Social Trading Wie Facebook - nur mit Geld

Gefällt mir: Auf Seiten wie eToro, Wikifolio oder Ayondo legen Nutzer ihre Anlageentscheidungen offen, andere können ihre Strategie einfach kopieren.

  • Auf Social-Trading-Seiten legen Nutzer ihre Anlagestrategien offen. Andere können ihnen folgen und damit ihr eigenes Geld auf identische Weise investieren.
  • Damit sind auch für Börsenneulinge hohe Gewinne möglich - aber auch Totalverluste.
Von Vivien Timmler

Wenn Christian Wittig morgens einen ersten Blick auf die Aktienkurse wirft, sitzt er in Trainingshose im Sportstudio. Das Frankfurter Bankenviertel mit seinen verglasten Türmen voller Anzugträger ist nicht seine Welt. Er ist Fitnesstrainer, aber das weiß kaum einer der knapp 1300 Menschen, die ihm aktuell ihr Geld anvertrauen. Denn im Internet ist der 33-Jährige ein Anleger-Idol.

Unter dem Pseudonym "Running-Chris" handelt er auf der Social-Trading-Plattform eToro mit Aktien. Das Portal ist eine Art Facebook für private Investoren, mit dem winzigen Unterschied, dass die Nutzer dort nicht Fotos und Statusmeldungen mit anderen Nutzern teilen, sondern ihre Anlagestrategien. Handelsportfolio, Risikobewertung, die Statistiken der letzten Wochen und Monate - auf eToro wird jeder Nutzer zum gläsernen Anleger. Alle Investitionen sind vollkommen transparent, denn darauf basiert das Konzept des Social Trading: Auch unerfahrene Anleger sollen auf den Plattformen handeln und dabei von den Erfahrungen anderer Nutzer profitieren können.

Die Strategie der anderen mit einem Klick im eigenen Depot

Die ersten Portale wurden kurz nach Ausbruch der Finanzkrise gegründet. Viele Anleger hatten das Vertrauen in die Märkte verloren und wollten ihr Vermögen lieber selbst verwalten, als es bei einem Fonds zu parken. Die Plattformen gaben ihnen die Möglichkeit, von der Schwarmintelligenz vieler Nutzer zu profitieren. Heute dominieren eine Handvoll Portale den Markt. In Deutschland sind es neben Weltmarktführer eToro, der weltweit 4,5 Millionen Nutzer hat, die Portale Wikifolio und Ayondo. Alle drei haben eins gemeinsam: die Kopierfunktion. Mit nur einem Klick kann ein Nutzer die Anlagestrategie eines anderen Nutzers duplizieren und auf das eigene Depot übertragen. Ab dann läuft alles per Autopilot. So kann selbst jener Anleger, der von Aktiengeschäften eigentlich keine Ahnung hat, beachtliche Profite erwirtschaften. Im Gegenzug bekommen erfolgreiche und viel kopierte Anleger eine Provision von den Plattformen ausgezahlt - auch für sie lohnt sich das Geschäft also.

Finanzexperten warnen jedoch davor, Anlegern zu schnell Vertrauen zu schenken. Denn jede Anlagestrategie birgt Risiken. Gerade wenn in Aktien investiert wird, kann der Anleger viel Geld verlieren. "Die Eintrittsbarrieren sind für Nutzer extrem niedrig", sagt Philipp Doering vom Lehrstuhl für Finanzierung und Kreditwesen der Universität Bochum. "Die einzige Voraussetzung ist ein Internetanschluss. Spezielle Qualifikationen werden bei der Anmeldung nie abgefragt."

Algorithmen sollen das Risiko transparent machen

Stattdessen behelfen sich die Portale mit einem sogenannten Risiko-Ranking: Ein Algorithmus errechnet aus den Schwankungen der Märkte, in die ein Nutzer investiert, und dem Anteil des Eigenkapitals, das pro Aktion investiert wird, eine Risikostufe. Die Skala reicht von eins bis zehn. Eins: zu niedrig, um wirkliche Gewinne zu machen. Zehn: ganz schön gewagt.

Bei Running-Chris steht eine grüne Drei neben seinem Nutzernamen. Sie suggeriert zwar ein relativ niedriges Risiko, trotzdem fuhr er damit in den ersten Monaten wahnsinnige Renditen ein. Erst 45, dann 38, schließlich sogar knapp 50 Prozent. Zum Vergleich: Legt man sein Geld heute auf einem Tageskonto an, gibt es maximal ein Prozent - in einem Jahr.

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Zunächst setzte Christian Wittig auch mal auf fallende Kurse, ging höhere Risiken ein. Jetzt ist er vorsichtiger geworden. "Je mehr Leute mich kopieren, desto mehr Verantwortung spüre ich auch", sagt er, "schließlich trade ich ja jetzt nicht mehr nur für mich, sondern verwalte auch das Kapital anderer Leute."

"Man überschätzt sich schnell maßlos"

Über so etwas muss sich der 23-jährige Student Tobias Schürgers keine Gedanken machen. Sein Konto ist mit einer schwarzen Zehn versehen, der höchsten Risikostufe. eToro hat für Trader mit einem so hohem Risiko die Kopierfunktion gesperrt, um unerfahrene Anleger zu schützen. "Pipstar", wie Schürgers auf der Plattform heißt, kann das durchaus nachvollziehen, denn für ihn ist eToro so etwas wie ein Spiel, sagt er. "Wenn du Börsenereignisse vorhersagt und die dann eintreten, ist das eine grandiose Selbstbestätigung. Aber klar, man überschätzt sich schnell maßlos." Jeden Tag eine Position zu eröffnen, wie es viele Bekannte von ihm täten, sei nichts anderes als Lotto und könne das eigene Depot schnell komplett vernichten - und das der Kopierer gleich mit.

Früher oder später irrt sich aber auch jeder Top-Trader mal. Wie viel Können und wie viel Glück hinter einer guten Performance steht und wem man wirklich vertrauen kann, ist schwer einzuschätzen. Aus diesem Grund ist Social Trading für die meisten Menschen auch keine ernsthafte Alternative zu den traditionellen Anlageformen. Zu hoch ist das Risiko, zu gering sind die Sicherheiten. Am ehesten vergleichbar seien die Portale wohl mit Hedge- oder Investmentfonds, sagt Finanzexperte Doering, auch wenn die Investitionssumme auf den Portalen mit 400 Millionen Euro deutlich geringer ist. "Der riesige Vorteil von Social Trading ist einfach die Möglichkeit, in Echtzeit auf die Aktionen des Traders zu reagieren", sagt er. Sobald ein Nutzer merkt, dass der von ihm kopierte Trader grade eine schlechte Phase hat oder Aktien kauft, die er selbst nicht für richtig hält, kann er sich mit nur einem Klick von ihm trennen und sich nach anderen Tradern umschauen. Für die Zukunft der Portale wird mitentscheidend sein, ob auch institutionelle Anbieter zu den bislang mehrheitlich privaten Anlegern hinzukommen. Und bis dahin wird die Frage, ob jemand auf Social-Trading-Portalen investiert, eine Frage der Risikofreude bleiben.

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