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Rohstoffe:Kies wird knapp

Es soll immer mehr gebaut, aber die Umwelt geschont werden - ein Zielkonflikt, der hierzulande von wachsenden Protesten aus der Bevölkerung begleitet wird. Experten aus Wissenschaft und Industrie haben einige Ideen, wie das Problem gelöst werden könnte.

Von Joachim Göres

Kies haben, das bedeutet umgangssprachlich so viel wie reich sein. Dies scheint in Zeiten des Baubooms eine passende Bezeichnung zu sein, ist Kies doch der wichtigste heimische Baurohstoff, der vor allem zur Herstellung von Beton benötigt wird. In einer vor Kurzem vorgestellten Studie warnt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) aus Hannover nun vor drohenden Engpässen. Zwar gebe es in Deutschland riesige Mengen an Baukies, doch dieser stehe nur eingeschränkt zur Verfügung. Landwirte seien angesichts steigender Preise für Ackerland immer seltener bereit, ihre Flächen für den Rohstoffabbau zu verkaufen oder zu verpachten. Häufig verhinderten auch Wasserschutz- und Naturschutzauflagen die Kiesförderung. Viele bestehende Kiessand-Lagerstätten liefen in absehbarer Zeit aus, gleichzeitig werde es immer schwieriger, von kommunalen Behörden die Genehmigung für neue Kiesgruben zu bekommen.

Das habe nach Angaben der BGR-Studienautoren Harald Elsner und Michael Szurlies angesichts wachsender Bautätigkeit schon heute Konsequenzen: "Als Folge davon traten im Jahr 2016 erstmals in Hamburg, im Jahr 2017 dann auch im Ruhrgebiet Versorgungsengpässe bei Baurohstoffen für den Straßenbau ein, die sich im Jahr 2018 auf den Hochbau im Ruhrgebiet sowie die Großräume Mannheim-Karlsruhe und Berlin/Potsdam ausweiteten. Mittlerweile werden auch in anderen Regionen, so in Teilen Niedersachsens und Bayerns, Aufträge für größere Baumaßnahmen nicht mehr angenommen, Stammkunden vorrangig versorgt und Kiesmengen nach Verfügbarkeit zugeteilt." Sie zitieren eine Umfrage der IHK Bayern von 2018, wonach 38 Prozent der befragten Unternehmen von Versorgungsengpässen bei mineralischen Baurohstoffen betroffen waren. Diese Zahl werde nach Überzeugung der Autoren steigen: "Insbesondere in Zeiten steigender Nachfrage, die Konjunkturzyklen folgend auftreten, werden ausgewiesene Vorräte viel schneller verbraucht, so dass auch der Bedarf an Ersatz- beziehungsweise Erweiterungsflächen steigt." Ihre Forderung: Die Genehmigungsbehörden müssen mehr neue Kies-Gewinnungsstellen ausweisen, möglichst dezentral über Deutschland verteilt.

Mehr Genehmigungen für immer mehr Kiesabbau für immer mehr Neubauten - das ist nach Überzeugung von Matthias Buchert vom Öko-Institut Darmstadt der falsche Ansatz. Richtig wäre es dagegen, den Abbau von Kies drastisch zu senken - denn Kies ist ein nicht-erneuerbarer Rohstoff. "Es kann bis Mitte des Jahrhunderts eine absolute Reduzierung des jährlichen Bedarfs von 45 Prozent gegenüber 2013 durch Recycling, Lebensverlängerung von Gebäuden und weiteren Maßnahmen erreicht werden", heißt es in einem Papier des Öko-Instituts, bei dem Buchert Leiter der Arbeitsgemeinschaft Ressourcen ist.

Korngrößen

Zwei bis 63 Millimeter, das ist die Korngröße bei Kies. Feinere Sedimente werden als Sand bezeichnet, gröbere als Steine. Kies ist abgerundet, im Gegensatz zu Splitt und Schotter. Kies kann aus Granit, Quarz, Sandstein, Kalkstein oder anderen Gesteinsarten bestehen. In Deutschland gibt es überwiegend Kiese aus verschiedenen Gesteinen. Reine Quarzkiese sind selten und begehrt.

Thema Recycling: "In der Schweiz ist man da viel weiter als in Deutschland. Bei uns müsste die öffentliche Hand als Bauträger vorangehen und verstärkt auf Recyclingbeton bei ihren Bauprojekten setzen, damit die Industrie in diesen Bereich mehr investiert", sagt Buchert. Bisher ist es üblich, dass gebrochener Beton, der Kies enthält, im Straßenbau eingesetzt wird - man spricht von Downcycling, weil ein hochwertiger Rohstoff nur noch als minderwertiges Material gebraucht wird. Das müsste laut Buchert nicht sein: "Eine Nutzung als Gesteinskörnung zum Ersatz von Kies, um Recyclingbeton herzustellen, ist technisch ausgereift." Auch bei anderen Baustoffen wie zum Beispiel Gips könnte durch Recycling der Verbrauch deutlich gesenkt werden. Laut Öko-Institut könnte Kies, Ton, Naturstein und Gips zu mindestens zehn Prozent durch Recyclingmaterial werden - derzeit liegt bei Kies der Anteil unter einem Prozent.

Erst vor Kurzem hatte der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) den Entwurf des Bundesumweltministeriums für eine neue Ersatzbaustoffverordnung kritisiert, mit der Boden und Grundwasser besser geschützt werden soll. Laut ZDB würde durch diese Verordnung der Einsatz von Recyclingbaustoffen erschwert, da Grenzwerte zur Verwertung dieser Baustoffe verschärft würden und so immer mehr recycelfähiges Baumaterial auf Deponien lande. "Das ist ein klassischer Zielkonflikt zwischen dem Grundwasserschutz und dem Ressourcenschutz. Es muss einen vernünftigen Kompromiss geben, damit alte Baumaterialien besser aufbereitet werden können", sagt Buchert.

