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Stadtmöblierung:Einfach raus

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Reservieren, bitte: Technologien können älteren Menschen helfen, zum Beispiel indem sie für einen freien Sitzplatz sorgen.

(Foto: Markus Rick / Urbanlife+)

Vernetzte Fußgängerampeln, smarte Straßenlaternen oder verstellbare Sitzbänke: Ein Pilotprojekt in Mönchengladbach will Senioren das Leben in der City einfacher machen.

Wenn es um Wohnungen geht, ist die demografische Alterung schon lange ein großes Thema: Barrierefreie Räume und digitale Assistenten sollen es älteren Menschen ermöglichen, möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu leben. Worüber aber erstaunlich selten gesprochen wird: Wie sieht es im Alter eigentlich vor der Haustür aus? "Mit Technologien, die wir bereits kennen, lässt sich auch der öffentliche Raum für Senioren in weiten Teilen barrierefrei gestalten", sagt Susanne Wallrafen von der Sozial-Holding Mönchengladbach, die dort in zwei Stadtteilen das Pilotprojekt Urban Life+ leitet. "Wir entwickeln und testen Möglichkeiten digitaler Vernetzung, die Stadtplaner nutzen können", sagt sie.

Die Mensch-Technik-Interaktion städtebaulicher Objekte steht dabei im Fokus: Ampeln können bei Bedarf Grünphasen verlängern, Straßenlaternen passen ihre Beleuchtung dem Sehvermögen der Passanten an, digitale Hinweistafeln weisen auf Gefahren an Straßenübergängen hin oder lotsen die Fußgänger entsprechend ihren körperlichen Möglichkeiten zum Zielort. Schnell erreichbare Sitzbänke werden installiert, die sich bei Höhe und Neigungswinkel den Anforderungen von Senioren anpassen.

2015 wurde das Projekt gestartet, es läuft noch bis 2020. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert Urban Life+ mit 4,8 Millionen Euro. Zwölf Partner arbeiten über die fünf Jahre zusammen und entwickeln unter der Koordination der Universität Hohenheim allgemeine Konzepte für seniorengerechte Quartiere.

Für den Feldversuch bringt Mönchengladbach die geeigneten Rahmenbedingungen mit: Laut Prognosen werden in der Stadt 2025 fast 41 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre oder älter sein. Zudem ergänzen sich die ausgewählten Stadtteile in ihrer Siedlungsstruktur: "Der Gegensatz zwischen dem urbaneren Hardterbroich-Pesch und dem eher ländlicher geprägten Rheindahlen deckt verschiedene Siedlungstypen bei Urban Life+ ab", erläutert Wallrafen. "So bekommt das Projekt Modellcharakter."

Wichtig für das Projekt ist, welche Bedürfnisse die Zielgruppe überhaupt äußert und wo Verbesserungsbedarf gesehen wird. Im Mai 2017 wurden deshalb mehr als 6000 Senioren in den beiden Stadtteilen schriftlich zu ihren Lebensumständen, außerhäuslichen Aktivitäten und zur Nutzung digitaler Technologien befragt. Mehr als 1300 Antworten kamen zurück. Das Unternehmen Topcon hat zudem die Geodaten des Wege- und Straßennetzes der Quartiere gescannt. Mit diesen Daten wird ein genaues Geländemodell geschaffen, das Aufschluss über Barrieren und Engstellen im öffentlichen Raum gibt. Die exakten Aufnahmen hierfür nahm ein Laserscanner auf, mit dem sämtliche Straßen der beiden Stadtteile abgefahren wurden. Er liefert ein millimetergenaues Abbild des Zustands aller befahrenen Straßen, Wege, Bordsteine, Höhenunterschiede und Neigungswinkel.

Die Topcon-Scans werden zusammengelegt mit Daten, die von Drees & Sommer erhoben wurden. Die Entwicklungsmanager inventarisierten das gesamte Stadtmobiliar: Bänke, Laternen und viele weitere Arten von Gegenständen wurden mit allen zugehörigen Daten aufgenommen und in geografische Informationssysteme (GIS) integriert. Als Ergebnis wird ein sogenannter Safety-Atlas als Planungsleitfaden für Stadtplaner alle wesentlichen Stadtmobiliare enthalten.

Die Daten liefern wichtige Erkenntnisse: "Wir wissen nun, wie Senioren durch bauliche Maßnahmen in Kombination mit digitalen Lösungen das Leben vereinfacht werden kann, welche Maßnahmen punktuell und welche flächendeckend umgesetzt werden können", erläutert Björn Sommer, Projektpartner bei Drees & Sommer. "So können wir Senioren etwa durch Apps um Gefahrenstellen herumführen." Bis 2020 soll eine App entwickelt werden, die Senioren etwa Hinweise gibt, welche Route für sie am besten begehbar ist. Hohe Bordsteinkanten und ungünstige Straßenübergänge ließen sich damit von vornherein vermeiden.

Auch sogenannte Beacons sollen zum Einsatz kommen: kleine Sender, die mit der Umgebung interagieren, also smartem Stadtmobiliar mitteilen, wer sich nähert und welche Bedürfnisse die Person hat. In Kombination mit der App, die Senioren auf dem Smartphone dabeihaben, kann sich die Umgebung auf individuelle Einschränkungen einzelner Personen einstellen. So arbeitet die Universität Hohenheim derzeit an einer Sitzbank, die ihre Höhe den Bedürfnissen älterer Menschen anpasst und durch die Neigung der Sitzfläche das Hinsetzen und Aufstehen erleichtert.

Ein ähnliches Prinzip entwickelt die Universität Leipzig mit der smarten Straßenlampe, die erkennt, wer sich ihr nähert, und die Intensität der Beleuchtung dem Sehvermögen anpasst. "Die App für Senioren muss auf Smartphones und Tablets leicht bedienbar sein", sagt Wallrafen. "Je seltener die bedient werden muss, desto besser." Sind persönliche Bedürfnisse oder Einschränkungen erst einmal eingegeben, soll die Informationsübertragung samt anschließender Unterstützung möglichst ohne weiteres Zutun vonstattengehen.

Ganz ohne Qualifikation der Zielgruppe geht es aber bei einigen Angeboten nicht. So sollen künftig neben Car- und Bike-Sharing auch Senioren-Scooter in das Angebot aufgenommen werden. "Diese Miet-Elektromobile über eine digitale Plattform zur Verfügung zu stellen, ermöglicht vielen eine enorme Vergrößerung des Aktivitätsradius", erläutert Wallrafen. "Vor allem jene, für die eine Anschaffung solch eines Scooters zu kostspielig wäre, profitieren von der verbesserten individuellen Mobilität, das hat positiven Einfluss auf die selbstbestimmte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben."

Um die Sicherheit für die Teilnehmer des Senioren-Scooter-Sharings zu gewährleisten, wird eine Teststrecke gebaut, auf der potenzielle Fahrerinnen und Fahrer mit ihren Angehörigen von November an üben können. Auch die smarten Straßenlampen kommen dort erstmals zum Einsatz. Im Frühjahr sollen die Scooter dann auf den Straßen zur Ausleihe bereit stehen.

"Die Resultate des Pilotprojekts Urban Life+ aus Mönchengladbach sollen als Vorbild für die Stadtplanung in verschiedensten Städten überall Gültigkeit besitzen", betont Sommer. "Mit den entwickelten Maßnahmen kann die Teilhabe am kulturellen, urbanen Leben langfristig und auch im hohen Alter ermöglicht werden, sodass ältere Menschen lange in ihrem gewohnten Umfeld bleiben und am sozialen Leben teilhaben können."