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Stadtplanung:Wachsen lassen

Weniger mähen, mehr Natur: Die Städte Hannover, Frankfurt am Main und Dessau-Roßlau lassen auf ausgewiesenen Flächen mehr Natur und Wildnis zu. Das könnte zum Vorbild für andere Kommunen werden.

Von Joachim Göres

Von der Brücke der Nieschlagstraße in Hannover-Linden blickt man in die Tiefe auf einige Bahnschwellen, die von Grün überwuchert sind. Einst wurde auf dieser Bahnstrecke Kohle zum nahegelegenen Kraftwerk transportiert, seit Jahrzehnten ist hier kein Zug mehr gefahren. In einem der am dichtesten besiedelten Stadtteile von Hannover hat sich die Natur daher eine ungefähr 20 Meter breite und 500 Meter lange Schneise erobert, die mit ihren Sträuchern und Bäumen für Menschen schwer zugänglich ist und dadurch Tieren und Pflanzen Lebensraum bietet. "Wir wollen diese Flächen erhalten und weiterentwickeln", sagt Verena Butt. Die Landschaftsarchitektin ist beim Umweltamt der niedersächsischen Landeshauptstadt Leiterin von "Städte wagen Wildnis". In diesem vom Bundesumweltministerium bis 2021 geförderten Projekt haben Hannover, Frankfurt (Main) und Dessau-Roßlau Gebiete ausgewiesen, in denen vor allem die Natur eine Chance bekommen soll.

Gerade in wachsenden Großstädten sind Flächen potenziell auch als Bauland begehrt. Soll mitten in der Stadt also die Wildnis einziehen und der Mensch verbannt werden? Sollen Flächen eingezäunt und für den Menschen unzugänglich gemacht werden? "Das tun wir nicht. Gerade weil es eine Konkurrenz um solche Flächen gibt, wollen wir sie besser erlebbar machen. Nur was man kennt, kann man schützen", erklärt Butt. Demnächst sollen an den etwa ein Dutzend Flächen des Modellprojektes in Hannover Stelen aufgestellt werden, die über das Projekt informieren. An einem Standort wurden in Bäumen große bunte Asseln aufgehängt, um Passanten auf das Projekt aufmerksam zu machen und zugleich zu verhindern, dass Flächen, die mancher als ungepflegt ansehen mag, zugemüllt werden. Zudem finden zahlreiche Aktionen, Führungen und Informationsveranstaltungen statt. "Häufiger hören wir von Anwohnern, dass sie Angst vor weiterer Wohnbebauung in der Nachbarschaft haben. Sie sind erfreut sind, dass die Grünzüge nun besonders geschützt werden", sagt Projektmitarbeiterin Solveig Hesse.

Wohnungen, Büros, Verkehr: Die Konkurrenz um Flächen in der Stadt ist groß

An dem Fluss Fösse erstreckt sich ein Grünzug, auf dem das Gras von städtischen Mitarbeitern seit dem Beginn des Projektes im Jahre 2016 seltener gemäht wird. Dabei gibt es Abstufungen: Direkt am Wegesrand, wo zum Beispiel auch Parkbänke stehen, ist es bei drei bis vier Terminen im Jahr geblieben, damit diese Flächen wie bisher von Menschen genutzt werden können. Es folgt ein Grünstreifen, auf dem nur noch ein- bis zweimal gemäht wird. In der Mitte der grünen Inseln wird ganz aufs Mähen verzichtet - hier sind inzwischen Büsche und kleine Bäume gewachsen. "Weniger Mähen bedeutet nicht weniger Arbeit. Die Mahd bleibt zwei Tage liegen, damit kleine Tiere rauskrabbeln können, danach wird das gemähte Gras aufgesammelt", berichtet Hesse. Mähtermine wurden teilweise verändert, um ganz junge Tiere nicht zu gefährden.

"Sie lassen doch hoffentlich nicht alles zuwachsen, denn ich gehe hier abends immer mit dem Hund lang und das wäre mir dann zu unheimlich" - ein Satz einer Passantin, der Wirkung zeigte. "Wir wollen nicht, dass durch selteneres Mähen Angsträume entstehen. Die Wege für Fußgänger und Radfahrer müssen übersichtlich bleiben, darauf achten wir", sagt Butt. Sie betont, dass in dem Projekt fast nichts Neues angepflanzt wurde, aber teilweise Wildpflanzen entfernt wurden, wenn sie schützenswerte Arten verdrängten. In der Eilenriede, dem größten Stadtwald Europas, werden manche Flächen sich selbst überlassen. Ein leer stehender Kleingarten in Hannover wird derzeit neu angelegt - hier soll in Zukunft ausschließlich ökologisch gegärtnert werden, dabei entstehen auch große Gemeinschafts- und Naturflächen sowie ein Übungsgarten für Anfänger.

Das Projekt "Städte wagen Wildnis" wird durch Befragungen von Anwohnern und Studien über die Entwicklung der Artenvielfalt wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse werden im kommenden Jahr zum Abschluss des Projektes auf einer Tagung präsentiert. Die bisherigen Wildnisflächen in Hannover, Frankfurt und Dessau-Roßlau sollen dauerhaft erhalten bleiben und Vorbild für andere Städte werden.

