Société Générale: Der Fall Kerviel Einmal Elch, immer Elch

Kerviel weiß, dass es eng wird für ihn. Vor drei Wochen bäumte er sich noch einmal auf, veröffentlichte ein Buch und gab französischen Medien Interviews. Er beteuerte, während des Prozesses zur Moralisierung der Märkte beitragen zu wollen und bekundete Mitleid für Unternehmen, die er an den Rand des Ruins spekuliert habe. "Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche", reimt der Volksmund über solche Sinneswandel.

Bei der Société Générale will niemand etwas von Kerviels illegalen Geschäften gewusst haben.

(Foto: afp)

Im Prozess geht es gar nicht um "die" Finanzmärkte. Angeklagt ist Kerviel ganz profan der Fälschung von Dokumenten, des Vertrauensmissbrauchs und des widerrechtlichen Eindringens in ein Computersystem. Bis zu fünf Jahre Haft drohen ihm und eine Geldstrafe von 375.000 Euro.

Drei Wochen dauert das Verfahren, voraussichtlich im September fällt das Urteil. Und vielleicht gibt es doch eine Überraschung.

Kalkuliertes Wegschauen

Denn viele Fragen sind bislang unbeantwortet geblieben. Eine der wichtigsten lautet: Kann ein Einzelner über Monate hinweg eine ganze Armada von Kontrolleuren hinters Licht führen? Stimmt es nicht doch, dass um ihn herum alle bestens informiert waren und die windigen Geschäfte duldeten, wenn nicht sogar guthießen, weil sie selber auf einen Super-Bonus hofften, den Kerviels Tricks auch ihnen versprach? Inwieweit also handelten seine Vorgesetzten möglicherweise mit Vorsatz oder zumindest fahrlässig?

An diesem Punkt will Olivier Metzner, der Staranwalt, der Kerviel vertritt, ansetzen. Von den gut 40 Zeugen hat er allein zwei Drittel geladen. "500 Personen in der Bank konnten die von Jérôme Kerviel getätigten Geschäfte einsehen und prüfen, aber niemand wollte eingreifen", sagte Metzner der Süddeutschen Zeitung. Wie bewusst und kalkuliert das Wegschauen gewesen sei, würden neue Dokumente belegen, die er während des Prozesses vorlegen will.

1,5 Milliarden plus Zinsen

"Unter den fiktiven Geschäften, die Jérôme tätigte, fällt vor allem eine Operation ins Auge, die vermuten lässt, er habe fünf Prozent des Kapitals der Deutschen Bank gekauft. Die Société Générale aber gibt vor, nicht gesehen zu haben, dass es sich um fiktive Geschäfte gehandelt hat. Sie gibt damit also vor, ernsthaft geglaubt zu haben, Jérôme Kerviel habe allein fast fünf Prozent seines Konkurrenten gekauft? Das ist undenkbar."

Metzner will auch beweisen, dass die Bank von dem extrem hohen Gewinn von 1,5 Milliarden Euro gewusst habe, die Kerviel zum Jahresabschluss 2007 gemacht hatte. "Dieser Gewinn fand sich sehr wohl auf den Konten der Bank wieder und er warf Zinsen für die Bank ab", sagt Metzner. Der Anwalt will deswegen auf Freispruch plädieren.