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Selbstversorgung:Raus auf den Acker

Seit dem Ausbruch der Corona-Krise wollen sich viele Menschen selbst versorgen und ihr eigenes Gemüse anbauen - das geht auch ohne eigenen Garten.

Mietacker

Seit Ausbruch der Corona-Krise ist die Nachfrage nach Ackerparzellen und Gemüsegärten sprunghaft gestiegen.

(Foto: Ackerhelden)

Während der Corona-Krise haben schon viele Dinge eine neue Wertschätzung erfahren. Ganz klar dazu gehören ein paar eigene Quadratmeter an der frischen Luft, sei es der eigene Garten oder der Balkon. Oder aber: eine Ackerfläche. Schon vor der Pandemie wurde das Anmieten kleiner Parzellen auf Feldern oder in Kraut- und Gemüsegärten immer beliebter. Mit Ausbruch der Corona-Krise erlebten die Anbieter einen wahren Ansturm auf die Flächen.

Zu den Anbietern gehört auch das Unternehmen Meine Ernte, 2009 gegründet von Natalie Kirchbaumer und Wanda Ganders. Es bietet am Rand von 26 Großstädten Gemüsegärten zum Mieten an. In Kooperation mit heimischen Bauern pachten die beiden Betriebswirtinnen Felder, unterteilen sie in Parzellen und vermieten diese saisonweise an Singles, Familien, Freunde. Meine Ernte übernimmt die Vermietung der Gemüsegärten und zahlt den Landwirten Gebühren und Pacht. "Seit Februar, als die Corona-Krise offenbarer wurde, klingelte das Telefon Sturm", berichtet Natalie Kirchbaumer. Weil 90 Prozent ihrer 2500 Gemüsegärten bereits in festen Gärtnerhänden und die Wartelisten lang sind, wollen Kirchbaumer und Ganders weitere Mietgärten ausweisen.

Die Idee ist in den Achtzigerjahren entstanden - nach Tschernobyl

Auf dem Hof von Bauer Klaus in Stuttgart-Möhringen hat am 4. Mai die Saison begonnen, die Pächter sind angerückt. 235 Gärten hat der Biobauer angelegt, jeweils 49 oder 90 Quadratmeter große Parzellen, unterteilt durch schmale Trampelpfade. Seit März hat sie der Bauer vorbereitet, gedüngt und mit etwa 20 Sorten Gemüse bepflanzt, Bohnen und Brokkoli, Rote Beete, Kürbis und Kohlrabi, Petersilie und Zucchini. "Es gibt aber auch Wunschbeete, vier bis sechs Quadratmeter groß, wo eigene Pflanzideen umgesetzt werden können, zum Beispiel Blumen oder Kräuter", sagt Kirchbaumer.

Bis Ende Oktober sind nun die Hobbybauern dran, Unkraut jäten, gießen und dann bis Oktober oder November ernten. An den Rändern der Parzellen flattern Schilder: "Lotti Karotti", "Geh doch zu Netto", "Ich glaube, es hackt", "Lirum larum Hackenstiel" oder "Peas for the world" haben die Gärtner ihre Miniäcker genannt. Für den kleinen Garten, circa 45 Quadratmeter groß, zahlen die Mieter 229 Euro jährlich, der doppelt so große Familien-Gemüsegarten kostet 439 Euro.

"Unsere vielen Stammkunden haben sich dieses Jahr ganz besonders nach ihrem Stückchen Land gesehnt", sagt Kirchbaumer - das weiß sie aus unzähligen Anrufen und Mails. "Gerade jetzt gibt der Garten den Menschen ein Stück Freiheit und Heimat, hier können sie sich aufhalten, so lange sie wollen. Frische Luft und Bewegung sind das, was die Menschen jetzt so dringend brauchen. Da viele auch Versorgungsengpässe und steigende Preise für Gemüse befürchteten, war der Wunsch nach Unabhängigkeit und Selbstversorgung noch größer als bisher", so Kirchbaumer.

Die Abstandsregeln einzuhalten sei kein Problem, die Leute dürften den ganzen Tag aufs Feld und seien ohnehin nie alle gleichzeitig dort. Auf allen Höfen wurden die Parzellen mit den Ziffern eins und zwei nummeriert. Wer eine eins gemietet hat, darf an ungeraden Tagen sein Feld bestellen, die zwei ist an geraden Tagen dran.

Auch Wohnungsunternehmen bieten ihren Mietern günstige Grünflächen an

Die Mietäcker sind auch für Menschen ohne grünen Daumen geeignet. An allen Standorten gibt es Einführungsveranstaltungen und Gärtnersprechstunden - derzeit allerdings durch Videos ersetzt - Gemüse-Hotlines und Gärtnerbriefe. Auf der Webseite kann man viel zu Gartenthemen nachlesen. Gießwasser und Gartengeräte stehen kostenlos bereit. Im Onlineshop können diejenigen, die auf dem Balkon Gemüse anbauen wollen, Kräuterpakete, Saatgut und Hochbeete bestellen. "Die Hobbygärtner tauschen sich auch in Whatsapp-Gruppen aus", so Kirchbaumer, für viele sei diese Kommunikation sehr wichtig.

