Singapur Auf gute Nachbarschaft

In Singapur treffen viele soziale Gruppen aufeinander, doch eine rigide Stadtplanung verhindert Ghettobildung. Fraglich ist, ob das auch in Deutschland funktionieren würde.

Von Marcel Grzanna

Der Duft von Erdnuss-Satay zieht von links durch die Luft, von rechts weht eine Brise geröstete Soja-Ente heran, und der frische Koriander steigt aus der Suppenschale in die Nase. Der intensive Mix aus exotischen Düften wird im Hawker Center unweit des Rochor Canal in Singapur akustisch untermalt von einem Konzert asiatischer Sprachen und dem eckigen Klang des indischen Englisch. Hier kommt vieles zusammen, was den Charakter der Millionenmetropole am Äquator ausmacht: ihre Ethnien, wohlhabende Menschen, arme Schlucker, ihre Esskulturen. Besucher haben eine große Auswahl an örtlichen Spezialitäten. Für die Stadt sind diese traditionellen Imbissmeilen, die es zu Hunderten gibt, elementarer Bestandteil des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

In den Erdgeschossen spielt sich das öffentliche Leben ab. Das fördert den Zusammenhalt

Im Hawker treffen Menschen aus allen Teilen des Lebens aufeinander, um ihre Lieblingsgerichte gegen kleines Geld an einem der unprätentiösen Kunststofftische zu genießen. Weil Kunden einfach dort Platz nehmen, wo etwas frei ist, sitzt Reich neben Arm, Alt neben Jung, Ostasiate neben Südasiate. Singapurs Vize-Premierminister Tharman Shanmugaratnam stellte die Bedeutung der Center für die Stadt bei einer Konferenz der Denkfabrik The Brookings Institution in Washington so heraus: "Einzelne Inhaber, die die kleinen Stände betreiben, und jeder isst dort: verschiedene ethnische Gruppen, verschiedene soziale Gruppen. Das ist das Geheimrezept Singapurs, die Nachbarschaften." Es ist ein Rezept für den Kitt, der eine Metropole zusammenhalten muss, in der Chinesen, Tamilen, Malaien sowie Anzugträger aus aller Herren Länder auf engem Raum zusammenleben.

Die Einwohnerzahl von Singapur hat sich in den vergangenen 60 Jahren enorm vergrößert: von weniger als eine Million Menschen in den 50er-Jahren bis auf fast sechs Millionen. Der Bevölkerungszuwachs stellt eine besondere Herausforderung dar. Dem Stadtstaat ist es aber gelungen, diese ohne bemerkenswerte soziale oder ethnische Spannungen zu meistern.

"Wie ist dieser Erfolg zu erklären, der anderen großen Städten vorenthalten blieb?", fragt Abhas Jha von der Weltbank, der sich mit der Finanzierung und dem Risikomanagement im Städtebau beschäftigt. Jha lebt seit 2015 in der Stadt und ist fasziniert "von den Sachkenntnissen und der Voraussicht im Wohnungsbau Singapurs". Er weiß um die Herausforderungen, mit denen die Entwickler anderswo auf der Welt nicht klargekommen sind. "Schlecht gestalteter öffentlicher Wohnungsbau wie in New York oder Paris resultierte darin, dass man Ghettos der Armut schaffte, die Ungleichheiten und soziale Unruhen intensiviert und verstärkt haben." Singapur blieben diese negativen Effekte erspart.

Es wird oft gerätselt, weshalb das so ist, und ob das Modell Singapurs auf andere Metropolen übertragbar ist. Jha glaubt, dass es das ist. Es müsse nur konsequent verfolgt werden. Andere zweifeln daran, weil der Stadtstaat trotz einer äußerlich demokratischen Struktur autoritäre Züge aufweise und die Behörden entsprechend kompromisslos ihre Wohnungspolitik umsetzen könnten. Beispielsweise liegen Verkaufspreise für Neubauten unterhalb ihres Marktwerts. Die Größe einer Familie hängt davon ab, wie groß ihr Apartment sein darf. Alleinstehende müssen ein Mindestalter erreichen, um überhaupt kaufen zu können.

