Schatzsucher: Die Brüder Sass Flucht nach Dänemark

Die Einbrecher hatten sich durch die Erde gegraben, unter dem Pflaster des Wittenbergplatzes hindurch, parallel zur Kellerwand der Disconto-Gesellschaft, durch einen Luftschacht herangepirscht an die Außenwand des Tresors. Und diese nach allen Regeln der Kunst durchbrochen. Im Schutz der verrammelten Stahltür räumten sie Schließfächer leer - und feierten ihren größten Coup. Am Boden, zwischen Schmuckresten und zerfledderten Wertpapieren, fanden die Polizisten auch zwei leere Weinflaschen.

Genau lässt sich die Beute nie beziffern. Schätzungen gehen von zwei Millionen Reichsmark aus. Das Geld, der Schmuck, die Goldbarren - all das lagerte auch deshalb in den Disconto-Schließfächern, um es vor Finanzamt, Gläubigern oder Ehepartnern zu verstecken. "Die Disconto-Gesellschaft rechnet mit einem Schaden in Millionenhöhe", schrieb das Lokalblatt B.Z. am Mittag. Und: "10.000 Mark Belohnung sind ausgesetzt."

Die allerdings kamen nie zur Auszahlung. Mit der Machtergreifung Hitlers fliehen die Brüder nach Dänemark, planen dort weitere Einbrüche. Die dänische Polizei erwischt sie, Franz und Erich Sass werden verhaftet, verurteilt, eingesperrt. Vier Jahre sitzen sie ein. Unterdessen nehmen sich die Ermittler in Berlin noch einmal die ungeklärten Fälle vor und finden in der Moabiter Wohnung in Mauerverstecken einiges an Werkzeug und Diebesgut von Berliner Raubzügen. Die Schlinge zieht sich zu.

"Auf Befehl des Führers erschossen"

1938 schließlich schiebt Dänemark die Brüder nach Deutschland ab. Hier machten die Nationalsozialisten kurzen Prozess mit den Verbrechern - Franz und Erich landeten umgehend im Zuchthaus. Am 27. März 1940, nach zwei Jahren Haft in Moabit und Plötzensee, werden sie in das KZ Sachsenhausen gebracht - und dort vom späteren Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß ermordet. Im Sterbebuch des zuständigen Standesamts Oranienburg steht: "Auf Befehl des Führers erschossen."

Die Millionenbeute aus dem Disconto-Einbruch allerdings taucht nie wieder auf. Nur Max Fabich, der Kriminaler, hinterlässt ein Indiz. Seinen Nachkommen berichtet er, er habe bei einem Restaurantbesuch in der Gaststätte "Schildhorn" im Grunewald Erich Sass aus dem Wald kommen sehen. Verdreckt sei er gewesen, mit einer Schaufel über der Schulter. Bis zu seinem Tode im Jahr 1963 glaubt Fabich fest daran, dass die Brüder dort die Beute vergraben haben.

Auch Wolfgang Lietz und seine Freunde vom Berliner Schatzsucherverein Cocos e.V. glauben daran. Das Restaurant gibt es zwar nicht mehr; die Halbinsel, an dessen Ende es stand, existiert aber. Darauf steht ein kleines Denkmal - für die Schatzsucher ein erster Anhaltspunkt. "Wenn ich eine Millionenbeute zu verstecken hätte, würde ich mir einen solchen Anhaltspunkt suchen, an dem ich mich orientieren kann", sagt Richard Wroblewski, ebenfalls Mitglied bei Cocos e.V. Um das Denkmal herum haben die Vereinsmitglieder mit ihren Metalldetektoren schon gesucht. Aber nichts gefunden.

Weitersuchen wollen sie dennoch, sagen die Cocos-Leute. Sie folgen weiterhin diesem einen Indiz: der Aussage von Kriminalpolizist Max Fabich. Zwei Metalldetektoren gehören mittlerweile dem Verein. Der schlägt auf metallische Kisten im Boden an, aber auch auf Gold. "Diamanten oder andere Edelsteine spürt man damit nicht auf", sagt Vereinsmitglied Peter Kosa. Papiergeld ohnehin nicht. Aber auf das sind sie auch nicht aus. "Goldbarren und Edelsteine", sagt Wolfgang Lietz, und dabei blitzt es ein bisschen in seinen Augen. "Das wär's."