bringt Geld und eben auch jede Menge neuen Abfall in die Stadt. Nicht zu reden von der Invasion an Leihfahrrädern, Mopeds und neuerdings auch E-Rollern, die vor allem auf den Bürgersteigen achtlos abgestellt werden und die Stadt zusätzlich verlottern lassen. Und was ist mit den unzähligen Baustellen, die allerorts Schutthalden und Staubwolken erzeugen? Nicht zu reden auch von der zunehmenden Verwahrlosung in Nischen oder Parkanlagen. Armut wächst in der Stadt. Berlin zieht offenbar auch schier magnetisch Obdachlose aus Deutschland und der halben Welt an. Kritiker nörgeln: "Berlin vermüllt - eine lebenswerte Stadt geht anders!" Andreas Thürmer, Prokurist und Chef des Vorstandsbüros der Berliner Stadtreinigung (BSR), schüttelt den Kopf. Er findet, dass die Stadt viel zu schlecht geredet werde. Und das "häufig von den Berlinern selbst", sagt Thürmer. Gäste - und nicht nur die aus Rom - beurteilten die Stadt viel besser. "Keine Frage", sagt er, "in Sachen Sauberkeit kann man immer noch mehr machen, aber das müssen dann auch alle zusammen tun."

Thürmer stört die ewige Meckerei über die angeblich so vermüllte Hauptstadt. Schließlich verbindet sich damit auch eine Kritik an seinem Unternehmen, das mit 2400 Frauen und Männern auf öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen den Dreck anderer Leute wegmacht und so versucht, der Stadt immer wieder frischen Glanz zu verleihen. Hinzu kommen mehr als 1800 Mitarbeiter von der Müllabfuhr, die es Jahr für Jahr schaffen, 800 000 Tonnen Restmüll und mehr als 70 000 Tonnen Bioabfälle aus den Berliner Haushalten wegzuschaffen. "Der Müll aus den grauen Tonnen", so Thürmer, "wird in einer Müllverbrennungsanlage entsorgt. Dort werden am Schluss Metalle ausgeschleust und verwertet, ebenso die verbleibende Schlacke." Zudem entstehe Strom und Wärme - die Wärme immerhin reiche für 35 000 Haushalte der Stadt. Schließlich komme auch noch "grüne Energie" dazu. Also Biogas, das durch die Vergärung von Bioabfällen gewonnen werde. "Wir betanken damit unsere Müllfahrzeuge", sagt der BSR-Prokurist. Für Thürmer schließt sich damit der Kreislauf: "Aus Müll entsteht bei uns erneuerbare Energie."

Sperrmüll auf Berliner Straßen

Hauptsache weg: Illegal abgelegter Sperrmüll verschandelt ganze Wohnviertel. Das mag auch an den Kosten liegen - wer seine alten Möbel von der Berliner Stadtreinigung abholen lässt, muss dafür zahlen.

(Foto: Gregor Fischer/picture alliance)

Knapp 300 Millionen Euro setzt die BSR mit der Abfallerfassung und -verwertung um. Hinzu kommen reichlich 235 Millionen Euro, die die Straßenreinigung zum Beispiel mit der Beseitigung von 41 000 Tonnen Kehricht und 35 000 Tonnen Straßenlaub zum Umsatz beisteuert.

Mit solchen monumentalen Zahlen lässt sich gut wuchern. Noch mehr aber mit dem Image, mit dem sich die BSR mittlerweile herausgeputzt hat. Der landeseigene Betrieb ist laut Umfragen das beliebteste Berliner Unternehmen und zugleich bundesweit der beste Arbeitgeber in der Branche. Mit der schon vor Jahren eingeleiteten Kampagne "We kehr for you" und unzähligen anderen flotten Sprüchen sind seine Beschäftigten bei allem Müll und Dreck zu "Göttern in Orange" aufgestiegen. Nicht zuletzt durch sichere Arbeitsplätze, Entlohnung nach Tarif, soziale Leistungen und berufliche Förderung. "Als wir letztes Jahr 50 Stellen bei der Müllabfuhr ausgeschrieben haben, sind dazu mehr als 1300 Bewerbungen eingegangen", rechnet Thürmer vor. "Wie man sieht, die 'Jobs in Orange' sind in der Stadt längst überaus begehrt."