Die Grundprinzipien des sozialen Wohnungsbaus in Singapur bestehen einerseits aus einer gezielten Entwicklung von örtlicher Infrastruktur. Die Wohnanlagen sind gut angebunden an den öffentlichen Nahverkehr, sodass auch Arbeitsplätze, die weiter entfernt liegen, für die Bewohner vergleichsweise gut erreichbar sind. In Gehweite bieten die Anlagen hingegen meist alles, was einer Familie das Leben erleichtert: Schulen, Kindergärten, medizinische Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten und Naherholung. Oft sind die Erdgeschosse der Hochhäuser für den öffentlichen Nutzen vorgesehen; statt Wohnungen befinden sich dort Begegnungsstätten, Freizeiteinrichtungen oder Parzellen für Händler und Dienstleister. So entstehen innerhalb der einzelnen Bezirke eigenständige Gemeinschaften, in denen sich Menschen immer wieder begegnen können und in denen ihre soziale Bindung gestärkt wird.

Mehr als 80 Prozent aller Einwohner Singapurs leben in einem Gebäude, das dem sozialen Wohnungsbau entstammt.

Der nächste Park ist oft nur zehn Gehminuten entfernt

Wer hingegen in einem der privaten Wohnblocks lebt, für den ist der Zugang zu Bussen und Bahnen komplizierter. Wegen ihrer größeren Exklusivität sind die Grundstücke häufig etwas abgeschieden. Die Immobilienentwickler gehen zudem davon aus, dass Käufer eines dieser Apartments so viel Geld besitzen, dass sie sich auch ein Auto leisten können und deswegen nicht auf andere Transportmittel angewiesen sind.

Spielplätze, Parks und Spazierwege sind ein anderer unverzichtbarer Baustein der Nachbarschaften. Acht von zehn Haushalten der Metropole können einen Park in einer Entfernung von maximal zehn Minuten Fußweg erreichen, etwa 400 Meter Distanz. Bis 2030 sollen es neun von zehn Haushalten sein. "Das sind Räume, die Lebensqualität bedeuten und die nicht weit weg von deinem Zuhause sind, ganz gleich, welcher sozialen Klasse du angehörst", schwärmte Politiker Shanmugaratnam.

Um Kompetenzstreit vorzubeugen, hat die verantwortliche Behörde HDB die Autorität über die Entwicklung neuer öffentlicher Bauprojekte dezentralisiert. Die Stadt ist in 16 Bezirke geteilt, die selbständig entscheiden, wie die Anlagen gebaut und verwaltet werden. Anwohner können aktiv in die Planungen eingreifen und mitentscheiden. Das Prinzip dabei: Die Bewohner eines Bezirks wissen am besten, was gut für sie ist. Die Bezirke sind auch dafür verantwortlich, dass sich keine ethnischen Ghettos bilden. Beim Verkauf von Wohnungen achten die Behörden darauf, dass alle Ethnien gleichermaßen zum Zuge kommen, nicht penibel genau nach Quoten, aber so konsequent, dass sich keine Gruppe völlig abschotten kann. So entzieht die Verwaltung drohendem Rassenhass den Nährboden.

Die Regierung legt zudem Wert darauf, dass die Wohnanlagen keine hässlichen Bauten sind. International angesehene Architekturbüros treten bei den Ausschreibungen gegeneinander an. Einer der spektakulärsten Wohnkomplexe ist The Interlace des deutschen Architekten Ole Scheeren. Die Anlage ist ebenfalls unter dem Schirm des öffentlichen Wohnungsbaus entstanden. 2015 wurde es beim angesehenen World Architecture Festival in Barcelona zum Gebäude des Jahres gekürt.