"Ich könnte jeden Monat einen Vortrag über unsere Erfahrungen halten, das Interesse in anderen Kommunen ist sehr groß", sagt Thomas Hartmanshenn, in Frankfurt Leiter der Abteilung Umweltvorsorge beim Umweltamt und Gesamtleiter von "Städte wagen Wildnis". Im Gegensatz zu Hannover mit vielen kleinen Flächen in teils auch attraktiven Wohnvierteln hat man in Frankfurt zwei große Gebiete mit jeweils 15 Hektar am Stadtrand für das Projekt ausgewählt. Nicht zuletzt, weil im Zentrum der Mainmetropole Grund und Boden wesentlich begehrter und teurer ist als in der Leinestadt. Zudem gibt es in den verschiedenen Frankfurter Behörden durchaus unterschiedliche Vorstellungen - bei einer ehemaligen Mülldeponie war ursprünglich die Wiederaufforstung geplant. "Damit wir dort 30 Zentimeter Mutterboden ausbringen konnten, musste das Forstamt mitspielen, denn wir haben keine eigenen Flächen. Der neue Mutterboden hatte selbstverständlich positive Auswirkungen auf die Artenvielfalt, vorher gab es dort fast keine Vegetation. Die klassische Aufforstung hätte weniger erreicht", sagt Hartmanshenn.

Er beobachtet ein wachsendes Interesse an dem Thema in der Öffentlichkeit durch die Diskussion um das Bienen- und Insektensterben wie auch durch Fernsehsendungen, in denen positiv über Wildnis berichtet wird. Gleichzeitig weiß er, dass Brachen in seiner Stadt selten sind und es einen hohen Nutzungsdruck gibt: "Wir müssen erreichen, dass auf Parks und Friedhöfen Wiesen entstehen und so die Artenvielfalt gesteigert wird. Bei den Kollegen vom Grünflächenamt rennen wir damit offene Türen ein." Zudem sieht er weitere Möglichkeiten in dem 4000 Hektar großen Frankfurter Stadtwald, wo durch den trockenen Boden Bäume absterben, die sich selbst überlassen bleiben. "Solche Gebiete stehen zum Glück nicht im Fokus der Stadtentwickler", so Hartmanshenn. Eine Kombination von mehr Artenschutz und Naherholung für den Menschen ist das Ziel - die Auswertung wird zeigen, ob beides miteinander vereinbar ist.

Miteinander statt gegeneinander: Anwohner werden in die Planungen miteinbezogen

In diesem Zusammenhang lohnt sich die Erinnerung an die Aktion "7000 Eichen - Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" von Joseph Beuys anlässlich der Dokumenta 1982 in Kassel (im Internet unter 7000eichen.de). Der Künstler ließ damals 7000 Basaltstelen auf dem zentralen Friedrichsplatz auslegen und pflanzte dort die erste Eiche mit der dazugehörigen Stele - mit der Aufforderung an die Kasseler, in ihrer Stadt weitere 6999 Eichen zu pflanzen. Diese Aktion löste eine große Kontroverse aus, fand aber auch zahlreiche Unterstützer, sodass bis 1987 alle Basaltstelen zusammen mit je einer Eiche irgendwo in der nordhessischen Stadt aufgestellt wurden. Sie bildeten ein Landschaftskunstwerk und lenkten den Blick auf die Bedeutung der Ökologie in einer Großstadt. Das veränderte Bewusstsein für diese Frage wirkt bis heute - bei dem Projekt "Städte wagen Wildnis" müsste es allerdings eher "Stadtverwaldung durch Stadtverwaltung" heißen.

Im Gegensatz zu Frankfurt und Hannover ist Dessau-Roßlau eine schrumpfende Stadt, zahlreiche Gebäude wurden hier seit der Wende abgerissen. Auf solchen Abrissflächen ist der Dessauer Landschaftszug im Rahmen des Projektes "Städte wagen Wildnis" entstanden. Bei den Wildnisflächen greift der Mensch nur noch wenig in natürliche Prozesse ein. Zudem wurden Wiesenlandschaften angelegt, für die mehr als 50 unterschiedliche Kräuter und Wildstauden angesät wurden. Über die ersten Auswirkungen informiert die Ausstellung "Stadt gibt's hier natürlich" im Dessauer Museum für Naturkunde und Vorgeschichte, zu sehen bis Ende Mai nächsten Jahres. Danach konnte seit Projektstart 2016 ein Wandel der Pflanzenwelt festgestellt werden. Mehr als 300 Pflanzenarten wurden bisher erfasst, davon gelten zehn Prozent als selten oder gefährdet. 48 Vogel-, 24 Schmetterlings-, 17 Heuschrecken- und sieben Fledermausarten wurden beobachtet, viele davon kommen nur noch selten in der Natur vor. 24 Wespen- und 67 Wildbienenarten wurden nachgewiesen, davon sind fünf Bienenarten in Sachsen-Anhalt vom Aussterben bedroht.

Artenreiche Blühwiesen entstanden am Rand des "Roten Fadens" einem Rad- und Gehweg, der durch die Stadt führt. Diese großen Wiesenflächen in der Nähe von Wohnbebauung werden bis zu zweimal im Jahr gemäht, Gräser und Wiesenblumen werden bis zu 80 Zentimeter hoch. Am Wegesrand wird die Vegetation kurzgehalten. Auch die Ränder der Wildnisflächen, die sich mehr am Stadtrand befinden, werden gemäht und es gibt Rasenwege, um in die Wildnis hineinzugehen. Dass die Meinungen über dieses Projekt auseinandergehen, lässt ein Satz am Ende der Ausstellung erahnen: "Wir wünschen uns, dass mehr DessauerInnen den Wert der Wildnis erkennen und ihn zu schätzen lernen."

© SZ vom 24.10.2020
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