Solarthermie Himmlische Energie

Rauf aufs Dach: Wo die Sonne scheint, lässt sich deren Energie auch nutzen - meistens jedenfalls, denn nicht jedes Hausdach verträgt die zusätzliche Last. Solarthermie wird im privaten Bereich vorrangig im Rahmen der Gebäudeheizung und -klimatisierung genutzt.

(Foto: Rainer Weisflog/imago)

Das Heizen mit Sonnenwärme hat in den vergangenen Monaten stark an Attraktivität verloren. Eine höhere staatliche Förderung sollte die Nachfrage ankurbeln, doch der Effekt ist schon wieder verpufft.

Von Ralph Diermann

Die Architekten Renzo Piano und Richard Rogers haben es mit ihrem Pariser Centre Pompidou vorgemacht - Leitungen und Lüftungen, Anlagen und Rohre können attraktive Gestaltungsmittel sein. Ein Prinzip, das sich auch im Wohnungsbau anwenden lässt, wie das Dreiparteienhaus der Familie Schuster im Münchner Vorort Oberschleißheim zeigt: Das Treppenhaus wird von einem riesigen Wassertank dominiert, der als Speicher für Heizwärme dient. Der mit Glasbausteinen verkleidete, massige Stahlzylinder setzt einen kräftigen ästhetischen Akzent.

Mindestens genauso interessant ist jedoch das Energiekonzept, das mit dem Speicher verknüpft ist. Die Bauherren setzen voll auf die Sonne: Neben Fotovoltaikmodulen haben sie auf dem Dach eine 45 Quadratmeter große Solarthermieanlage installiert. Sie deckt den jährlichen Heizwärmebedarf der Haushalte zu sechzig Prozent. Den Rest übernimmt ein Gas-Brennwertkessel. "Süddächer sollten konsequent Energiedächer sein", ist Gerd Schuster überzeugt. Der Speicher nimmt die Sonnenwärme aus den Kollektoren auf und gibt sie in den Heizkreislauf ab, wenn die Bewohner sie benötigen. "Die Idee, lokal erzeugte Energie mit einfachen Mitteln lokal zu speichern, gefiel mir sofort. Wasserspeicher sind als Wärmespeicher robust und langlebig", sagt der Bauherr.

Solarthermieanlagen funktionieren im Grunde genauso wie Camping-Duschen, bei denen die Sonne Wasser in einem schwarzen Plastiksack auf angenehme Temperaturen bringt. Durch die mit einer dunklen, die Sonnenwärme absorbierenden Beschichtung überzogenen Kollektoren fließt ein Wasser-Glykol-Gemisch, das frostsicher ist und nicht so schnell siedet. Ein Wärmetauscher überträgt die Energie in den Speicher. Kleinere Anlagen sind darauf ausgelegt, das Trink- und Brauchwasser zu erwärmen, größere liefern zusätzlich Wärme für die Heizung.

"Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus reicht eine Kollektorfläche von vier bis sechs Quadratmetern, wenn nur das Brauchwasser erwärmt werden soll. Ist auch eine Heizungsunterstützung vorgesehen, sollte mit bis zu fünfzehn Quadratmetern kalkuliert werden", rät Lothar Breidenbach vom Heiztechnik-Branchenverband BDH. Anlagen dieser Größe mindern den Erdgas-, Heizöl-, oder Holzpelletbedarf der Haushalte um etwa 20 bis 25 Prozent.

Dank ihrer Null-CO₂-Bilanz eignet sich die Solarthermie bestens, um Gebäude klimafreundlicher zu machen. Doch das Interesse an der Technologie nimmt seit Jahren ab. Wurden im Rekordjahr 2008 Kollektoren mit einer Gesamtfläche von 2,1 Millionen Quadratmetern installiert, waren es 2015 laut Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) nur noch gut 800 000 Quadratmeter. Wichtigster Grund für diesen Rückgang ist der Preisverfall bei Erdgas und Heizöl. Mit Kosten von zehn bis zwanzig Cent pro Kilowattstunde Wärme war die Solarthermie schon immer teurer als die fossilen Brennstoffe. Doch mit dem jüngsten Preisrutsch - Heizöl kostet derzeit nur noch rund fünf Cent pro Kilowattstunde, Erdgas etwa sechs Cent - öffnet sich die Schere zwischen solarer und fossiler Energie noch weiter.

