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Société Générale: Der Fall Kerviel:Das Säuseln der Spekulanten

Milliardenspekulant Jérôme Kerviel erzählte einem Börsenmakler alles über seine windigen Deals. Noch ist nicht klar, ob der Mann an den Geschäften beteiligt war.

Der Chat der beiden Banker liest sich wie ein Psychogramm eines Menschen kurz vor seinem Kollaps. Am 11. Oktober 2007 mailte Jérôme Kerviel seinem Freund und Börsenmakler Moussa Bakir: "Du hast doch nichts über unsere Geschäfte erzählt, oder? Sonst mach' ich dich platt." Darauf chattet Bakir zurück: "Hast du sie noch alle? Das bleibt zwischen dir und mir." Die Mail zeigt: Bakir wusste von den krummen Geschäften Kerviels, die die Société Générale (SocGen) fast fünf Milliarden Euro kosteten. Er fieberte mit Kerviel mit.

Milliardenspekulant Jérôme Kerviel - sein Freund Moussa Bakir wollte ihn beruhigen: "Sei nicht so negativ. Konzentriere dich auf den Markt."

(Foto: Foto: AFP)

Am 13. Dezember rät Bakir seinem Geschäftspartner: "Du brauchst unbedingt Urlaub." "Im Knast", antwortet Kerviel darauf ebenso lakonisch wie weitsichtig. Er sitzt inzwischen in der Prominenten-Abteilung des Pariser Gefängnis Santé ein. "Blödsinn", schreibt Bakir ihm zurück. "Was hast Du schon Schlimmes gemacht? Du hast niemanden vergewaltigt. Juristisch gesehen, hast du nicht illegal gehandelt.

Die beiden Freunde schreiben sich im französischen Slang, für den es im Deutschen keine Entsprechung gibt: "Chui" heißt "Je suis" (Ich bin), "G" steht für "J'ai" (Ich habe) und "C" für "C'est" (Das ist). Wie die Kids in der Banlieue verdrehen die beiden Banker auch einzelne Wörter: "fou" (verrückt) heißt dann "ouf".

Freund, Kollege - aber wohl kein Komplize

Die auf der Internetseite vom Nouvel Observateur veröffentlichten Mails zeigen: Börsenmakler Moussa Bakir, 32, war ein Freund, ein Kollege, aber nach gegenwärtigem Erkenntnisstand der Ermittler kein Komplize von Kerviel. Bakirs wahre Rolle in dem Milliardenskandal wird sich aber erst in den kommenden Wochen zeigen, sind Experten wie der Pariser Anwalt Christopher Mesnooh überzeugt. Vorerst machte die Staatsanwaltschaft den Broker zu einem "témoin assisté". Damit ist er halb Zeuge, halb Verdächtiger. In den kommenden Tagen wollen ihn die Ermittler noch einmal vernehmen.

Seiner Arbeit beim Brokerhaus Newedge auf den Champs-Elysées kann er solange nicht nachgehen. Newedge ist ein neues Unternehmen, das aus der Fusion der ehemaligen SocGen-Tochter Fimat und einer Crédit-Agricole-Tochter entstand. Bakir arbeitete für Fimat, ein Brokerhaus, über das Kerviel viele seiner Termingeschäfte abwickelte. Dass Bakir mit Kerviel Geschäfte abschloss, steht fest. Dass er auch in den Skandal verwickelt ist, konnten die Ermittler bislang nicht nachweisen. Bakir zeigte sich ihnen gegenüber im Gegensatz zu Kerviel nicht besonders gesprächig. Sein Anwalt beharrt darauf, dass alles korrekt gelaufen sei und die Vorgesetzten von den Vorgängen gewusst haben.