Auflagen werden ignoriert, Gewinne anderswo verbucht, moniert eine Bürgerinitiative

Thema Lebensverlängerung von Gebäuden: "Autos müssen regelmäßig zum TÜV, Gebäude werden dagegen nicht regelmäßig überprüft. Das ist falsch. Der Bestand muss besser gepflegt und ertüchtigt werden, um so die Zahl der Neubauten zu reduzieren", sagt Buchert. Dies könne durch eine Erhöhung der Sanierungsraten von heute einem auf künftig drei Prozent bei Wohngebäuden erreicht werden.

Weitere Maßnahmen: Buchert fordert, bei Neubauten stärker auf Tiefgaragen zu verzichten, weil dafür sehr viel Beton verbraucht werde. Die Stellplatzverordnungen der Kommunen und Bundesländer müssten so geändert werden, dass bei Neubauprojekten die geforderte Anzahl an Parkplätzen reduziert werde. Gleichzeitig sei das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs auszubauen, um eine Alternative zum eigenen Auto zu liefern. Bei Neubauten seien Mehrfamilienhäuser wesentlich effizienter als rohstoffintensive Einzelbauten auf der grünen Wiese. Die Grunderwerbssteuer müsse in eine Flächenerwerbssteuer umgewandelt werden, um flächen- und ressourcensparender zu bauen.

Kiesgrube

Kiesgewinnung am Niederrhein. Der Rohstoff wird dort seit mehr als 100 Jahren aus dem Boden geholt.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Die Einführung einer Primärrohstoffsteuer wäre aus seiner Sicht ein weiterer wichtiger Baustein. Dadurch könnte der Kies teurer werden, was das Recycling wirtschaftlich interessanter machen würde. Die BGR-Studie hatte untersucht, welche Folgen so eine Steuer in Großbritannien hatte und war dagegen zu dem Ergebnis gekommen: "Die Veränderung der Primärrohstoffentnahme in Großbritannien lässt sich ... nicht direkt auf die Einführung einer Primärbaustoffsteuer zurückführen... Die gewünschte positive Wirkung einer Primärrohstoffsteuer in Deutschland (erscheint) fraglich." Buchert schließt die Erweiterung bestehender Kiesgruben nicht aus, aber er macht auch klar: "Gerade in Ballungsräumen besteht eine starke Flächenkonkurrenz, denn dort gibt es zum Beispiel im Rhein-Main-Raum oder rund um Stuttgart eine große Nachfrage nach Erholungsgebieten. Wir müssen die verfügbaren Kiesvorkommen über einen längeren Zeitraum strecken. Wenn wir nicht weniger Kies verbrauchen als bisher, wird es selbst bei großzügiger Genehmigungspraxis spätestens in 15 Jahren wieder die gleiche Diskussion wie heute geben."

In Deutschland wurden nach dem Bericht des Umweltbundesamtes von 2018 über die Nutzung natürlicher Ressourcen jährlich 326 Millionen Tonnen Steine und Kiese für den Einsatz als Baumaterial abgebaut - in dem Bericht aus dem Jahr 2016 lag der Verbrauch noch bei 338 Millionen Tonnen. Zusammen mit den Bausanden sowie Kalkstein, Gipsstein, Anhydrit, Kreide, Dolomit und Schiefer lag der Verbrauch laut Bericht von 2018 bei 517 Millionen Tonnen nicht erneuerbarer Baumineralien. Hinzukommen 58 Millionen Tonnen Industriemineralien wie Salze und Quarzsande. Von den insgesamt 575 Millionen Tonnen stammen 113 Millionen Tonnen aus Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern (102), Baden-Württemberg (82), Sachsen (44), Rheinland-Pfalz (43), Sachsen-Anhalt (42), Niedersachsen (41) und anderen Ländern.

2018 gab es in Deutschland 1910 Gewinnungsstellen von Sand und Kies. Als größtes Werk für Baukies gilt das Kieswerk Mühlberg an der Elbe in Brandenburg, in dem im vergangenen Jahr etwa 5,2 Millionen Tonnen Kies und Sand gewonnen wurden. Dort ist eine von bundesweit zahlreichen Bürgerinitiativen aktiv, die sich gegen die ständigen Erweiterungen des Kiesabbaus wehren. Der Mühlberger Ortsteil Altenau ist von Kiesgruben und Baggerseen umzingelt. Im Februar ist nach einem Sturm eine 250 Meter lange und 20 Meter breite Ackerfläche mit Wintergerste abgebrochen und verschwunden. "Rutschgefahr! Betretungen der Böschungen und Inseln streng verboten! Lebensgefahr!", warnen Schilder.

Die Mühlberger Bürgerinitiative "Für eine Heimat mit Zukunft" bringt ihre Haltung so auf den Punkt: "Der Flächenfraß und die Kiesausbeutung im Raum Mühlberg überschreitet mittlerweile jedes erträgliche Maß und alles, was in Europa bekannt ist. Von den Gewinnen der nicht ortsansässigen Firmen verbleibt so gut wie nichts in der Region. Auflagen werden ignoriert und Rekultivierungsmaßnahmen erfolgen nicht im vertraglich vereinbarten Umfang. Wir als Verein unternehmen große Anstrengungen, im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten dem entgegenzuwirken. Wir lassen uns die Heimat nicht wegbaggern!"

© SZ vom 30.05.2020

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