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Soziale Brennpunkte:Stadtviertel auf der Kippe

Bleiben Minderheiten sich selbst überlassen, droht das Abrutschen ganzer Stadtteile in Armut und Perspektivlosigkeit. Auch eigentlich beschauliche Städte sind betroffen.

Dietrich Mittler, Mike Szymanski und Christoph Hickmann

An das vergangene Jahr denkt Thomas Adami von der Polizeiinspektion Bad Aibling mit Schrecken zurück: Schlägereien und Vandalismus durch Russlanddeutsche waren an der Tagesordnung. Um der Lage überhaupt noch Herr zu werden, mussten die Beamten oft die Unterstützung der Bereitschaftspolizei anfordern.

Strukturschwache Viertel wie hier das Münchner Hasenbergl werden oft zu sozialen Brennpunkten. Die Kommunen versuchen, entgegenzuwirken.

(Foto: Foto: Martin Hangen)

"Seit einem Jahr haben wir Ruhe", sagt Adami. Das entschlossene Auftreten der Polizei im Kreis Rosenheim trug zwar viel zur Befriedung der explosiven Situation bei, doch die Sicherheitskräfte taten mehr: Zum Beispiel luden sie die jungen Russlanddeutschen zu Gesprächen ein.

Bilder von Krawallen, wie sie nun täglich aus Frankreich in den Fernsehnachrichten zu sehen sind, werden im Kreis Rosenheim wohl kaum mehr zur Nachahmung animieren. Aus dem bayerischen Sozialministerium, wo die Gefahr von Jugendkrawallen Gesprächsthema war, hieß es: "In Frankreich wurden die Einwanderer völlig sich selbst überlassen - mit allen ihren Problemen. Dort hat der Staat nicht nur eine Ghettobildung zugelassen, sondern sich sogar gleich völlig zurückgezogen. Das wäre in Bayern undenkbar."

Problemviertel gibt es überall

Diesen Optimismus mag man beim Bayerischen Städtetag indes nicht teilen: "Der Funke springt sehr leicht über." An sozialen Brennpunkten mangele es auch in Bayern nicht: Ingolstadt, Augsburg, München, Nürnberg - alle diese Städte hätten ihre Problemviertel.

Im Nordwesten Ingolstadts zum Beispiel, in dem ein Drittel aller Sozialhilfe-Empfänger der Stadt lebt, beträgt der Anteil der Ausländer gut 30 Prozent. Darunter sind viele Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Sozialarbeiter Robert Dietl stellt im Kontakt mit den jungen Aussiedlern oft "Frust und Perspektivlosigkeit" fest - aber auch "ein anderes Verhältnis zur Gewalt". Nach Angaben der Polizei gibt es in Ingolstadt einen harten Kern von 36 jugendlichen Mehrfachtätern, 14 von ihnen sind Spätaussiedler.

Über zehn Prozent Spätaussiedler

Auch Augsburg hat mit der Integration von Aussiedlern zu kämpfen. Etwa 30.000 Russlanddeutsche leben in der Stadt mit 260000 Einwohnern - überdurchschnittlich viele. Sozialreferent Konrad Hummel macht kein Geheimnis daraus, dass sich in seiner Stadt längst Parallelgesellschaften herausgebildet haben.

Doch der Frust über schlechtere Chancen etwa in der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt äußert sich weniger in einer Explosion der Gewalt, wie derzeit in Frankreich, sondern in einem nicht minder gefährlich inneren Rückzug. Suizide oder Suchtkarrieren seien mindestens ebenso deutlich Anzeichen zunehmender Perspektivlosigkeit. "In Deutschland erleben wir eher eine Implosion als eine Explosion", sagt er.

Eigeninitiative fördern

Wie Bad Aibling und Ingolstadt habe auch Augsburg bereits auf diese Probleme reagiert. Annähernd eine Million Euro, aus verschiedensten Quellen kommt das Geld, wird heute jährlich in Integrationsarbeit investiert. Dabei setzt Hummel verstärkt auf Angebote, die die Eigeninitiative der Aussiedler stärken.

"Ein Jugendzentrum, das die Besucher selbst gestrichen haben, werden sie nicht anzünden", sagt Hummel. Aber er macht sich nichts vor: "Wir bewegen uns auf dünnem Eis." Aus München klingt es ähnlich: "Ich hoffe, dass man hier die Warnsignale aus Frankreich richtig interpretiert", sagt Cumali Naz, Vorsitzender des Münchner Ausländerbeirats. Zwar habe es in München bisher nie Ausschreitungen wie in Frankreich gegeben. "Aber soziale Spannungen und Defizite in der Integration haben wir hier auch."

Brennpunkte Hasenbergl und Neuperlach

So gälten einige Stadtteile seit Jahren als Brennpunkte, etwa Hasenbergl und Neuperlach. Außerdem sei in der gesamtem Stadt die Arbeitslosigkeit unter ausländischen Jugendlichen doppelt so hoch wie unter deutschen Gleichaltrigen. Die bayernweiten Zahlen stimmen wenig optimistisch: Für den Juni 2005 melde die Arbeitsagentur in Bayern 63441 junge Arbeitslose unter 25 Jahren - davon haben 9002 einen "Migrationshintergrund".

Karin Fleissner vom Bayerischen Jugendring ist froh, dass anders als in Frankreich die Kommunen für die Beratungsstellen von sozial schwachen Jugendlichen zuständig sind. "Die sind näher dran an den Problemkindern", sagt sie.

Wie segensreich diese Nähe ist, zeigt etwa das Beispiel des 20-jährigen Raimond, der mit seinen Eltern von Rumänien nach Deutschland kam. Wegen Körperverletzung hatte er mehrmals Probleme mit der Polizei. Bis er sich mit Hilfe des Augsburger Projekts "Turningpoint" ins Arbeitsleben integrieren konnte. Jetzt sagt er: "Auf Schlägereien hab' ich keine Lust mehr."

© SZ vom 08.11.05
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