Sagen Sie mal ... Warum zahlen so viele ihre Steuern?

Verweigerer, Spieler und Zahler: Steuerpsychologe Erich Kirchler weiß, warum überraschend viele Menschen bereit sind, ehrlich Steuern zu zahlen.

Interview: Hans von der Hagen

Die jüngste Steueraffäre erweckt den Eindruck, die Deutschen seien das Volk der Hinterzieher. Doch das ist nicht so. Viele Menschen zahlen ihre Steuern ohne zu murren. Erich Kirchler vom Institut für Wirtschaftspsychologie an der Universität Wien erläutert die Gründe im Interview - und benennt die unterschiedlichen Steuerzahler-Typen.

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sueddeutsche.de: Zuletzt entstand der Eindruck, dass nur die Dümmsten in Deutschland ihre Steuern zahlen. Ist das so?

Erich Kirchler: Überhaupt nicht. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen zahlt die Steuern korrekt.

sueddeutsche.de: Gibt es Zahlen dazu?

Kirchler: Nein, nicht direkt zur Steuerehrlichkeit. Es ist auch schwer, Steuerehrlichkeit zu messen und die Grenzen zwischen legalem und illegalem Handeln zu ziehen und einen allgemeingültigen Maßstab zu definieren. Aber über die Schattenwirtschaft kann Steuerehrlichkeit geschätzt werden. Vor allem in Australien wurden Studien zur Steuermoral durchgeführt. In denen zeigte sich, dass sich die große Mehrzahl der Menschen dem Staat und seinen Institutionen verbunden fühlt. Sie haben Vertrauen in den Staat und kooperieren. In Deutschland dürfte der Anteil ähnlich hoch sein.

sueddeutsche.de: Und wer sich verbunden fühlt, ist eher bereit, regelkonform zu zahlen?

Kirchler: Soziale oder persönliche Normen und das Gefühl, fair behandelt zu werden, führen zur freiwilligen Steuerehrlichkeit. Die, die sich verbunden fühlen, denken gar nicht darüber nach, ob sie ehrlich sein sollten oder nicht und wie sie ihren Eigennutz maximieren. Sie zahlen einfach, weil sie wissen, wofür sie es tun - unabhängig von der Größe des Vermögens.

sueddeutsche.de: Ohne die gesetzlichen Spielräume zu nutzen?

Kirchler: Aufgrund der komplexen Gesetze ist es oft schwierig zu unterscheiden, was rechtmäßig ist und was nicht. Darum suchen viele einen Steuerberater auf. Aber nicht, um alle Spielräume zu nutzen und entsprechend weniger zu zahlen, sondern um korrekt zu handeln.

sueddeutsche.de: Für das gute Gewissen also?

Kirchler: Vor allem für ein ruhiges Gewissen. Im Falle einer Prüfung haben sie nichts zu befürchten. Das reicht.

sueddeutsche.de: Das klingt sehr - friedlich. Aber viele zahlen doch mit der Faust in der Tasche.

Kirchler: Das stimmt. Es gibt auch eine große Gruppe der erzwungenen Steuerehrlichen. Sie zahlen, weil sie keine andere Wahl haben und wenig Spielräume, die sie nutzen könnten. Oder sie haben kapituliert und machen keine Anstrengungen mehr, sich gegen die Steuergesetze zu wehren.

sueddeutsche.de: Was ist, wenn Spielräume vorhanden sind und auch ausgenutzt werden?

Kirchler: Das macht die Gruppe der Spieler. Spieler suchen sich oft Experten und wollen mit ihnen zusammen schlauer als der Staat sein: Sie kürzen die Steuern innerhalb des legalen Rahmens - und rutschen eben manchmal ins Illegale ab. Auch, weil vieles eben Auslegungs- und damit Verhandlungssache ist.

sueddeutsche.de: Welches Verhältnis hat der Spieler zum Staat?

Kirchler: Er ist misstrauischer. Und er sieht, dass dem Staat oft die Möglichkeiten fehlen, seine Angaben nachzuprüfen. Das nutzt er aus.

sueddeutsche.de: Die Liechtenstein-Fraktion - gehört die zu den Spielern?