Warum ist die Ökowärme eigentlich so teuer, wenn doch die Sonne gratis scheint?

Unter dem billigen Erdgas und Heizöl leiden auch Wärmepumpen und Holzkessel. Deren Absatz ging zuletzt ebenfalls zurück. Die Bundesregierung hat die Förderung von Erneuerbare-Energien-Heizungen daher 2015 stark erhöht. Solarthermieanlagen zur Heizungsunterstützung werden jetzt vom zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) mit 2000 Euro und mehr subventioniert. Für Systeme zur Warmwasserbereitung gibt es mindestens 500 Euro. Zudem können Eigentümer seit Jahresbeginn unter bestimmten Bedingungen zusätzlich Fördermittel aus dem Anreizprogramm Energieeffizienz in Anspruch nehmen. Auch für Wärmepumpen und Holzkessel stehen die Bafa-Mittel zur Verfügung.

Zunächst zeigte die Initiative Wirkung: Zwischen November 2015 und März 2016 wurden sieben Prozent mehr Kollektoren verkauft als im Vorjahreszeitraum, melden die Solar- und Heiztechnik-Branchenverbände. Doch der Effekt ist bereits verpufft, wie neue Zahlen des Bafa belegen. Dort sind zwischen Mai und Juli deutlich weniger Anträge auf Förderung von Solarthermie-Anlagen eingegangen als im Vorjahr. Auch die Verschärfung der Energieeinsparverordnung (EnEV) zu Jahresbeginn konnte der Technologie keinen Auftrieb geben. Die Verordnung setzt Bauherren enge Grenzen für den Primärenergiebedarf ihrer Immobilien. Bei dessen Berechnung schneiden erneuerbare Energien viel besser ab als fossile Brennstoffe - was der Solarthermie bisher aber nichts genutzt hat.

Warum ist die Ökowärme eigentlich so teuer, wenn doch die Sonne gratis vom Himmel scheint? Ein zentraler Grund liegt in der aufwendigen Montage. Daher ist die solare Heizenergie viel günstiger, wenn sie in Großanlagen produziert und in ein Fern- oder Nahwärmenetz geleitet wird. Der Installationsaufwand ist hier gemessen an der Leistung erheblich geringer als bei Anlagen auf Hausdächern. Zudem kommen solche Systeme oft ohne Speicher aus. "Die Erzeugungskosten von solarer Fernwärme liegen vielfach unter fünf Cent pro Kilowattstunde", sagt BSW-Geschäftsführer Carsten Körnig.

Allerdings wird das Potenzial der Sonnenenergie für Wärmenetze in Deutschland bisher kaum genutzt. Eine der wenigen Großanlagen findet sich in Brannenburg bei Rosenheim: Dort hat der lokale Versorger Innergie zusammen mit einem Bauträger vor Kurzem ein 500 Quadratmeter großes Solarsystem errichtet, das Energie für das Wärmenetz eines neuen Ortsteils auf dem ehemaligen Kasernengelände der Stadt produziert. Noch größer ist die Anlage, die die Stadtwerke aus dem brandenburgischen Senftenberg derzeit auf einer rekultivierten Mülldeponie installieren lassen - die Kollektoren haben eine Gesamtfläche von 8300 Quadratmetern. Auf solche Großanlagen setzt Dänemark schon lange. Nach Angaben des Forschungsinstituts Solites wurden dort allein in den vergangenen fünf Jahren fast 250 Systeme dieser Art installiert. Zahlreiche weitere sind in Planung.