Nicht nur die Stadtreinigung ist in Berlin mit Müll und Dreck beschäftigt. Wenn man so will, baut eine ganze Industrie darauf auf, die Stadt innen und außen sauber zu halten. Ein Heer von Putzteufeln und Haushaltsgehilfen hantiert täglich mit Wischmopp, Besen und Kehrschaufel - wohl Berlins größte Schattenwirtschaft. Industriekletterer schrubben dagegen ganz legal. Überall dort, wo sonst keiner hinkommt. Auch Fensterputzer findet man an fast allen Fassaden der Geschäftshäuser. Häufig auch ganz weit oben, genauso wie die dort immer noch aktive Schornsteinfegergilde. Weiter unten auf der Straße wiederum betreiben Fäkalienfahrer stoisch ihr übel riechendes Geschäft. In den Parkanlagen und auf den weiten Wiesen und Rasenflächen versuchen Beschäftigte der stadtbezirklichen Grünflächenämter mit Greifzangen, Harken und Rechen der Berge von Pizzakartons, leeren Flaschen, Einweggrills, Plastikverpackungen oder Kronkorken Herr zu werden. Im Sommer, wo es den Berliner ins "Jrüne zieht", zumeist ein vergebliches Unterfangen. Darum greift nun auch dort die BSR mit zu und hat, vom Senat "gesponsert", die ersten Parks unter ihre Fittiche genommen. Aber auch privat und ganz allein wird in Parks oder im und vor dem Haus geputzt, gewienert gewischt, geschrubbt und gesaugt. Eine Schlacht um Glanz und streifenfrei bricht damit regelmäßig an. Zumeist am frühen Morgen, wenn halb Berlin noch schläft - Frühputz statt Frühsport und auch eine Art von Meditation, kleines Glück ganz groß.

Eine Sisyphusarbeit sicherlich, die die Stadtoberen aber immer wieder anfeuert, weil Müll nicht nur nervt, sondern auch eine enorme ökologische und soziale Belastung erzeugt. Das sorglose "Ex und hopp" schädigt Wasser, Boden und Luft. Und es werden wertvolle Rohstoffe vergeudet - in einem Land, das beinahe ohne Rohstoffvorkommen auskommen muss. So hat der rot-rot-grüne Senat in seinem Koalitionspapier das Leitbild "Zero Waste" (null Müll) aufgenommen. Auf den Weg gebracht wurde dazu zunächst einmal ein Aktionsprogramm, mit dem man auch mit "unkonventionellen Maßnahmen" die Stadt attraktiver, lebenswerter und sauberer machen will. Auf der langen Checkliste dazu stehen unter anderem ein dichteres Netz von Recyclinghöfen, noch mehr Mülleimer am Straßenrand und in Grünanlagen, bessere Säuberung von Parks und Kinderspielplätzen. Und neben einer besseren Erziehung und Aufklärung der Bürger auch der Einsatz von über 100 neuen "Müllsheriffs" gegen Abfallsünder und Hundekot.

Gerade zur Pflicht geworden ist für Hauseigentümer und Eigenheimbesitzer das Aufstellen einer Biotonne. Schon allein davon verspricht man sich eine Reduzierung des Restmülls um bis zu 160 000 Tonnen im Jahr, sind doch laut Abfallbilanz 40 Prozent des Restmülls organischen Ursprungs. Dieser soll nun mehr und mehr in den Biotonnen landen, damit er dann bei der BSR zu Biogas vergoren werden kann.

Ob die abfallfreie und saubere Zukunft in Berlin anbrechen wird, ist arg umstritten. Allein die flächendeckende Müll-Lösung beziehungsweise die Reinigung des gesamten öffentlichen Berliner Grüns durch die BSR dürfte etwa 130 Millionen Euro kosten - Geld, das an anderer Stelle fehlen würde. Also setzt man vor allem auch auf Erziehung. Nur wie?

In einer Studie, die eine Gruppe von Wissenschaftlern der Humboldt-Universität zum Thema "Littering" (Wegwerfen) erarbeitet hat, kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die achtlosen Wegwerfer nur dann ein Unrechtsbewusstsein entwickeln, wenn sie ertappt werden. Gewohnheit, Faulheit oder die Erklärung, dass doch fast alle etwas wegwerfen würden, dominierten bei den Umweltsündern, heißt es. Dennoch sollte man, so die Wissenschaftler, das latent vorhandene "schlechte Gewissen" der Litterer für Anti-Müll-Kampagnen nutzen. Ob das hilft? Kritiker der Berliner glauben das nicht. Für sie haben die Hauptstädter noch immer ein wenig entwickeltes Umweltgewissen - siehe den Müll in Parks und die hohen Abfallberge nach jedem Straßenfest. So verlottert wie es draußen aussehe, sehe es auch drinnen in den Köpfen der Berliner aus, mahnen sie an. In ihren Augen scheint Berlin nicht nur bei seinem Flughafen, sondern auch in Sachen Müll ins Scheitern verliebt.