Kirchler: Viele dürften Spieler sein. Denn zum Typus des Spielers gehört auch: Wenn es sich lohnt, zu hinterziehen, dann macht er es auch. Er würde nicht kooperieren, sondern abwägen, nicht das Gemeinwohl suchen, sondern den Eigennutz: Er fragt sich: Was kann ich gewinnen und welche Sanktionen muss ich befürchten?

sueddeutsche.de: Gibt es auch den Typus des Totalverweigerers?

Kirchler: Ja, aber so wie die Spieler sind auch Totalverweigerer wesentlich kleinere Gruppen. Sie wollen gar keine Steuern zahlen und versuchen, den Zahlbetrag mit allen Mitteln zu reduzieren. Früher einmal aus durchaus nachvollziehbaren Motiven, etwa in den Kolonien, wenn Steuern aus Protest gegen die Besatzungsmacht hinterzogen wurden. Heute zählen zu dieser Gruppe etwa jene, die überwiegend schwarz arbeiten. Aber auch hier zeigen Untersuchungen, dass viele Menschen nur vorübergehend schwarz arbeiten und später wieder in die offizielle Wirtschaft zurückkehren und ihre Steuern begleichen.

sueddeutsche.de: Der Mensch hat also einen Hang zum Gemeinsinn bewahrt?

Kirchler: Es ist für Ökonomen immer wieder überraschend zu sehen, dass viele Menschen ein großes Interesse an Kooperation haben und nach dem Prinzip handeln: "Wie du mir, so ich dir." Der Staat unterstützt den Kooperationsgedanken, indem er, wie jetzt in der Liechtenstein-Affäre zu sehen, demonstrativ hart gegen Steuerhinterzieher vorgeht und Kooperationswillige davor schützt, ausgenutzt zu werden.

sueddeutsche.de: Sie haben jetzt unterschiedlichen Steuerzahlertypen genannt. Lassen Sie sich auch noch anderweitig klassifizieren? Zahlen eher Männer oder Frauen, Junge oder Alte, Arme oder Reiche ihre Steuern korrekt?

Kirchler: In zahlreichen empirischen Studien zeigt sich, dass mit zunehmendem Alter die Steuerehrlichkeit steigt. Vor allem bei Selbständigen dürfte dies der Fall sein. Das heißt nicht, dass junge Selbständige grundsätzlich Steuer hinterziehen; oft sind wirtschaftliche Engpässe und Unerfahrenheit Grund für Unehrlichkeit. Weiter heißt es, dass Frauen ehrlicher sind als Männer. Bezüglich der Einkommenseffekte liegen keine eindeutigen Befunde vor.

sueddeutsche.de: Was kann denn ein Staat tun, um mehr Steuerehrlichkeit zu erreichen? Hilft der typisch deutsche Weg: intensivere Kontrollen?

Kirchler: Mehr Kontrolle und schärfere Strafen bergen ein gefährliches Moment, denn sie signalisieren Misstrauen. Und Misstrauen löst auf der Gegenseite beim Bürger ebenfalls Misstrauen aus - so dass der Staat genau die verprellt, die er braucht: die Kooperativen, die dem Staat vertrauen. Gleichwohl ist Kontrolle notwendig, damit alle sehen, dass Nichtkooperation sanktioniert wird.

sueddeutsche.de: Was hilft dann?

Kirchler: Vor allem eine Vereinfachung der Gesetze würde Kooperation fördern, indem sie die Trennlinie zwischen richtig und falsch deutlicher macht. Formal verhalten sich viele Steuerzahler korrekt, wenn sie jeden Schlupfwinkel ausnutzen. Sie verhalten sich gemessen an den Buchstaben gesetzestreu - aber nicht dem Geist des Gesetzes entsprechend. Sie schüren damit das Gefühl, dass das ganze System unfair sei und diejenigen, die keine guten Berater haben, immer zu viel Steuern zahlen.

sueddeutsche.de: Die Reduktion der Steuersätze sorgt nicht für mehr Ehrlichkeit?

Kirchler: Es gibt jedenfalls kaum Belege dafür. Vielmehr lässt sich bei hohen Steuersätzen ein anderes Phänomen beobachten: Die Leute arbeiten weniger, weil es sich nicht mehr lohnt. Diese Form von Steuerflucht ist legal - aber nicht im Sinne des Gesetzgebers.