Das gewachsene Interesse an einem Stück Ackerland hat auch Tobias Paulert, Gründer und Geschäftsführer von Ackerhelden aus Essen gespürt. Die Mieter seiner 1650 Parzellen an 22 Standorten in Deutschland und Österreich sind zwischen 18 und 80 Jahre alt, neben Einzelpersonen auch Familien, Wohn- und Bürogemeinschaften. "Wir haben unsere Flächen bereits vergrößert und jeden Tag kommen neue Anfragen", so Paulert.

Die Geschäftsidee Mietgarten sei in den Achtzigerjahren in Österreich entstanden, berichtet Paulert. Nach Tschernobyl habe eine ähnliche Krisenstimmung geherrscht wie heute. "Die Menschen hatten Angst, kein unbelastetes Gemüse zu bekommen oder dass viele Sorten nicht verfügbar sein könnten", so Paulert. Heute käme noch hinzu, dass viele einen Lagerkoller bekommen haben und nach einer befriedigenden Beschäftigung im Freien gesucht hätten. "Gärtnern macht glücklich", sagt Paulert. Der Wunsch nach Selbstversorgung sei bei vielen Kunden aber das stärkste Motiv. "Viele Menschen wollen einfach wissen, wo das Gemüse herkommt und durch welche Hände es geht, wie es gedüngt und angebaut wird. Das Lokale gewinnt in Zeiten der Krise wieder an Bedeutung."

Auch Ackerhelden kooperiert mit Landwirten, pachtet aber auch eigene Flächen von Gemeinden und Kommunen und bepflanzt sie selbst. Alles, was bei Ackerhelden in den Boden kommt, hat Bioqualität nach Bioland-Biokreis oder Demeter-Maßstäben. "Wir nutzen kein Saatgut, sondern setzen ausschließlich vorgezogene Bio-Jungpflanzen ein", so Paulert. Seit 2013 kooperiert Paulert mit Kindergärten und Schulen. "Ackerhelden machen Schule" heißt die gemeinnützige Organisation, die mit Kindern Hochbeete und Gemüsegärten baut und bepflanzt. "Eine schöne Erfahrung, wie sich Kinder, die sonst kaum vom Bildschirm wegkommen, für einen Marienkäfer oder eine gerade aus der Erde lugende Grünpflanze begeistern können." Derzeit liegt das Projekt aufgrund von Corona auf Eis, wird aber voraussichtlich von Juni an wieder umgesetzt.

Auch das Interesse an Schrebergärten am Rande von Ballungsbieten hat durch Corona einen Schub bekommen. "Wir haben in vielen Regionen doppelt so viele Nachfragen wie vorher", sagt Stefan Grundei, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde. In der Krise zeige sich die Bedeutung wohnortnaher Gärten für die Stadtbewohner. Einzelne Landesverbände haben Kooperationen mit Wohnungsgesellschaften geschlossen, "die das Potenzial Kleingarten und Wohnungsbau zusammen denken", sagt Grundei. Denn auch Wohnungsunternehmen messen den Freiflächen eine höhere Bedeutung zu. Mietergärten tragen zur Aufwertung des Wohnumfelds bei, sie sollen Gemeinschaft stiften und die Bindung ans Quartier fördern.

Mehrere Hundert solcher Gärten hat beispielsweise das Hannoversche Wohnungsunternehmen Hanova (früher GBH) auf Hinter- und Garagenhöfen, auf sogenannten Abstandsgrünflächen und unter Erdgeschossbalkonen geschaffen. Dazu kommen etwa 1600 Terrassenwohnungen mit angrenzenden Grünstreifen, auf denen die Mieter ebenfalls gärtnern dürfen. Die Mietkosten für das kleine Stück Grün vor der Wohnung belaufen sich auf wenige Euro im Monat. Die Regeln beschränken sich auf das Wesentliche, kein übermäßiger Lärm, kein unmäßiger Wildwuchs, keine hohen Zäune oder Hecken und keine Gartenlaube. Insgesamt gingen die Mieter sehr sorgsam mit ihrer Grünfläche um, sagt Klaus Robl, zuständig für Planung und Realisierung von Mietergärten bei der Hanova. Die Mieter wüssten den Wert eines Gärtchens gerade jetzt besonders zu schätzen.

Angesichts geschlossener Kinos, Konzertsäle und Restaurants dürfte in den vergangenen Wochen so mancher seine Haltung zum Stadtleben überdacht haben. "Das Interesse, etwas weiter draußen zu wohnen, steigt schon seit Längerem", so Konstantin Kortmann von JLL. Die Corona-Krise habe den Trend zur Umkehr der Urbanisierung verstärkt. In den vergangenen vier Wochen hätten Makler besonders viele diesbezügliche Anfragen bekommen. Viele Großstädte haben aufgrund des knappen und teuren Wohnraums seit einigen Jahren einen negativen Bevölkerungssaldo. Folge ist, dass der Speckgürtel mit guter Anbindung und Infrastruktur stärkere Preissteigerungen erlebt als die Kernstadt. Auffällig seien auch veränderte Ansprüche an Wohnungen, sagt Kortmann. Ein Balkon werde wichtiger, vielleicht ein kleiner Garten. Und statt der früher begehrten offenen Grundrisse werde ein weiteres Zimmer für alle möglichen Zwecke gewünscht. "Immer mehr Menschen erkennen in der Krise die Grenzen ihrer Wohnungen", so Kortmann. Und viele wollen raus. Gerne auch auf den Acker.

© SZ vom 16.05.2020

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