bedeckt München 24°

Reinhold Messner:"Die beste Investition meines Lebens"

SZ: Sie haben kein Geld auf der Bank?

Messner: Na doch, schon. Manchmal ruft meine Sekretärin an und sagt: Wir haben kein Geld mehr, Du musst Dir etwas überlegen (lacht). Dann sag ich immer: Ich werde schon noch was finden.

SZ: Und zuhause? Verwalten Sie das Geld?

Messner: Das macht meine Frau, sie bestimmt das Familienleben. So war das bei uns zuhause auch immer, wir haben nach dem Matriarchat gelebt. Nach außen bestimmte mein Vater, der gab im Wirtshaus an. In Wirklichkeit sagte meine Mutter, wo es lang ging. Das ist doch die logische Lösung.

SZ: Warum?

Messner: In Tibet vererbt die Mutter alles an die jüngste Tochter. Frauen denken nachhaltiger, über Generationen hinweg. Männer, das sind doch alle so Spinner und Spieler.

SZ: Sie auch?

Messner: Ich auch. Deshalb überlass' ich alles Wichtige meiner Frau. Sie hat organisiert, dass ich vor jeder Expedition ein Testament machte. Das war gescheit von ihr. Sie wusste, ich kann umkommen.

SZ: War Ihr Vater enttäuscht, dass Sie Bergsteiger wurden?

Messner: Er hatte ein sonderbares Verhältnis zu mir. Einerseits lehnte er es ab, andererseits war er stolz. Als ich den Everest ohne Sauerstoffgerät machen wollte, sagte die ganze Welt: Jetzt ist er durchgedreht. Alle sprachen meinen Vater in der Dorfbar an. Er sagte: Ihr kennt ihn ja, der tut, was er will, ich hab' ihm gesagt, das packt er nicht. Aber als ich's geschafft hatte, sagte er: Ich wusste es schon immer.

SZ: Ihr Vater wollte lieber, dass Sie was Gescheites machen.

Messner: Was Praktisches, ja. Aber er hat mich als Kletterer gefördert, weil er merkte, dass ich Talent habe. Er hat mich Sachen klettern lassen, die hätte ich meinen Sohn in dem Alter niemals klettern lassen.

SZ: Sie verbieten es Ihrem Sohn heute noch, bestimmte Berge zu klettern?

Messner: Der ist 18, der tut, was er will. Er hat gerade eine ganz schwierige Erstbesteigung gemacht, die hätte ich nicht mehr mitmachen können.

SZ: Wie ist das zu merken, dass manches körperlich nicht mehr geht?

Messner: Als ich Mitte der 80er Jahre die letzten großen Bergtouren gemacht habe, hatte ich schon Pläne, zu den beiden Polen zu gehen. Da braucht man Ausdauer, Erfahrung und Leidensfähigkeit. Das hat man auch noch, wenn man älter ist. Ich bin der Erste, der Grönland der Länge nach durchquert hat ohne Unterstützung aus der Luft. Irgendwann habe ich mich mal gefragt: Was tust Du denn, wenn Du nicht mehr kannst?

SZ: Und?

Messner: Und dann hatte ich die Idee, Museen zu machen. Mittlerweile habe ich vier Stück: Das fünfte, das Messner Mountain Museum Ripa auf Schloss Bruneck im Pustertal, wird bald fertig. In die Projekte habe ich eine Menge Geld reingesteckt.

SZ: Wie viel haben Sie schon ausgegeben ?

Messner: Ein paar Millionen werden es schon sein.

SZ: Alles fing mit Ihrer Burg Juval an. Was hat die gekostet?

Messner: Die war spottbillig. Billiger als jede kleine Eigentumswohnung. 30000 Euro umgerechnet, 1983. Heute könnte ich sie für zehn Millionen Euro verkaufen. Das war die beste Investition meines Lebens. Mein Banker sagte mir damals: Tun Sie es nicht! Als ich ihn zur Eröffnung der Burg eingeladen habe, hat er sich für diesen Ratschlag entschuldigt. Wenn ich in eine Liebhaberei investiere wie in meine Burg, geht das nie daneben. Gefährlich ist es, wenn ich etwas halbherzig kaufe. Das geht meistens daneben.

SZ: Ihr Bergsteigen ist ein ziemlicher Gegenentwurf zum heute typischen Leben mit Karriere, drei Lebensversicherungen und den Vorschriften, wie man in der Firma den Aufzug nutzen darf.

Messner: Ich bin im Grunde bürgerlich: Familie, jetzt sogar verheiratet, Wohnungen. Aber das Aufbrechen in die Berge ist ein Gegenmodell, da gibt es keine Versicherung, die nutzt auch nichts, da trage ich die ganze Verantwortung selbst. Ich bin in einem archaischen Raum unterwegs, in der Anarchie. Es gibt keinen Gesetzgeber, keine Macht über mir.

SZ: Sind Sie glücklicher, weil Sie ab und zu in diesem archaischen Raum leben?

Messner: Ich habe in meinem Leben noch nie gearbeitet. Ich tue genau das, was ich am liebsten mache.

SZ: Also ja?

Messner: Ja.

© SZ vom 16.10.2009/tjon/mel

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite