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Spezial: Nachhaltig investieren:Plötzlich grün - die neuen Ökokonzerne

Goldgräberstimmung pur: Experten prophezeien ein grünes Wirtschaftswunder. Für den Wettlauf um Aufträge haben sich deutsche Unternehmen gut positioniert.

Anja Steinbuch

Deutschland ist das Land der grünen Champions. Begünstigt von der starken Position im industriellen Sektor konnten sich in den vergangenen 20 Jahren grüne Technologien "Made in Germany" weltweit etablieren: Egal ob es dabei um erneuerbare Energien, Rohstoff- und Materialeffizienz, nachhaltige Mobilität, ökologische Wasserwirtschaft oder Entsorgung von Abfällen geht - überall mischen die Deutschen vorne mit.

Qualitätssicherung in der Ersol Solar Energy AG: Bosch hat den Solarzellenhersteller 2008 übernommen und will sich als ein weltweit führendes Solarunternehmen etablieren.

(Foto: Foto: AP)

Zwar haben Amerika und China in den vergangenen fünf Jahren kräftig aufgeholt, doch nach Einschätzung von Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin wird "Deutschland seine Wettbewerbsposition halten können. Der technologische Vorsprung und das Know-how sind beachtlich."

Beobachter bezeichnen die Umwelttechnik als Leitindustrie des 21. Jahrhunderts. Geschäfte mit Sonne, Wind und Wasser sind schon heute wichtig für deutsche Unternehmen - nicht mehr Autos, nicht die Chemie, nicht der Maschinenbau werden in Zukunft das Land prägen, sondern Solarmodule, Windräder, Wasseraufbereitungsanlagen. Grüne Technologien werden für Jobs sorgen, da sind sich die meisten Experten einig.

Kein Wunder, dass sich immer mehr Industriebetriebe ein grünes Standbein zulegen. Allen voran der Stuttgarter Technologiekonzern und weltgrößte Autozulieferer Bosch, der 2008 für mehr als eine Milliarde Euro den Thüringer Solarzellen-Hersteller Ersol kaufte und 2009 für einen dreistelligen Millionenbetrag die Mehrheit beim Brandenburger Modulproduzenten Aleo erwarb.

Trotz momentaner Umsatzflaute und starker Konkurrenz aus Asien prophezeit Holger von Hebel, Chef der Solarsparte bei Bosch, dem weltweiten Solarmarkt großes Potential. "Die Branche wird sich konsolidieren. Es werden etwa zehn große Hersteller entstehen, die mehr als die Hälfte des Marktes beherrschen werden. Bosch wird einer davon sein."

Die Schwaben haben bereits Gas gegeben: Das Geschäftsfeld "PV-Projekte" (Projekte für Photovoltaik), hat in diesem Jahr seine Aktivitäten aufgenommen und ist bereits am Bau von vier Anlagen beteiligt. So entsteht auf dem Dach des Bosch-Parkhauses, das sich direkt an Messe und Flughafen Stuttgart über die Bundesautobahn A8 erstreckt, eine 955 Kilowatt-Anlage. Weitere Solarkraftwerke werden derzeit in Erfurt, Fraureuth und Ronneburg errichtet.

Auch klassische Maschinen- und Anlagenbauer wie der Familienkonzern Voith in Heidenheim bringen grüne Technologien voran: Hierfür gründete Voith zum Beispiel mit RWE Innogy das Gemeinschaftsunternehmen Voith Hydro Ocean Current Technologies. 20 Prozent davon hält RWE Innogy.

Ziel des Joint Ventures ist, die Entwicklung, Produktion und Vermarktung der Meeresströmungstechnologie zu beschleunigen. Das von den Partnern für die kommenden Jahre zugesagte Investitionsvolumen bis zur Serienreife beträgt mehr als 30 Millionen Euro. Anfang 2010 soll ein Prototyp einer Meeresströmungsturbine zu Testzwecken vor der Küste Südkoreas installiert werden.

Weltweiter Investitionsstau

Und auch Siemens setzt mit einem gewaltigen Marketingbudget auf Geschäfte in der grünen Zukunft: Als exklusiver Werbepartner auf einer globalen Bürgermeisterkonferenz in Kopenhagen positionierten sich die Münchner als Generalunternehmen für klimafreundliche Infrastrukturlösungen in Städten. In der Tat lässt ein weltweiter Investitionsstau hier große Gewinne erwarten. Stromnetze, öffentliche Verkehrsmittel und andere kommunale Bereiche müssten den Analysen der Unternehmensberater von Booz, Allan & Hamilton zufolge schon bald weltweit nach klimafreundlichen Kriterien erneuert werden.

In den kommenden 25 Jahren werden demnach weltweit rund 27 Billionen Euro in den Ausbau von Wasser-, Elektrizitäts- und Transportsysteme investiert. Hierfür habe Siemens das passende Umweltportfolio, heißt es in München. Ein paar Beispiele: In Norwegens Hauptstadt rollt eine neue Siemens-Metro, die 30 Prozent weniger Energie schluckt als ihre Vorgängerin.

In London fahren Hybrid-Busse mit Siemens-Technologie. Ampeln in Berlin, Budapest und Wien verbrauchen durch neue LED-Leuchten 80 Prozent weniger Strom als herkömmliche Modelle. Produkte aus dem Umweltportfolio sorgten im Geschäftsjahr 2009 für einen Umsatz von rund 23 Millionen Euro.

Ein absolutes "Must"

Außerdem gehört der Konzern zu einem Dutzend namhafter Firmen, die das visionäre Projekt Desertec angestoßen haben. Mit neuer Solartechnik soll dabei die Sonne über der Sahara die Energieversorgung in Europa sichern. "Ökologisch und wirtschaftlich ist das Potential enorm", sagt Torsten Jeworrek, Vorstandsmitglied der Münchner Rück, eine der treibenden Kräfte des Projekts, dessen Kosten mit 400 Milliarden Euro beziffert werden.

Öko, Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind auch für IT-Experten keine Fremdworte mehr: Umweltkriterien in die unternehmerischen Entscheidungen einzubeziehen ist in der Branche kein "nice to have" mehr, sondern ein absolutes "must". "Grüne Trends werden in den kommenden Jahren tief greifende Auswirkungen auf die meisten Unternehmen und den öffentlichen Bereich haben", bestätigt Christa Albrecht, Expertin für nachhaltiges Management beim Software-Entwickler SAS in Heidelberg. Hier wurde das passende Programm entwickelt: Es heißt "SAS Sustainability Management".

Christa Albrecht erklärt, wie das funktioniert: "Es geht darum, Daten zu sammeln und zu analysieren, die einen Bezug zu ihren Umweltinitiativen besitzen. Auf dieser Basis werden Analysen durchgeführt und Verbesserungs- oder Einsparpotentiale aufgezeigt."

Ein Beispiel: Der britische Lebensmittelhändler Waitrose mit 190 Filialen kann mit Hilfe einer genauen Bedarfsanalyse-Software seine Supermärkte zielgenau beliefern. Seit der Einführung dieses Systems konnten die Läden ihre Vorratshaltung um mindestens acht Prozent verringern und die Abfallmengen um bis zu vier Prozent senken. Vertriebsspezialist Gail Raimond von Waitrose: "Wir konnten in unseren Filialen die Produktivität, die Effizienz und die Gewinne steigern."

© sueddeutsche.de/mel

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