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Solarthermie:Wärme vom Dach

Wer eine Solarthermie-Anlage installiert, erhält Unterstützung vom Staat.

(Foto: Tom Pischell/BDH/OH)

Das Interesse an Solarthermie-Anlagen wächst. Das liegt an der verbesserten Förderung durch den Staat und am technologischen Fortschritt. Aber es gibt auch noch einen ganz anderen Grund.

Von Ralph Diermann

Wer einmal mehrere Tage fern der Zivilisation mit Zelt und Rucksack unterwegs war, möchte die schwarzen Kunststoffsäcke mit dem kleinen Duschkopf nicht mehr missen. Mit Wasser gefüllt und an einen starken Ast in die Sonne gehängt, verschaffen sie dem müden Wanderer auch in der tiefsten Wildnis den Luxus einer warmen Dusche. Dank der dunklen Beschichtung erwärmt sich das Wasser im Sack schnell - ein Vergnügen, das kein noch so prachtvolles Spa dieser Welt bieten kann.

Dabei lässt sich auch im heimischen Badezimmer mit Sonnenwärme duschen - was natürlich deutlich weniger spektakulär ist. Solarthermie-Kollektoren funktionieren nach dem gleichen Prinzip wie die Freiluft-Duschen: Dunkel gefärbte Absorber aus Kupfer oder Aluminium auf dem Dach nehmen Sonnenwärme auf und erhitzen damit eine Wärmeträger-Flüssigkeit. Mithilfe von Wärmetauschern wird die Wärme in einen mit Wasser gefüllten Speicher übertragen. Dort steht sie dann zur Verfügung, um Trinkwasser zu erhitzen oder, bei größeren Solarthermie-Anlagen, zusätzlich auch die Heizungsanlage zu unterstützen.

"Ganz auf einen Heizkessel können Haushalte damit nicht verzichten", erklärt Joachim Berner, Herausgeber des "Solarthermie-Jahrbuchs". Die Anlagen helfen ihnen aber, Brennstoffe einzusparen. "In den Sommermonaten sind sie oft in der Lage, die Wärmeversorgung allein zu übernehmen. Der Gas- oder Ölkessel kann dann ausgeschaltet bleiben", erklärt der Experte.

In den Sommermonaten können die Anlagen die Wärmeversorgung oft allein übernehmen

Kein Wunder also, dass die Solarthermie bislang immer dann stark nachgefragt war, wenn die Preise für Heizöl und Erdgas in die Höhe schossen. Das war zwischen 2010 und 2014 der Fall; mehr als 100 000 Solarthermie-Anlagen wurden in dieser Zeit jährlich neu installiert. Seitdem ist die Zahl stetig gefallen, auf nur noch rund 40 000 in 2019. Ein Alarmsignal für die Politik - schließlich ist die Nutzung erneuerbarer Energien in der Wärmeversorgung einer der stärksten Hebel, die CO₂-Emissionen von Gebäuden zu reduzieren. Deshalb hat die Bundesregierung zu Beginn dieses Jahres die Förderung der Solarthermie wie auch von Wärmepumpen und Holzheizungen deutlich erhöht.

Insgesamt 30 Prozent aller Kosten einschließlich Planung und Montage übernimmt der Bund, wenn ein Gebäudebesitzer nachträglich eine Solarthermie-Anlage installiert. Fünf Prozentpunkte mehr gibt es für Eigentümer, die in diesem Zuge auch gleich ihre Gasheizung durch eine Wärmepumpe oder eine Biomasse-Anlage ersetzen. Und wer seinen Ölkessel demontiert und dafür eine Erneuerbare-Energien-Heizung - also zum Beispiel einen Holzpelletkessel und eine Solarthermie-Anlage - installiert, bekommt gar einen Zuschuss von 45 Prozent. Für Bauherren fällt das Förderangebot dagegen deutlich knapper aus. Geld vom Staat gibt es nur für Neubauten mit mindestens drei Wohneinheiten sowie für Einfamilienhäuser, die mehr als 50 Prozent ihres Energiebedarfs durch die Sonne decken.

Allerdings ist die Kilowattstunde Sonnenwärme auch mit der Förderung immer noch teurer als die Heizenergie, die Gas- oder Ölkessel produzieren. Die Investition in eine Solarthermie-Anlage macht sich aber in der Regel trotzdem bezahlt, meint Berner. "Die Anlagen rentieren sich im Laufe ihrer Lebenszeit", erklärt er. Zumal Erdgas und Heizöl mit Einführung eines stetig steigenden CO₂-Preises für fossile Brennstoffe ab 2021 laufend teurer werden. "Damit rückt der Zeitpunkt der Amortisation einer Solarthermie-Anlage immer weiter nach vorne", sagt Berner. Ein Risiko gehen Hausbesitzer dabei nicht ein, da die Betriebskosten der Solarthermie nahe null liegen.

"Neben dem Klimaschutz ging es uns vor allem darum, die Mieter bei den Nebenkosten zu entlasten."

