Stadtplanerin "Spätabends ist nicht mehr viel los"

Angela Million leitet an der TU Berlin das Fachgebiet Städtebau und Siedlungswesen. An der Schnittstelle zwischen Architektur sowie Stadt- und Regionalplanung befasst sie sich mit der physischen Gestalt von Stadt.

(Foto: oh)

Wie sich der Potsdamer Platz entwickelt und welche Bedeutung er hat, erklärt die Stadtplanerin Angela Million.

Interview von Lars Klaassen

SZ: Als das Quartier um den Potsdamer Platz neu entstand, wurde vielfach kritisiert, dass zu große Areale einschließlich Straßenland in private Hände vergeben worden seien. Macht sich das heute bemerkbar?

Angela Million: Am Potsdamer Platz halten sich vor allem Menschen auf, die sich vergnügen oder arbeiten. Für sie machen die Eigentumsverhältnisse keinen Unterschied. Der ganze Platz ist seinerzeit bewusst als Ort des Entertainments entwickelt worden. Und als solcher funktioniert er wie gewünscht. Der Ort war aufgeladen durch seine Vorgeschichte: Erst Weltstadtplatz in den Zwanzigerjahren, dann totale Brache mitten im geteilten Berlin. Dort sollte ganz dezidiert eben kein normales Berlin entstehen, sondern ein weit sichtbares Markenzeichen. Das spiegelt sich unter anderem in der Hochhausarchitektur wider. Insbesondere das Sony-Center trägt explizit zum Unternehmensbranding bei. Vergleichbar mit einem gewachsenen Stadtquartier ist der Potsdamer Platz nicht. Ganz in der Nähe gibt es ältere Wohnviertel, die aber weit weg erscheinen. Wer wirklichen öffentlichen Raum nutzen möchte, findet dafür im nahen Park am Gleisdreieck Möglichkeiten.

Was unterscheidet den Potsdamer Platz eigentlich von den anderen Stadtteilen in Berlin?

Besonders präsent sind dort die Unterhaltungsangebote wie etwa Kinos, das Musical-Theater, gastronomische Einrichtungen oder Shopping. Auch Büroflächen sind in beträchtlichem Umfang vorhanden. Verglichen damit ist Wohnraum deutlich unterrepräsentiert. Spätabends, wenn Kinos und Theater schließen, ist nicht mehr viel los. Ein Lebensgefühl wie in ihren Kiezen finden Berliner hier nicht. Das ist am Alexanderplatz, auf der Friedrichstraße und am Kurfürstendamm ganz ähnlich. Doch diese Orte haben eine längere Geschichte. Viele Berliner verbinden damit Erinnerungen. Das muss am Potsdamer Platz erst noch wachsen. Wenn der Platz nun plötzlich wieder weg wäre: Würden die Berliner ihn vermissen? Da hier ein riesiges Quartier komplett aus dem Nichts geschaffen wurde, braucht es entsprechend viel Zeit, bis dieser Fremdkörper mit der Stadt verwachsen und darin integriert ist.

Fehlt die Anbindung an die umliegende Stadt?

Mit Bus, U-, S- und Regionalbahn ist der Platz sehr gut angebunden. In den ersten Jahren gab es noch Baulücken zu den angrenzenden Quartieren. Da ist aber mittlerweile viel gebaut worden. Die geringe Integration in die Stadt macht sich anders bemerkbar: Sowohl der Potsdamer Platz als auch die angrenzenden Neubauten haben noch keine Patina. Interessant wird es, wenn die ersten Umnutzungen kommen. Werden E-Commerce oder die Kinokrise den Platz verändern? Wenn dort um- oder angebaut wird, um sich an verändernde Bedürfnisse anzupassen, bekommt das ganze Quartier einen anderen Charakter. Dann wird der Platz sich alltäglicher anfühlen.