Die verbesserte Förderung und der Beschluss über die CO₂-Abgabe haben das Interesse an der Technologie stark steigen lassen, erklärt der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW). Den gleichen Eindruck hat Martin Brandes, Referent der Energieberatung der Verbraucherzentrale. "In der persönlichen und telefonischen Beratung zur Solarthermie haben sich die Fallzahlen im Zeitraum Januar bis Mai 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt", berichtet Brandis aus der Beratungspraxis der Verbraucherschützer. Auch freie Energieberater melden deutlich mehr Anfragen zur Solarthermie.

Während die Technologie früher vor allem im Neubau eingesetzt wurde, führt die neue Förderung dazu, dass nun vermehrt auch Bestandsgebäude mit Anlagen ausgestattet werden. Einen Gas- oder Ölkessel nachträglich um eine Solarthermie-Anlage zu erweitern, ist technisch in der Regel kein Problem, sagt Brandis - aber nicht immer sinnvoll. So lohne sich der Aufwand nur, wenn der bestehende Heizkessel effizient arbeitet. Auf jeden Fall sollte dann aber auch ein hydraulischer Abgleich der Heizungsanlage vorgenommen werden. Ist der Kessel schon älter, rät Brandis dazu, gleich eine ganz neue Heizung zu installieren. Eine weitere Bedingung ist, dass das Warmwasser im Haus nicht über Durchlauferhitzer, sondern zentral über die Heizung bereitet wird. Und: Der Bedarf an Warmwasser sollte nicht zu gering sein. "Für einen Single, der nur selten zu Hause ist, oder ein Pärchen, das extrem sparsam mit Warmwasser umgeht, ist eine thermische Solar-Anlage nicht zu empfehlen, weil sie die bereitgestellte Sonnenenergie gar nicht im vollen Maße nutzen können", sagt der Energieberater.

Neben der neuen Förderung sorgen auch technische Fortschritte dafür, dass die Solarthermie attraktiver geworden ist. Nicht bei den Kollektoren auf dem Dach - "sie arbeiten schon heute sehr effizient, da gibt es physikalisch praktisch keinen Spielraum für Verbesserungen mehr", sagt Joachim Berner. Wohl aber bei der Steuerung der Systeme: Moderne Regler stimmen Heizkessel und Solarthermie-Anlage genau aufeinander ab. Dabei hat die Solarthermie immer Vorrang. "Oft nutzen die Regler dafür auch Wetterprognosen. Wenn zum Beispiel morgens absehbar ist, dass es tagsüber sonnig wird, und nur noch wenig Restwärme im Speicher ist, dann unterbinden sie, dass der Heizkessel vorsorglich nachheizt", erläutert der Experte. Manche Hersteller arbeiten gar daran, künstliche Intelligenz einzusetzen, um die Systeme vorausschauend zu regeln. All das trägt dazu bei, möglichst viel vom Wärmebedarf der Bewohner durch die Sonnenenergie zu decken.

Auch bei den Speichern ist in den vergangenen Jahren viel passiert. Die meisten Systeme speisen die Sonnenwärme heute geschichtet in die Speicher, sodass sich dort unterschiedliche Temperaturzonen bilden. Dadurch hält der Speicher, eine ausreichende Sonneneinstrahlung vorausgesetzt, immer eine gewisse Menge an sehr warmem Wasser bereit. Das entlastet den Heizkessel.

Meist sind es Besitzer selbst genutzter Einfamilienhäuser, die sich Solarthermie-Kollektoren auf das Dach schrauben. In Mehrparteien-Mietshäusern sind die Anlagen noch die Ausnahme. Das liegt unter anderem am sogenannten Investor-Nutzer-Dilemma: Die Eigentümer müssten investieren, ohne selbst von der Sonnenwärme profitieren zu können. Die wenigen Anlagen finden sich überwiegend auf Häusern, die im Besitz gemeinnütziger Wohnungsbaugesellschaften sind. Eine davon ist der Bauverein Giesing. Die traditionsreiche Genossenschaft hat in dem Münchner Stadtteil auf einem Gebäude mit 55 Wohnungen insgesamt 93 Quadratmeter Kollektorfläche installiert. Damit können die Bewohner auf das Jahr gerechnet etwa neun Prozent ihres Wärmebedarfs decken. "Neben dem Klimaschutz ging es uns vor allem darum, die Mieter bei den Nebenkosten zu entlasten", sagt Martin Leopold, Geschäftsführer der Genossenschaft. Mit der Montage der Solarthermie-Anlage hat der Bauverein Giesing zugleich einen alten Öl- durch einen modernen Gaskessel ersetzt und die Fassade gedämmt. Die Miete steigt aber nur geringfügig, weil Modernisierungen innerhalb der Genossenschaft quersubventioniert werden. Gerne würde der Bauverein noch weitere Häuser mit Solarthermie ausstatten. "Leider ist es nur auf wenigen Dächern möglich, Kollektoren zu installieren, weil es wegen Gauben und Schornsteinen an Flächen fehlt", sagt Leopold. "Auf Bestandsbauten wie den unsrigen ist das Potenzial der Solarthermie einfach begrenzt."

© SZ vom 01.08.2020

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